Sein Fall bleibt bis heute umstritten
33 Jahre im US-Knast: Jens Söring kennt True-Crime-Fälle aus erster Hand
Fotos: (c) Jens Söring
26.03.2026 / FULDA -
Mehr als vier Jahrzehnte sind vergangen, seit der brutale Doppelmord an Nancy und Derek Haysom die USA erschütterte. Ein aufsehenerregender Fall, der weltweite Bekanntheit erlangte. Der damals 18-jährige Jens Söring, Sohn eines deutschen Diplomaten, geriet mit seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom ins Visier der Ermittlungen. Er kassierte zweimal lebenslänglich, saß über 33 Jahre hinter Gittern. Bis heute beteuert er unschuldig zu sein. Der Ex-Häftling ist am Freitagabend in der Propstei Johannesberg in Fulda zu Gast. Mit seinem Programm "Hinter der Maske des Bösen - True Crime von einem Insider" tourt er durch Deutschland.
1990 kam der Prozess unter enormem Medieninteresse ins Rollen. Im OSTHESSEN|NEWS-Interview blickt der heute 59-Jährige auf diese Zeit zurück - und darauf, welchen Weg er Jahrzehnte später eingeschlagen hat. Das alles, liebe Leserinnen und Leser, ohne im Vorfeld der Veranstaltung zu viel zu verraten.
Jens Söring: "Aus Liebe - um das Leben seiner Freundin vor der Hinrichtung zu retten - gesteht ein Teenager ein entsetzliches Verbrechen. Damals gab es nur Serologie- (Blutgruppen-)Tests. Diese Tests schienen sein Geständnis zu belegen - denn seine Blutgruppe (0) wurde am Tatort gefunden.
Erst Jahrzehnte später werden DNA-Untersuchungen durchgeführt - und es stellt sich heraus, dass das Blut seiner Blutgruppe ein anderes DNA-Profil hat. Ein anderer, nicht identifizierter Mann hatte damals am Tatort geblutet - nicht der Teenager, der die Tat gestanden hatte."
Bei meinem Prozess 1990 konnte der Staatsanwalt der Jury 26 Mal (!) sagen: Am Tatort war das Blut der Blutgruppe 0, der Angeklagte Söring hat diese Blutgruppe, ipso facto schuldig. Erst Jahrzehnte später kam heraus: Dieses Blut ist nicht meines, es hat ein anderes DNA-Profil."
O|N: Mit 23 Jahren wurden sie verurteilt. Zweimal lebenslänglich hieß das für Sie. Wie haben Sie die Zeit im US- Gefängnis wahrgenommen?
Die Zeit im Gefängnis habe ich damit verbracht, für die Gerechtigkeit und meine Freiheit zu kämpfen. Dieser Kampf hat mir die Kraft gegeben, er gab mir ein ZIEL, für das ich kämpfen konnte. Das basierte alles auf den Konzepten des Wiener Psychiaters Dr. Viktor Frankl und seinem wunderbaren Buch, "Trotzdem Ja zum Leben sagen". Dieses Buch inspiriert auch meine Arbeit als Resilienz-Coach, darüber spreche ich in der offenen Fragerunde häufig (wenn ich dazu Fragen erhalte)."
O|N: Durch Zweifel am Verfahren wurden Sie auf Bewährung entlassen: Nach 33 Jahren, sechs Monaten und 25 Tagen waren sie wieder ein freier Mann. Bei Ihrer Ankunft im Dezember 2019, erwartete Sie am Flughafen Frankfurt ein großes Medienaufgebot. Sie sprachen vor laufender Kamera von Ihrem "schönsten Tag Ihres Lebens". Wie hat sich Ihr Leben seitdem entwickelt? Wo stehen Sie heute?
Mein Leben seit meiner Entlassung hatte Höhen und Tiefen. Gerade in den ersten zwei bis drei Jahren war es manchmal schwierig, weil ich auf das Leben in Freiheit nicht vorbereitet war. Ich habe den falschen Menschen vertraut, so kam es zum Beispiel zu der dämlichen Netflix-Serie. (Glücklicherweise gibt es jetzt eine viel, viel bessere Doku: von Kabel Eins, in der Joyn-Mediathek, Perspektiven des Todes Folge 7.)
Die letzten zwei bis drei Jahre laufen viel besser. Meine Arbeit als Resilienz-Coach macht mich glücklich, ich konnte mehr als drei Dutzend Menschen helfen. Und meine Live Events - mit denen ich vor drei Jahren begann - laufen phantastisch gut."
O|N: Wie gehen Sie damit um, dass viele Menschen Ihren Fall bis heute kontrovers sehen?
Was mich nervt, sind Menschen, die meinen, "die Wahrheit" ganz klar erkannt zu haben - aufgrund von tendenziösen deutschen Podcasts und Dokus, bei denen immer ganz entscheidende Tatsachen nur teilweise oder auch gern völlig falsch dargestellt werden.
Fakt ist, in diesem Fall gibt es zwei Chefermittler: den ursprünglichen (Chuck Reid) und seinen Nachfolger (Ricky Gardner). Sie haben völlig unterschiedliche Meinungen! Chuck Reid ist von meiner Unschuld überzeugt, er ist heute mein Freund (auch seine Frau Debbie). Ricky Gardner hält mich für den Teufel-auf-Erden. Diese beiden haben in Virginia am Fall gearbeitet. Und sie kamen zu diametral gegenübergesetzten Ergebnissen. Wie kann man da aus tausenden Kilometern in Deutschland glauben, man habe "die Wahrheit" erkannt? (Ich finde diese Besserwisserei übrigens … sehr deutsch.)"
O|N: Mit Blick auf die Veranstaltung am Freitag in Fulda: Was können die Zuschauer an diesem Abend erwarten?
Nach einer Pause, sind weitere 80 Minuten für eine offene Fragerunde zum Mordfall Haysom, der Netflix-Serie, den neuen Entwicklungen im Fall (Sheena Haysom, familial DNA Tests, Wiederaufnahmeverfahren) vorgesehen."
Insgesamt verspricht Söring "drei Stunden anspruchsvolle Unterhaltung". Überzeugen Sie sich selbst! (Maria Franco) +++