Austauschen und gemeinsame Ziele verfolgen
"Ich habe so viel Hoffnung": Militärbundesrabbiner Zsolt Balla zu Besuch
Fotos: Jutta Hamberger
25.03.2026 / FULDA -
Was stellt "man" sich eigentlich vor, wenn eine Veranstaltung mit Deutschlands erstem Militärbundesrabbiner angekündigt wird? Das da jemand in Kampfmontur, Maske, Kippa und mit geschultertem MG hereinkommt? Oder mit Tora und Israelfahne in der Hand? Der uns den Nahost-Konflikt erklärt oder über Antisemitismus redet? Nein, nein, und nochmal nein. Zsolt Ballas Vortrag war eine philosophisch angehauchte Plauderstunde, humorvoll, kenntnisreich, menschenfreundlich.
Wie kommt ein Ungar in diese Position?
Die Veranstaltung war eine Kooperation der Katholischen Akademie und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ, Gunter Geiger und Jutta Hamberger begrüßten die anwesenden Gäste und Rabbiner Zsolt Balla, den die Bahn leider viel später nach Fulda brachte, als das geplant war. "Als ich nach Deutschland kam, konnte ich nur zwei Dinge nicht – deutsche Grammatik, und deutsche Vokabeln", führt Balla sich ein, und hat damit gleich das Eis gebrochen und die Zuhörer für sich gewonnen. In humorvollem Plauderton, aber mit viel Tiefe erzählte er aus seinem Leben und von seinem Werdegang.Zsolt Balla wurde in Budapest in eine klassisch assimilierte, jüdische Familie hineingeboren: "Ich wusste erst mit neun Jahren, dass ich Jude bin", erzählt er. In seiner Familie wurde viel Wert auf Bildung gelegt. "Was Du im Kopf hast, kann Dir niemand wegnehmen", lautete ein Satz, den er immer wieder von seinem Großvater hörte. Ein Satz, den er als Kind noch nicht einzuordnen wusste, der aber gespeist war aus den Erfahrungen der Shoah. "Meine Eltern und Großeltern haben Wissen sehr gefördert", so Balla. Was bedeutete, dass es nicht unbedingt jedes weitere gewünschte Spielzeug gab, Bücher hingegen schon.
Die Bibel als Lieblingsbuch
Balla erzählte, sein Lieblingsbuch sei die Bibel gewesen – aus jüdischer Sicht also die "erweiterte Ausgabe". Als irgendwann in einer christlichen Gemeinde sonntags Bibelstunden angeboten wurden, wollte er dort unbedingt hingehen. Die Reaktion seiner Eltern: "Wir müssen reden!" Erst jetzt erfuhr Balla, dass er Jude ist. Der Großvater mütterlicherseits war Levit – ein Status, der vom Vater auf den Sohn vererbt wird. "Und ich begriff: Die Geschichten, die ich in der Bibel las, z.B. über die Leviten, das waren ja Familiengeschichten!" Balla begann, in die Synagoge zu gehen.Das, was man als kognitive Dissonanz bezeichnet – man weiß, was man tun sollte, aber man tut es nicht – löste Balla letztlich für sich auf, indem er Schritt für Schritt jüdische Religion und Traditionen erlernte. 2002 ging er nach Berlin, um dort an der Beis Zion-Talmud-Hochschule zu studieren. 2009 wurde er zum Rabbiner ordiniert. 2021 wurde Balla zum ersten Militärbundesrabbiner ernannt – er ist kein Angestellter der Bundeswehr oder des Staates, sondern wird vom Zentralrat der Juden ernannt: "Ich soll meine Religion frei ausüben können," erklärt er uns – und erwähnt, dass dies auch bei den Militärbischöfen so sei.
Die beste Streitkraft der NATO
Und dann kommen Sätze, die so wohl niemand erwartet hatte – nämlich ein Loblied auf die Bundeswehr. Und alle im Publikum, die beim Stichwort Bundeswehr an kaputtgespart, nicht einsatzfähig, fragwürdige Verteidigungsminister etc. dachten, rieben sich verwundert die Augen. Denn: "In der NATO ist die Bundeswehr die beste Streitkraft, was Werte angeht." Nach den Erfahrungen der NS-Zeit wollte die Bundeswehr sicherstellen, dass künftige deutsche Soldaten wissen, warum und für wen sie Dienst tun und welche Verantwortung sie haben. Dafür wurde das Zentrum Innere Führung gegründet – dort geht es um die Werte einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft. Sich austauschen und miteinander reden
Eine Geschichte aus dem Talmud gibt Zsolt Balla zum Abschied allen mit. Im Talmud hieße es, wenn man von drei unterschiedlichen Sachen träume – von einem Fluss, einem Topf und einem Vogel – könne man Frieden erwarten. Warum gerade diese drei? "Der Fluss trennt etwas, aber man kann Brücken bauen, man kann sich begegnen und Dinge tauschen. Feuer und Wasser löschen sich gegenseitig, aber wenn man Wasser in einem Topf aufs Feuer stellt, erwärmt es sich, dann haben zwei sehr verschiedenartige Elemente dasselbe Ziel. Der Vogel schließlich lebt nicht nur auf der Erde und nicht nur im Himmel, sondern braucht beides."Genau darum ginge es – die anderen nicht zu dämonisieren, sondern sich auszutauschen, und trotz Verschiedenheit gemeinsame Ziele zu verfolgen. Dafür brauche man alle. "Wir haben hier in Europa etwas missverstanden: Wir dachten, Frieden sei die Regel und Krieg die Ausnahme. Aber Frieden ist niemals stabil, dafür muss man jeden Tag etwas tun, sonst verlieren wir ihn."
Ausstellung Feldrabbiner und Operation Levi
Viele interessierte Fragen aus dem Publikum beantwortete Zsolt Balla noch, bevor er wieder zum Zug gen Leipzig musste. Aber: Er wird weitere fünf Jahre als Militärrabbiner arbeiten, da wird sich die Gelegenheit für einen weiteren Besuch in Fulda sicher finden!Im Bonifatiushaus nutzten viele nach dem interessanten Vortrag die Gelegenheit, die völlig neu konzipierte Ausstellung "Feldrabbiner in den deutschen Streitkräften des Ersten Weltkriegs" zu besuchen, die noch bis Ende dieser Woche zu sehen ist und vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge aufgebaut worden war.
Viel Interesse gab es auch für die Operation Levi. Im Ersten Weltkrieg dienten auch ca. 100.000 jüdische Soldaten, etwa 12.000 von ihnen fielen. Auch um ihre Gräber kümmert sich der Volksbund. Zahlreiche deutsche Soldatenfriedhöfe in Frankreich wurden nach 1918 aufgelöst und zu größeren Einheiten zusammengelegt, dabei wurden jüdische Grabzeichen oft durch Kreuze ersetzt. Der Volksbund bemüht sich darum, die jüdischen Einzelgräber wieder mit Stelen und Davidstern statt Kreuzen zu kennzeichnen. (Jutta Hamberger) +++