Gedenkfeier zur Erinnerung
Völkermord an Sinti und Roma: Geschichte zeigt, wohin Gleichgültigkeit führt
Fotos: O|N / Constantin von Butler
23.03.2026 / FULDA -
Am 23. März 1943 wurden 125 Fuldaer Sinti und Roma deportiert. Sie wurden mit dem Zug nach Auschwitz gebracht. Ihr "Eingang" – so hieß das im Jargon der Nationalsozialisten – wurde vier Tage später akribisch festgehalten. Die meisten von ihnen wurden in Auschwitz ermordet, nur wenige Überlebende kehrten nach 1945 zurück.
Erinnern an die Vergessenen des Völkermords
Es war eine kleine, aber illustre Schar von Fuldaerinnen und Fuldaern, die sich vor der Gedenktafel versammelt hatte, die an den Völkermord an den Sinti und Roma erinnert. Der Torbogen ist kein einfacher Gedenkort, da der Verkehrslärm die Feier etwas störte – aber das Stadtschloss ist nun einmal der Ort, an dem das Verbrechen gegen die Fuldaer Sinti und Roma seinen Ausgang nahm. Seit 1995 hängt hier die Gedenktafel.Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld begrüßte Fuldas erste Bürgerin, Stadtverordnetenvorsteherin Margarete Hartmann, Ehrenbürger und OB a.D. Dr. Alois Rhiel, Gunter Geiger, den Leiter der Katholischen Akademie, Dr. Peter Zürcher, den persönlichen Referenten von Bischof Dr. Michael Gerber, Anja Listmann, Fuldas Beauftragte für Jüdisches Leben, Roman Melamed von der Jüdischen Gemeinde sowie Mitglieder der Fuldaer Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats. Auch Rinaldo Strauß aus dem Vorstand des Hessischen Landesverbands der Sinti und Roma – selbst Sohn von Überlebenden – war nach Fulda gekommen.
Niemand warnte oder schützte die Menschen
"Es ist bedeutsam, darüber zu berichten, was Fuldaern und Fuldaerinnen angetan wurde", so OB Wingenfeld in seiner Begrüßung. Dies sei umso wichtiger, als die meisten Menschen nicht wüssten, mit welchen NS-Untaten das Stadtschloss verbunden sei. Man müsse auch die dunkelsten Kapitel der eigenen Geschichte kennen, und nicht abstrakt an 500.000 ermordete Sinti und Roma erinnern, sondern konkret an Menschen mit ihren Namen und Geschichten.Es reiche nicht, eine Gedenktafel aufzuhängen oder Gedenkstunden abzuhalten. Erinnern müsse stets konkret werden. "Sich der Verantwortung stellen heißt, Orientierung für die Zukunft zu finden", so Wingenfeld. Und das bedeute eben auch, klar zu benennen, an welchem Unrecht die Fuldaer Stadtverwaltung in der NS-Zeit beteiligt war. "Leider gibt es so gut wie keine Zeugnisse darüber, dass Menschen gewarnt oder geschützt wurden oder dass wenigstens ihr Leid gelindert wurde," sagte der Oberbürgermeister.
Demokratie heißt, auch die Rechte von Minderheiten zu schützen
In seiner bewegenden Rede erinnerte Rinaldo Strauß daran, dass die verschleppten Sinti und Roma zuvor jahrzehntelang in Fulda gelebt und gearbeitet hatten. Er zitierte aus den Erinnerungen von Amalie Gutermuth und ihrer Schwester Dorothea – von 45 deportierten Familienmitgliedern kamen nur vier lebend zurück. "Aber das Unrecht endete 1945 nicht – in den Köpfen, in Gesetzen, in der Gesellschaft lebten Misstrauen und Vorurteile weiter. Niemand interessierte sich für sie oder für das, was sie verloren hatten", so Strauß. Die Erinnerung mit Leben füllen
Die Erinnerung konkret machen – diesen Auftrag übernahmen drei Schülerinnen. Carla Bohl erinnerte an das Schicksal von August Christ, 1928 in Fulda geboren, und im September 1944 in Auschwitz ermordet. Leni Manthey verlas die Namen aller aus Fulda deportierten Sinti und Roma. Florentine Schlereth schließlich forderte dazu auf, sich immer wieder zu fragen, was man als Gesellschaft tun müsse. "Fragen Sie sich bitte täglich: Wie gehen wir mit den Schwächsten der Gesellschaft um?", so ihr eindringlicher Appell.