Mit Standing Ovations
Georg Friedrich Händel, Messias - Kantorei der Christuskirche
Fotos: Kevin Kremer
16.03.2026 / FULDA -
Im Dezember 2025 fragte der Bayerische Rundfunk seine Hörer im Rahmen des Programms #BayernSingt nach ihren Top Ten der Chormusik. Auf den beiden vorderen Plätzen standen Bachs "Weihnachtsoratorium" und die "Messe in h-moll", es folgten das "Deutsche Requiem" von Brahms, Mozarts "Requiem" und auf Platz fünf Händels "Messias". Ein Werk, das zu den berühmtesten Oratorien überhaupt und zu den populärsten Werken geistlicher Musik gehört.
Händel schrieb den "Messias" (1741) in unglaublichen 24 Tagen. In seinen anderen Oratorien oder auch in Bachs Passionen werden Geschichten erzählt und treten handelnde Figuren auf, der "Messias" hingegen verzichtet völlig auf dramatische Rollen. Nicht einmal Jesus hat eine eigene Stimme, es wird über ihn gesprochen. Das ist eine bemerkenswerte dramaturgische Entscheidung, die den Charakter des Werks entscheidend prägt.
Der "Messias" ist – ganz anders als Bachs Passionen oder die Requien von Mozart, Verdi oder Brahms – kein liturgisches Werk. Er ist an keine gottesdienstliche Funktion gebunden. Händel schrieb dieses Werk nicht für eine Kirche oder einen religiösen Anlass, sondern für ein Benefizkonzert – und brachte den "Messias" später auf seine Londoner Theaterbühne. Der "Messias" war von Anfang an für das bürgerliche Konzertpublikum gedacht – und funktioniert bis heute im Konzertsaal ebenso gut wie in einer Kirche.
Anders als viele andere große geistliche Werke ist der "Messias" auch nicht an eine bestimmte Zeit des Kirchenjahres gebunden. Das Werk führt über Passion und Auferstehung bis zur Erlösung der Welt – und umspannt damit den gesamten Bogen der christlichen Heilsgeschichte.
Der eigentliche Protagonist des Werks ist der Chor. Er verkündet, kommentiert und jubiliert. Der Chor – das sind wir selbst: Menschen, die das Geschehen nicht darstellen, sondern darauf antworten. Musikalisch ist der "Messias" eine große Herausforderung für einen Chor, denn viele Chöre sind technisch extrem anspruchsvoll. Das gilt etwa für "And He shall purify" (Nr. 7), das sehr schnelle Koloraturen enthält, bei denen der Chor rhythmisch exakt bleiben und dabei leicht federnd singen muss.
In "For unto us a child is born" (Nr. 11) gibt es sehr schnelle Fugato-Passagen, viele koloraturartige Läufe und ständig wechselnde Einsätze der Stimmen. Der Chor muss hier organisch wie ein Gewebe klingen. Der große "Amen"-Schlusschor ist vielleicht weniger virtuos, aber doch musikalisch sehr anspruchsvoll, außerdem muss man dieses Stück nach 2,5 Stunden Hochleistung singen. Händel baut diesen Chor als Fugensatz, die Stimmen setzen nacheinander ein, der Klang wird immer dichter, und man muss den Spannungsbogen halten.
Händels Musik verlangt stimmlich große Beweglichkeit und klare Artikulation. Man muss musikalisch sehr präzise bleiben, die englischen Konsonanten sauber setzen – und man muss dramatisch gestalten können. Ein Paradebeispiel dafür ist das "Hallelujah", mit dem der zweite Teil des Oratoriums abschließt: Hier muss man zwischen Jubel, Verkündigung und innerer Spannung wechseln. Um dieses Stück rankt sich übrigens eine schöne Anekdote: Als das Stück bei einer Londoner Aufführung erklang, soll König Georg II. spontan aufgestanden sein – und das Publikum folgte seinem Beispiel. Ob die Geschichte historisch stimmt, ist nicht verbürgt, aber sie erklärt auf unnachahmliche Weise die Wirkung dieses Chores: Kaum ein Stück geistlicher Musik verbindet Jubel, Energie und feierliche Größe so unmittelbar.
Eine besondere Rolle spielen im "Messias" auch die großen Bass-Arien. Händel nutzt die tiefe Stimme häufig als Stimme der Verkündigung. Schon im ersten Teil zeichnet die Arie "The people that walked in darkness" (Nr. 10) aus dem Buch Jesaja ein eindrucksvolles Bild der Welt vor der Ankunft des Messias. Die Musik bewegt sich zunächst tastend und dunkel – bis mit den Worten "have seen a great light" plötzlich Hoffnung aufscheint. In "Thus saith the Lord" tritt der Bass dann fast wie ein Prophet auf, der Gottes Eingreifen ankündigt. Dramatisch und energiegeladen wirkt auch "Why do the nations so furiously rage together" (Nr. 36b), in dem der Psalmtext die Auflehnung der Mächtigen gegen Gott beschreibt.
Den Höhepunkt bildet schließlich "The trumpet shall sound" (Nr. 43) im dritten Teil des Oratoriums: Im Dialog mit der festlichen Solotrompete verkündet der Bass die Auferstehung der Toten – eine der eindrucksvollsten musikalischen Visionen des Werks.
Englische oder deutsche Fassung?
In einem Interview mit der Fuldaer Zeitung hatte Dirigent Andreas Schneidewind die Frage nach Englisch oder Deutsch so beantwortet: "Das Libretto zu Händels Messias stammt von einem Engländer – Charles Jennens stellte die Texte aus der King-James-Bibel und dem "Book of Common Prayer" der Anglikanischen Kirche zusammen. Die Originalsprache ist also Englisch, und für diese Sprache ist die Musik komponiert worden."
Ja. Aber! Wenn deutsche Chorsänger den "Messias" im englischen Original singen, sind das in einem ohnehin anspruchsvollen Werk zusätzliche Anforderungen, zumal dann, wenn sie sonst nicht sehr viel Englisch sprechen oder singen. Nicht nur das "th" ist eine Klippe, englische Vokale sind in der Regel heller, und die Wortbetonung entspricht nicht dem Deutschen. Das englische "r" wird weich und ungerollt gesungen – all das prägt die Leichtigkeit von Händels barockem Chorklang.
Wie anspruchsvoll das alles ist, war auch in diesem Konzert zu hören. Die Evangelische Kantorei der Christuskirche sang mit großem Engagement, doch gerade in den schnellen Chören gerieten Artikulation und Beweglichkeit stellenweise schwerer, als Händels federnde Musik es idealerweise verlangt.
Musikalisch überzeugten die Solisten des Abends – Judith Wiesebrock, Daniel Folqué, Christian Dietz und Sebastian Kitzinger – mit großer Präsenz und Gestaltungskraft. Altus Daniel Folqué blieb in einigen Passagen etwas zu zurückhaltend, Bass Sebastian Kitzinger trat mit seiner klangvollen Stimme und der sicheren Sprachbehandlung besonders hervor. Die Kammerphilharmonie Mannheim ist so etwas wie das Stammorchester der Evangelischen Kantorei Fulda und ein kongenialer Partner. Ihr weicher, runder Klang, das leidenschaftliche Spiel und die große Präzision hinterließen auch bei diesem Konzert wieder großen Eindruck.
Händels "Messias" ist weniger ein musikalisches Drama als eine große, kollektive Meditation über die christliche Heilsgeschichte. Am Ende steht kein dramatischer Schluss, sondern ein großes musikalisches "Amen". Aus einem einfachen Motiv entfaltet Händel einen weit gespannten Chor, der sich immer weiter steigert – als wolle er die Zustimmung der Menschen zur göttlichen Heilsgeschichte noch einmal in Klang verwandeln.
Aufgeführt am Sonntag Laetare und am Sonntag der Hessischen Kommunalwahl war dieses Konzert für die Zuhörer:innen in der Christuskirche eine erhebende, begeisternde Erfahrung – die mit standing ovations für Chor, Orchester und Dirigent bedankt wurde. Vielleicht liegt ja genau darin das Geheimnis dieses Oratoriums: Es erzählt die Heilsgeschichte nicht nur – es lässt uns für einen Moment Teil davon werden. (Jutta Hamberger)+++