Passionskonzert 2026 im Hohen Dom

Wäre Christus nicht in diese Welt gekommen

Die Passionskonzerte der Capella Cathedralis mit dem Originalklangorchester L’arpa festante unter Domkapellmeister Franz-Peter Huber sind stets ein Ereignis.
Fotos: Erich Gutberlet

14.03.2026 / FULDA - Die Passionskonzerte der Capella Cathedralis mit dem Originalklangorchester L’arpa festante unter Domkapellmeister Franz-Peter Huber sind stets ein Ereignis. Der intime, kontemplative Raum hinter dem Hochaltar öffnet Ohren und Herzen auf besondere Weise für die Hinwendung zur Leidensgeschichte Christi.


Musikalische Verkündigung der Passion

Domkapellmeister Huber, dessen Gespür für musikalische Schatzgräberfähigkeiten weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist, hatte eine Passionsmusik ausgegraben, die den meisten Zuhörern kaum vertraut gewesen sein dürfte – die Johannespassion von Thomas Selle (1599-1663).

Dass Selle heute nahezu vergessen ist, erscheint aus musikalischer Sicht höchst ungerecht. Er gehörte zu den prägenden Figuren der protestantischen Kirchenmusik in Hamburg, und seine "Johannespassion" von 1643 zeigt eindrucksvoll, wie rasch sich im Frühbarock eine moderne Satztechnik durchsetzte. Allerdings notierte Selle seine Werke in Tabulatur – einer Notenschrift für Saiteninstrumente mit sechs Linien, die die einzelnen Saiten darstellen. Diese Notation geriet Mitte des 18. Jahrhunderts außer Gebrauch. Es setzte sich die heute übliche Standardnotation durch, die für alle Instrumente gleichermaßen geeignet ist. Tabulatur blieb zwar theoretisch bekannt, war praktisch aber kaum noch gebräuchlich – und so versank Selles Werk für Jahrhunderte in einem Dornröschenschlaf.

Weihbischof und Domdechant Prof. Dr. Karlheinz Diez lenkte in seiner Begrüßung zunächst den Blick der Besucher auf das von Johann Ignaz Albin gemalte Altarbild. Es ist die Kopie eines Rubens-Gemäldes zum Letzten Abendmahl – und hält damit den Moment unmittelbar vor Beginn der eigentlichen Passionsgeschichte fest. "Wir werden heute eine musikalische Betrachtung der Passion erleben, eine sinnliche Erfahrung, die verschiedene Bilder vor unser geistiges Auge ruft", so Diez.

Vier geistliche Konzertstücke

Zunächst erklangen drei geistliche Konzertstücke von Thomas Selle sowie eines von Matthias Weckmann, die Texte der Passionszeit vertonen: "Also hat Gott die Welt geliebt", "Ach wir armen Sünder", "Da sie nun nahe bei Jerusalem kamen" sowie "Wenn der Herr die Gefangenen zu Zion erlösen wird".

Selles drei Werke strahlen barocke Klangfreude aus, während Weckmanns Komposition intimer und kontemplativer wirkt – und alle vier Stücke erweisen sich als wahre Kleinodien des Frühbarocks. Selles Musik besticht durch den abwechslungsreichen Wechsel von Chor- und Solopartien, Weckmanns Werk durch die sensible Ausdeutung von Psalm 126.

Zwischen Frühbarock und Bach

Wer heute eine "Johannespassion" hört, hat unweigerlich Johann Sebastian Bachs monumentales Werk von 1724 im Ohr. Zwischen Selles und Bachs Passion liegen rund 85 Jahre – ein Abstand, der die Entwicklung der oratorischen Musik eindrucksvoll hörbar macht.

Bachs Werk ist die vollendete, hochemotionale Dramatik des Hochbarocks in der Form eines großen Oratoriums. Das reich besetzte Orchester eröffnet vielfältige Klangfarben. Der biblische Bericht erscheint in den Rezitativen, während Arien und Choräle Raum für emotionale Reflexion schaffen. Bach inszeniert die Passion als großes musikalisches Drama.

Selles Johannespassion

Selles Passion dagegen steht ganz im Zeichen des Frühbarocks, in dem die Musik vor allem dem Text dient. Die Leidensgeschichte wird vergleichsweise schlicht und direkt erzählt. Wiederholungen sind selten, und auch das Orchester ist deutlich sparsamer besetzt. Vertont werden drei Szenen: Jesus im Garten Gethsemane, das Verhör vor Pontius Pilatus und schließlich die Kreuzigung auf Golgatha.

Zwischen diese Szenen sind sogenannte Intermedien eingefügt, die das Geschehen kommentieren. Das erste Intermedium blickt auf Jesus, der Leiden und Tod für die Menschen auf sich nimmt; das zweite thematisiert Jesu Angst vor dem Tod ("Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?"), und das dritte erkennt in ihm das "Lamm Gottes". Besonders aufwühlend ist das zweite Intermedium: Hier schreit Jesus seine Verzweiflung heraus – in Worten, die roh und schmerzhaft wirken, alles andere als erhaben. In diesem Moment darf Jesus ganz Mensch sein.

Auch bei Selle wird der Passionsbericht vom Evangelisten vorgetragen. Tenor Hans Jörg Mammel meisterte diese anspruchsvolle Aufgabe eindrucksvoll. Seine Partien werden von Gamben begleitet. Jesus wird von Matthias Vieweg (Bass) gesungen, hier übernehmen Violinen die Begleitung. Die Bassstimme für Jesus ist im Oratorium traditionell: Sie steht für Würde, Ruhe und Autorität – Viewegs samtener Bass erwies sich dabei als Idealbesetzung.

Auch die anderen auftretenden Rollen – der gebieterische Pilatus, der leugnende Petrus oder das aufgebrachte Volk – werden jeweils von Instrumenten begleitet, die den Charakter der Szene unterstreichen: Posaunen für Pilatus, Flöten für Petrus und das gesamte Orchester für die wütende Menge.

Die weiteren Solisten des Abends waren die beiden glänzend aufgelegten Sopranistinnen Franziska Blömer und Rebecca Haag (Sopran I und II) sowie Daniel Folqué (Altus), der allerdings etwas Mühe hatte, sich klanglich durchzusetzen – was umso bedauerlicher ist, als seine Countertenor-Stimme von großer Schönheit ist. Die

Capella Cathedralis Fulda überzeugte erneut mit einer starken Leistung – musikalisch ebenso wie spirituell. Dass für L’arpa festante, eines der traditionsreichsten deutschen Ensembles für Alte Musik, der Fuldaer Dom mittlerweile zu einer zweiten Heimatspielstätte geworden ist, ist für alle Liebhaber der Kirchenmusik ein großes Glück.

Der lange und herzliche Applaus galt allen Beteiligten – Solisten, Chor, Orchester und Domkapellmeister Franz-Peter Huber. Er galt aber auch einem Komponisten, der jahrhundertelang vergessen war und an diesem Abend im Fuldaer Dom eindrucksvoll in die Gegenwart zurückkehrte. Vor dem Konzert hatte Weihbischof Diez den Blick auf das Abendmahlsbild und damit auf den Moment vor der Passion gelenkt. Nach dem Konzert war klar: Eine zweitausend Jahre alte Geschichte braucht manchmal nur vierhundert Jahre alte Musik, um wieder ganz gegenwärtig zu werden. (Jutta Hamberger) +++

X