Hintergründe zum Verkauf
Experte der Lebensmittelzeitung: Was ist bei Tegut/Migros falsch gelaufen?
Nein, das stimmt leider nicht mehr!
Fotos: Moritz Bindewald
14.03.2026 / FULDA -
Der Rückzug des Schweizer Migros-Genossenschafts-Bundes aus dem deutschen Markt und der geplante Verkauf großer Teile der Tegut-Gruppe an Edeka haben gerade in Osthessen für Schockwellen gesorgt. Zwar hatte Migros schon mehrfach über die roten Zahlen bei Tegut geklagt, ein endgültiges Aus stand aber noch aus. Seit Donnerstag ist es nun definitiv: Die in Fulda seit über 80 Jahren ansässige Lebensmittelkette Tegut ist damit Geschichte.
Zwar war die schwierige Marktlage auf dem heiß umkämpften deutschen Lebensmittelmarkt kein Geheimnis und die anhaltende wirtschaftliche Schieflage des Konzerns kam für Insider nicht überraschend. Mit der Tegut-Übernahme im Jahr 2013 wollte die Migros Zürich die Sanierung voranbringen und das Bio-Segment weiter ausbauen. Doch das Projekt scheiterte und entwickelte sich zu einem andauernden Defizitgeschäft für die Schweizer Genossenschaft, das nach Schätzungen schließlich bei rund 640 Millionen Euro liegen soll. Gegen die massive Konkurrenz der Discounter und der anderen Supermarktketten wie Aldi, Lidl, Edeka und Rewe konnte sich die viel kleinere Zahl an Tegutfilialen langfristig nicht behaupten, die Umsatzzahlen gingen kontinuierlich zurück. Dazu vergrößerten hohe Miet- und Zusatzkosten an einzelnen Standorten das Defizit.
Wir haben mit einem Experten der Lebensmittelzeitung über die Gründe für diesen traurigen Niedergang gesprochen. Das Fachblatt zitiert dazu Migros-Zürich-Chef Patrik Pörtig mit der Aussage: "Wenn Sie mit Märkten in dieser Größe zur Einkaufsstätte für Ergänzungskäufe degradiert werden, dann haben Sie ein Problem – auch wenn Sie tolle Produkte haben." Tatsächlich haben wohl viele Kunden ihre Grundnahrungsmittel im günstigeren Discounter gekauft und bei Tegut nur das besorgt, was im Billigsortiment fehlte.
Die Expansion nach Süddeutschland, die Tegut mit der Übernahme von 19 insolventen Bio-Supermärkten in München und Umgebung 2023 initiiert hatte, habe sich laut Insidern als teurer Fehler erwiesen, weil die Belieferung dieser Filialen vom Tegut-Zentrallager in Michelsrombach aus zu lange Wege bedeutete. Der Neubau des großen Logistikzentrums verschlang einen dreistelligen Millionenbetrag und habe sich für weite Entfernungen als nicht rentabel erwiesen. Zum Vergleich: Der Discounter Lidl unterhält 40 Logistikzentren, über ganz Deutschland verteilt. Statt auf Süddeutschland hätte man sich auf den Radius von 100 Kilometern, also Nordhessen und das Rhein-Main-Gebiet, konzentrieren sollen.
Dass das Ende von Tegut für viele aus heiterem Himmel gerade jetzt erfolgte, war für Branchenkenner keine echte Überraschung. "Migros wollte das leidige Thema bis zum Jahresende endgültig vom Tisch haben und hat auch mit Bezug auf Kündigungsfristen deshalb jetzt die Reißleine gezogen", sagt ein Branchenkenner. Besonders bitter für die über 7.000 Tegut-Angestellten, die eine Viertelstunde vor den Medien von der Abwicklung ihres Arbeitgebers erfuhren. Sie hoffen jetzt darauf, von den Käufern übernommen zu werden. Der geplante Verkauf der Tegutfilialen wird einige Zeit in Anspruch nehmen, weil das Kartellamt die geplante Übernahme von rund 200 Filialen durch Edeka und weiterer durch Rewe überprüfen muss. (ci)+++
Die Marke Tegut ist nach über 80 Jahren Geschichte
Fotos. O|N-Archiv
Das rund 150-Euro teure Tegut Logistikzentrum in Michelsrombach will Edeka übernehmen