"Versalzung schreitet voran"

Trinkwasser-Streit: Regierungspräsidium Kassel blendet historischen Trend aus

Die Bürgerinitiative Umwelt Neuhof übt deutliche Kritik an der Darstellung des Regierungspräsidiums Kassel (RP), wonach es "derzeit" keine Hinweise auf eine Gefährdung der Trinkwassergewinnungsanlagen der Gemeinde Neuhof durch eingeleitetes Haldenwasser gebe.
Archivfoto: O|N/Carina Jirsch

08.03.2026 / NEUHOF - Die Bürgerinitiative Umwelt Neuhof (Landkreis Fulda) übt deutliche Kritik an der Darstellung des Regierungspräsidiums Kassel (RP), wonach es "derzeit" keine Hinweise auf eine Gefährdung der Trinkwassergewinnungsanlagen der Gemeinde Neuhof durch eingeleitetes Haldenwasser gebe. Die jüngsten Aussagen des RP blenden die Entwicklung der sich stark ausbreitenden Versalzung im Umfeld der Kalihalde Neuhof, die sich mit Beginn des erweiterten Monitorings seit 2010 aufzeigen, sowie die aktuellen hydrogeologischen Erkenntnisse dazu aus.


Öffentliche Stellungnahme wird begrüßt – kommt aber viel zu spät und unzureichend

Dass sich das Regierungspräsidium öffentlich zu den Umweltauswirkungen der Halde Neuhof äußert, ist ein Novum. Die Vorsitzenden der Bürgerinitiative, Sabine Waschke, Hubert Enders und Sven Hartmann, ordnen dies wie folgt ein: "Grundsätzlich begrüßen wir es, dass die Behörde zur Halde Neuhof öffentlich Stellung bezieht. Das geschieht allerdings viel zu spät. Betroffene Grundeigentümer und Anwohner, die von Versalzungen betroffen oder akut gefährdet sind, hätten längst eine behördliche Warnung, eine klare Kommunikation und entschlossenes Eingreifen der Behörde erwarten dürfen. Stattdessen wurden die Menschen vor Ort über viele Jahre im Unklaren gelassen, während sich die Aufsicht im Wesentlichen auf die Beobachtung der Lage über ein Eigenmonitoring des Verursachers K+S beschränkte. Das Regierungspräsidium ist mit den seit 2024 angestoßenen Maßnahmen überhaupt erst tätig geworden, nachdem die Bürger von Neuhof die Problematik öffentlich gemacht und die Ursachenzusammenhänge aufgedeckt haben."

Drei Trinkwasserbrunnen bereits verloren – fürs RP dennoch "keine Anhaltspunkte"

Das RP Kassel erklärt in seiner Pressemitteilung, die Messwerte der Brunnen Rommerz und Neuhof II lägen "weit unter dem zulässigen Grenzwert" und es gebe "keinerlei trendhafte Entwicklungen". Diese Beschreibung blendet zentrale Fakten aus: Seit Beginn der Haldenaufschüttung mussten bereits drei Trinkwasserbrunnen wegen Versalzung aufgegeben werden: der Tiefbrunnen Alte Wiese, der Brunnen Dorfborn und der Brunnen Heiligenrain. Der Brunnen Heiligenrain wurde 2012 stillgelegt, nachdem die Versalzung den Lützbach unterströmt hatte – dies gilt nach wissenschaftlicher Analyse als Beleg dafür, dass natürliche Gewässer nicht zwingend eine "Barriere" für die Salzwasserausbreitung darstellen, wie das RP behauptet. Der Brunnen Dorfborn wurde nach wiederholten und ab 2010 dauerhaften Versalzungen 2017 verfüllt. Diese dokumentierten Umweltschäden zeigen, dass die Ausbreitung der Versalzung einem jahrelangen Trend folgt. "Dass Risiken für weitere Trinkwasserfassungen ausgeschlossen seien, kann man selbst der Stellungnahme des RP nicht entnehmen. Der Knackpunkt der aus unserer Sicht völlig unzureichenden Situationsbewertung des RP liegt in dem Wörtchen "derzeit" – das hat die Behörde wohl sehr bewusst und mehrfach in ihrer Verlautbarung verwendet", vermuten die Vertreter der BI.

Die Bevölkerung fragt sich: Wie viele Brunnen müssen noch verloren gehen?

In einem Leserbrief der Fuldaer Zeitung vom 29. Januar 2026 wurde die Stimmung in der Bevölkerung treffend beschrieben: "Bis zum heutigen Tag mussten bereits drei Wasserversorgungsanlagen im Bereich der Kalihalde aufgegeben werden, weil sie wegen der zunehmenden Versalzungen nicht mehr den Trinkwasserrichtlinien entsprachen." Die Menschen in Neuhof erleben seit Jahren, dass die Versalzung fortschreitet und ihre Lebensbereiche gefährdet sind. Beschwichtigungen sind heute mehr denn je fehl am Platz. "Von den Aufsichtsbehörden erwarten wir, dass sie primär dem Schutz der Menschen und der Umwelt, allen voran dem Schutz von Trinkwasser, Böden und Wald verpflichtet sind – und sich nicht den operativen Interessen eines Bergbauunternehmens unterordnen".

Hydraulische Barrieren? Die Realität zeigt das Gegenteil

Das RP verweist auf Kemmete und Fliede als "natürliche hydraulische Barrieren". Doch die Versalzung des Brunnens Heiligenrain zeigt, dass salzhaltige Wässer unter Fließgewässern hindurch migrieren können. Zudem belegen die geoelektrischen Messungen der letzten Jahre oberflächennahe Salzfahnen in nahezu allen Richtungen der Halde – ein Hinweis auf komplexe Fließwege, die bislang weder ausreichend untersucht noch modelliert wurden.

Monitoring allein ersetzt keine Ursachenbekämpfung

Das RP verweist auf zusätzliche Messstellen und Drainagen. Diese Maßnahmen sind sinnvoll – aber sie sind reaktiv, nicht präventiv. "Monitoring ist keine Lösung. Überwachung allein verhindert nicht die fortschreitende Ausbreitung salzhaltiger Sickerwässer in Böden, Wald und landwirtschaftliche Flächen. Es fehlt eine belastbare Zukunftsprognose, die mögliche langfristige Ausbreitungsszenarien modelliert und deren Eintritt verhindert", so die BI weiter. Die Vertreter der BI Umwelt Neuhof stellen klar: "Messstellen verhindern keine Versalzung. Drainagen beseitigen nicht die Ursache und können die schädlichen Wirkungen allenfalls abmildern. Und vor allem: Die Halde wächst weiter – und mit ihr das Risiko."

Forderungen der BI Umwelt Neuhof

Die Bürgerinitiative fordert stärkeres Engagement der zuständigen Behörden und richtet dabei ihren Fokus auf folgende Aspekte:

Abschließende Bewertung und Ausblick

Die BI nimmt zur Kenntnis, dass das RP derzeit die wissenschaftlichen Stellungnahmen fachlich prüft und erste Maßnahmen durch K+S veranlasst hat. Gleichwohl fordert die BI eine Trendumkehr hin zu einer aktiven, ursachenorientierten Sanierung der Halde zum Schutz der Bevölkerung und der Umwelt. Die fortschreitende Versalzung ist ein regionales Risiko mit langfristigen Folgen – hier ist entschlossenes, transparentes und unabhängiges behördliches Handeln erforderlich. (pm/mis) +++

Hubert Enders ordnet mit zwei Kollegen an, dass sich das Regierungspräsidium öffentlich zu den Umweltauswirkungen der Halde Neuhof äußert.
Archivfoto: O|N/Marvin Myketin
Die Bürgerinitiative fordert stärkeres Engagement der zuständigen Behörden.
Archivfoto: O|N/Nina Seikel

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