"Welcome In!" zweites Zuhause
Zehn Jahre nach der Flucht: Sohillah Hafi (47) macht sich stark für Frauen
Sohillah Hafi musste mit ihrer Familie fliehen - in Fulda hat sie ein neues Zuhause gefunden.
Fotos: Maria Franco
09.03.2026 / FULDA -
Flucht als einzige Option: Als Sohillah Hafi ihr Heimatland Afghanistan von jetzt auf gleich verlassen musste, war die Bedrohung so immens, dass es für ihre Familie um Leben und Tod ging. Zehn Jahre liegen die Geschehnisse nun zurück. Fulda ist inzwischen zu ihrem Zuhause geworden. Im OSTHESSEN|NEWS-Gespräch erzählt die 47-Jährige ihre dramatische Geschichte. Gleichzeitig liegt es ihr am Herzen, Hoffnung zu schenken: "Als Migrantin möchte ich meine Erfahrungen teilen und Mut machen."
Das "Welcome In! - Wohnzimmer in der Robert-Kircher-Straße ist ein offener Treffpunkt - und für viele Menschen ein erster Ankerpunkt, wenn das Leben Kopf steht. Hafi engagiert sich ehrenamtlich in dem gemeinnützigen Verein und ist langjähriges Vorstandsmitglied. "Ich unterstütze bei verschiedenen Projekten - sei es in der Asyl- und Sozialberatung, im Elterncafé oder beim Frauenfrühstück." Beruflich arbeitet sie in einer ukrainischen Flüchtlingsunterkunft in Alsfeld (Vogelsbergkreis).
Neuanfang in einem fremden Land
Eigentlich ist Hafi Buchhalterin. "Ich habe hier in Deutschland bei 0 angefangen und die Branche gewechselt. Vor allem am Anfang ist es nicht leicht: Man versteht die Sprache nicht, muss die Kultur erst kennenlernen", erklärt sie. Mit Wehmut blickt die Afghanin auf ihr altes Leben zurück: "Ich war mit meinem Job sehr zufrieden. 18 Jahre lang habe ich bei verschiedenen internationalen Organisationen gearbeitet. Auch für Frauen- und Kinderrechte habe ich mich stark gemacht."
Angst als ständiger Begleiter
Doch gerade ihre berufliche Tätigkeit und ihre soziale Ader machten sie zunehmend zur Zielscheibe. "Es war nicht gern gesehen, dass Frauen mit Männern zusammenarbeiten - nicht nur wegen der Taliban, sondern aufgrund der gesellschaftlichen Mentalität. Eine muslimische Frau sollte das einfach nicht tun." So häuften sich die Drohungen, trotz Home-Office. Schließlich kündigte sie ihre Stelle. Zu groß war der Druck.
Einschneidende Erfahrung
Anfang Dezember 2015 änderte sich alles schlagartig. In einem Supermarkt kam ein Mann auf sie zu mit einer Pistole in der Hand. "Ich konnte gerade noch wegrennen und habe mich in einem Geschäft versteckt. Dort habe ich meine Kleidung gewechselt und eine Burka angezogen." Hafi warnte ihren Mann. Mit den Kindern kamen sie zunächst bei einem Freund unter. "Zwei Männer der Taliban hatten in der Zeit wohl unsere Adresse herausgefunden und die Wohnung komplett verwüstet. In der Nacht hatten wir schreckliche Angst." Also verließen sie Masar-e Scharif und flüchteten in den Iran. Es folgten Tage voller Unsicherheiten. Dort versprach man ihnen einen angeblich sicheren Weg in die Türkei, der nur zwei Stunden dauern sollte. Die Realität sah anders aus: Zwei Nächte an der Grenze, 28 Stunden Fußmarsch durch verschneites, unwegsames Gelände - ohne Essen und sonstige Verpflegung. Die ganze Strecke mit Kindern im Arm. Hafi erinnert sich noch gut: "Es war ein Albtraum. Wären wir aber in unserem Heimatland geblieben, wären wir längst tot."
Die Strapazen dieser Reise nahm die sechsköpfige Familie notgedrungen auf sich. In der Türkei stand erneut eine Entscheidung an. Nach Griechenland sollte es nicht mit einem überfüllten kleinen Boot gehen. Stattdessen wählten sie ein größeres Schiff - eine teure, aber sicherere Option. Über Mazedonien, Serbien und weitere Stationen kamen sie schließlich in Deutschland an. "Mein Vater hat zu dem Zeitpunkt Elektrotechnik in Düssseldorf studiert, deshalb wollten wir hierher."
Erste Schritte fallen nicht leicht
Januar 2016: Die ersten Wochen verbrachte Hafi im ehemaligen Max-Bahr-Gebäude. Danach ging es in eine Flüchtlingsunterkunft im Umkreis. Dort seien die Bedingungen hart gewesen. Kaum Privatsphäre, gesundheitliche Probleme nahmen zu. "Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Frauen mit ihren Kindern in Wohnungen kommen. Dafür habe ich vor Ort recherchiert und die schlechten Zustände dokumentiert. Mir war es ein wichtiges Anliegen, auf die Situation aufmerksam zu machen." Unterstützung fand die Afghanin beim Verein "Welcome In! Fulda", aber nicht nur in dieser Hinsicht. "Sie waren ein Lichtblick für mich. Sie haben mir bei allem geholfen - sei es beim Asylantrag oder bei Alltagsfragen." Hafi begann, Deutsch zu lernen, schloss den B1‑Kurs ab und knüpfte nach und nach Kontakte. "Geflüchtete Frauen kommen oft mit Stress und Traumata ins Land. Kleine Schritte helfen beim Integrationsprozess - etwa soziale Angebote zu nutzen. Das alles braucht seine Zeit."
Nach mehreren Wohnortwechseln im Landkreis hat sich Fulda zu ihrer Heimatstadt entwickelt. Heute setzt sich Hafi dafür ein, dass andere Frauen diesen Weg nicht allein gehen müssen. Im Rahmen des Jubiläums "200 Jahre Landkreis" wurde sie sogar für ihr herausragendes Engagement für eine "friedvolle, tolerante Gesellschaft" besonders geehrt.
All die Erfahrungen aus der Vergangenheit haben sie geprägt. Hafi abschließend: "Es ist nicht selbstverständlich, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben. Umso wichtiger ist es, einen aktiven Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Ich bin dankbar, dass Deutschland mir und meiner Familie Sicherheit gegeben und gleichzeitig eine neue Perspektive eröffnet hat." (Maria Franco) +++