SPD-Urgestein beim Heringsessen
Franz Müntefering (86): "Viele haben eine Meinung, aber keine Ahnung"
Der ehemalige Vize-Kanzler Franz Müntefering (SPD, zweiter von links) weilte am Mittwochabend in Burkhards bei den Vogelsberger Genossen mit dem Landtagsabgeordneten Maximilian Ziegler (links) sowie die Ortsvereinsvorsitzenden Jennifer Zimmermann und Ronny Mohr aus Schotten
Fotos: Hans-Hubertus Braune
19.02.2026 / SCHOTTEN -
So voll war der Saal beim traditionellen Heringessen der Sozialdemokraten schon lange nicht mehr: Gut 100 Genossen folgten der Einladung des Ortsvereins Schotten (Vogelsbergkreis). Bevor die Küche vom Landgatshof "Zur Birke" im beschaulichen Burkhards feinen Heringssalat mit Dämpfkartoffeln servierte, sorgte ein Haudegen der Sozialdemokratie in Deutschland für den feinen Aperitif.
Sachlich, mit sauerländisch herb-trockenem Humor und klarer Meinung zu den wichtigen Themen der heutigen Zeit überzeugte Franz Müntefering (86) die Basis im Vogelsberg.
Jennifer Zimmermann und Ronny Mohr vom Schottener Ortsverein hatten die Gäste im Saal des Landgasthofes begrüßt und freuten sich ebenso wie der Landtagsabgeordnete Maximilian Ziegler über den besonderen Gast aus Berlin. "Franz Müntefering ist jemand, der in seinem politischen Leben nahezu alles gesehen hat, vom Kreistag bis zum Vizekanzleramt. Er ist heute bei uns. Politik fängt unten an, bei den Menschen im Dorf. Franz Windefering, das kann ich sagen, hat viel erlebt und noch mehr erreicht. Er war Stadtrat in Sundern, Minister in Nordrhein-Westfalen. Er hat die Bundestagsfraktion unserer SPD geführt und war stellvertretender Bundeskanzler. Er kennt also alle Gegebenheiten der deutschen Politik und deren Zusammenhänge", begrüßte Ziegler den Parteifreund.
Zuvor untermauerte Ziegler, was für die Vogelsberger SPD den Wahlslogan "Heimat mit Zukunft" bedeute. "Heimat ist das, was wir jeden Tag gemeinsam hier vor Ort erarbeiten. Es ist die Infrastruktur, die funktionieren muss, vom schnellen Internet bis zur verlässlichen Wasserversorgung. Es ist die Daseinsvorsorge, die sicherstellt, dass Familie und Beruf vereinbar sind und man im Alter hier würdig leben kann. Und es ist vor allem das Ehrenamt, das Dorfleben. Ohne Menschen, die anpacken, wird es hier verdammt still", sagte der Landtagsabgeordnete. Der Vogelsberg ist dörflich geprägt. In fast der Hälfte der Orte leben weniger als 300 Menschen. Das schweißt zusammen, die Menschen sind aufeinander angewiesen und helfen sich.
Demokratische Parteien müssen Kompromisse finden
In seinem rund 20-minütigen Impuls stellte Müntefering das Miteinander in den Fokus. Er rief dazu auf, unter den demokratischen Parteien Kompromisse zu finden und miteinander Lösungen zu finden. Der Sozialdemokrat ermunterte die Zuhörer, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren. "Die Kommunalpolitik ist die Basis der Politik. Das ist nicht irgendwie das Kellergeschoss der Demokratie. Die Kommunalpolitik ist eine tragende Säule. Wenn die Kommunalpolitik nicht funktioniert, wird die ganze Gesellschaft nicht funktionieren", sagte Müntefering. Die kommunale Ebene müsse mehr Gehör finden. "Wir hatten damals eine Bundesarbeitsgemeinschaft für Kommunen", sagte der Genosse. Heute fehle den Regierungen die Nähe zur Basis. Über die Landtags- und Bundestagsabgeordneten müssten die Herausforderungen in den Städten und Dörfern nach oben getragen werden. Vor Ort wisse man, was gebraucht werde.
Ein weiteres Thema seines Vortrags: die Finanzierung der Pflegeversicherung. "Wir leben länger, sehr viel länger als die Generation vor uns. Und manche werden pflegebedürftig und sie fragen sich dann: "Wer macht das eigentlich? Wie ist eigentlich die familiäre Situation. Gehst du in ein Pflegeheim, bezahlst Beträge, die du gar nicht bezahlen kannst? Das heißt, diese Sache mit der Pflegeversicherung muss geklärt werden. Die Kommunen müssen in Stand gesetzt werden, dafür zu sorgen, dass die älter werdenden Menschen gut aufgenommen sind, gut betreut, versorgt und begleitet werden können", sagte Müntefering.
"Wichtig ist aber für die Alten auch, dass wir uns angewöhnen, dass der Eintritt in die Nicht-Arbeitszeit kein Ruhestand ist. Das Wort Ruhestand ist für mich das blödeste Wort, das ich kenne", sagte der ehemalige Vizekanzler.
Müntefering warb zudem für mehr Miteinander und kritisierte die Differenzierung von Menschen unterschiedlicher Herkunft. "Alle Menschen sind gleich viel wert, egal, wo sie herkommen, welche Religion sie haben", sagte der Genosse und warnte davor, dass sich Geschichte nicht wiederholen dürfe. Er warb für ein geeintes Europa. Sein Plädoyer für Menschlichkeit, für mehr Miteinander und gegenseitige Unterstützung und Akzeptanz der demokratischen Parteien kam bei den Gästen in Burkhards (Schotten, Vogelsbergkreis) gut an. Und er sprach eine Sache an, die ihn zusätzlich bewegt und Sorgen bereitet. Viele Menschen würden sich nicht mehr richtig informieren, beispielsweise die Tageszeitung lesen. Er lese täglich die Zeitung und würde sich Artikel markieren oder sogar herausreißen, um sie später zu lesen, erzählte er. "Viele haben eine Meinung, aber keine Ahnung", sagte Müntefering.
Beim gemeinsamen Heringessen vertieften die Genossen die Gespräche und machten Erinnerungsfotos mit dem Ehrengast aus dem großen Berlin, der genau weiß, wie man im Dorf ankommt. Geerdet, authentisch, mit dem Herzen am rechten Fleck und einem sympathischen Auftreten. Und der weiß, was in unsicheren Zeiten besonders wichtig ist: das Miteinander, Menschlichkeit und das gemeinsame Anpacken. Für die nächsten Generationen und für die älter werdende Bevölkerung. Aperitif und Heringssalat waren an diesem Abend im Vogelsberg ein Genuss. (Hans-Hubertus Braune) +++