Neujahrskonzert des Jugendsinfonieorchesters
Eine musikalische Reise ins 19. Jahrhundert
Fotos: Rene Kunze
09.02.2026 / FULDA -
Das Neujahrskonzert des Fuldaer Jugendsinfonieorchester JSO fand in diesem Jahr im Schlosstheater statt – oben eine volle Bühne mit ca. 70 Musikerinnen und Musikern, unten ein vollbesetztes Haus. Das Konzert unter Leitung von Martin Klüh fokussierte auf Programm-Musik des 19. Jahrhunderts – eine fein abgestimmte musikalische Reise, in der alle Orchesterteile ihr Können und ihre Klangfarben zeigen konnten.
Zum Glück auf die Schwester gehört
Engelbert Humperdincks (1854-1921) Weg zu seiner spätromantischen Oper ‚Hänsel und Gretel‘ war alles andere als einfach. Erst durfte er nicht Musik studieren, als es dann endlich möglich war, litt er immer unter Geldmangel und langweilte sich im Studium schnell zu Tode. Als ihm Richard Wagner eine Assistenzstelle anbot, schlug er sofort zu. Die schöne Zeit endete aber nach nur zwei Jahren mit Wagners Tod. Humperdinck fand keine Anstellung undmusste sich als Kritiker und Lektor in einem Musikverlag durchschlagen. Er hoffte auf kompositorische Eingebungen. Die aber kamen erst, als ihn seine Schwester Adelheid bat, einige ihrer Gedichte für ihr Märchenspiel ‚Hänsel und Gretel‘ zu vertonen. Das gelang so gut, dass die Familie ihn ermutigte, daraus eine Oper zu machen. Und mit der wurdeHumperdinck auf einen Schlag weltberühmt und sehr reich. Die vollendete Unvollendete
Es gibt Fragmente, die sind so unvergleichlich schön, dass man sie vollkommen nennen muss. Dazu gehört Mozarts Requiem, dazu gehört Franz Schuberts (1797-1828) Sinfonie No. 7 in h-moll (D 759). Zwei Fragmente zweier Musikgenies, deren Werk trotz der kurzen Lebensspanne unvollendet-vollendet ist. Es ist unklar, warum Schubert seine Sinfonie nicht vollendet hat. Hatte er zu viele andere Ideen oder Aufträge, war er nicht zufrieden damit, oder war er der Meinung, die Sinfonie sei mit diesen beiden Sätzen vollendet? Wir wissen es nicht, wir wissen aber, dass die Melancholie, Zartheit und Wucht dieser Sinfonie hinreißend schön sind. Die Uraufführung fand erst 35 Jahre nach Schuberts Tod statt. Schon die ersten Takte nehmen einen gefangen – düster, fast bedrohlich beginnt dieses Allegro, dann folgt mit dem ersten Thema so etwas wie Walzerseligkeit. Immer wieder prallen in dieser Sinfonie Klangwelten aufeinander – jede Idylle stellt sich als trügerisch heraus. Man wird in dieser Sinfonie beständig in Träume entführt und diesen wieder herb entrissen. Neu und ungewöhnlich war die Tonart h-moll, und auch Schuberts Verwendung der Posaunen hatte man so vorher noch nie gehört. Die Sinfonie ist technisch nicht extrem schwierig, sehr wohl aber interpretatorisch und klanglich. Das JSO bewältigte diese Herausforderung hervorragend – klug und sensibel geführt von Martin Klüh.
Romeo und Julia und Bilder einer Ausstellung
In der zweiten Konzerthälfte ging es erst ins sowjetische dann ins zaristische Russland. Sergei Prokofjew (1891-1953) komponierte seine Balletsuite ‚Romeo und Julia‘ 1934/35. Ein Jahr später schuf er aus dem Material eine Konzertversion. Aus dieser erklang das Stück ‚Montagues und Capulets‘, in dem der klassische Konflikt des Shakespear‘schen Dramas erzählt wird: zwei Familien hassen sich bis aufs Blut, und finden auch nicht zueinander, als ihre Kinder sich ineinander verlieben. Diese Dramatik illustriert Prokofjew perfekt, indem erKonflikt und zärtliche Liebe musikalisch kontrastiert.Modest Mussorgsky (1839-1881) schrieb seine ‚Bilder einer Ausstellung‘ 1874 als Klavierzyklus, gedacht als Hommage an seinen Freund, den Maler und Architekten Viktor Herrmann. Maurice Ravel schuf 1922 eine Orchesterfassung, in der die leuchtenden Klangfarben noch stärker herausgearbeitet sind. Die Suite besteht aus 10 Bildern, die den Gang eines Ausstellungsbesuchers nachzeichnen, dazwischen erklingen Promenaden. Diese sind die Übergänge zwischen den Bildern, man kann es sich wie den Weg vorstellen, den man in einer Ausstellung von Bild zu Bild macht. Thematisch ist die Promenade immer wieder gut zu erkennen, auch wenn sie von Bild zu Bild abgewandelt wird.
If, Why und ein Divertimento
Michale Nymans Filmmusik zum japanischen Zeichentrickfilm ‚The Diary of Anne Frank‘ ist minimalistisch und klar. In ‚Why‘ fragt ein Kind nach dem Sinn des Leidens, in ‚If‘ träumt es sich in den verzweifelt ersehnten Frieden. Verhaltene Musik, emotional sehr eindringlich – und von Solist Ferdinand Wehner auf dem Saxophon meisterlich gespielt. Natürlich kam das JSO nicht ohne Zugabe von der Bühne und erfreute das Publikum mit dem Marsch aus Boris Blachers (1903-1975) ‚Divertimento No. 7‘. Standing Ovations waren der Dank für zwei wunderbare Musikstunden. Give music a chance
Wie immer bat das JSO auch in diesem Neujahrskonzert um Spenden. Unterstützt wird in diesem Jahr die Initiative ‚Music Fund‘ (https://musicfund.eu ), die Instrumente anschafft, damit möglichst viele Kinder Musik machen, ein Instrument lernen und in einem Ensemble spielen können – Kinder aus Ländern, in denen das nicht selbstverständlich ist. Anders als für das JSO, dem all das dank der Städtischen Musikschule, der professionellen Lehrerschaft, der Ausstattung mit Instrumenten und der Arbeit mit einem Profi wie Martin Klüh als Dirigenten zur Verfügung steht, wie Natalya Oldenburg, die Leiterin der Musikschule, in ihrer Einführung betonte. Es war ein Abend, der die Qualität und herausragende Stellung der Musikschule auf das allerschönste demonstrierte. (Jutta Hamberger) +++