Neujahrskonzert des Jugendsinfonieorchesters

Eine musikalische Reise ins 19. Jahrhundert  

Neujahrskonzert des JSO im vollbesetzten Schlosstheater
Fotos: Rene Kunze

09.02.2026 / FULDA - Das Neujahrskonzert des Fuldaer Jugendsinfonieorchester JSO fand in diesem Jahr im Schlosstheater statt – oben eine volle Bühne mit ca. 70 Musikerinnen und Musikern, unten ein vollbesetztes Haus. Das Konzert unter Leitung von Martin Klüh fokussierte auf Programm-Musik des 19. Jahrhunderts – eine fein abgestimmte musikalische Reise, in der alle Orchesterteile ihr Können und ihre Klangfarben zeigen konnten.


Zum Glück auf die Schwester gehört

Engelbert Humperdincks (1854-1921) Weg zu seiner spätromantischen Oper ‚Hänsel und Gretel‘ war alles andere als einfach. Erst durfte er nicht Musik studieren, als es dann endlich möglich war, litt er immer unter Geldmangel und langweilte sich im Studium schnell zu Tode. Als ihm Richard Wagner eine Assistenzstelle anbot, schlug er sofort zu. Die schöne Zeit endete aber nach nur zwei Jahren mit Wagners Tod. Humperdinck fand keine Anstellung undmusste sich als Kritiker und Lektor in einem Musikverlag durchschlagen. Er hoffte auf kompositorische Eingebungen. Die aber kamen erst, als ihn seine Schwester Adelheid bat, einige ihrer Gedichte für ihr Märchenspiel ‚Hänsel und Gretel‘ zu vertonen. Das gelang so gut, dass die Familie ihn ermutigte, daraus eine Oper zu machen. Und mit der wurdeHumperdinck auf einen Schlag weltberühmt und sehr reich.

Seit ihrer Uraufführung 1893 in Weimar erfreut sich die Oper ungebrochener Beliebtheit. Das JSO spielte das Vorspiel, das Humperdinck in einem Brief an seinen Schwager Herrmann Wette als "ziemlich ausgedehntes Musikstück" beschrieben hatte, es sei "eine Art symphonischer Prolog." Das Vorspiel bringt die großen Themen der Oper und zeichnet damit eine wunderbare Klanglandschaft. Das JSO schaffte es aber nur ansatzweise, diese auch auf die Bühne zu bringen – es schien, als seien die jungen Musiker noch nicht ganz versammelt und beieinander. Das aber änderte sich schlagartig mit dem Hauptwerk des Abends.

Die vollendete Unvollendete

Es gibt Fragmente, die sind so unvergleichlich schön, dass man sie vollkommen nennen muss. Dazu gehört Mozarts Requiem, dazu gehört Franz Schuberts (1797-1828) Sinfonie No. 7 in h-moll (D 759). Zwei Fragmente zweier Musikgenies, deren Werk trotz der kurzen Lebensspanne unvollendet-vollendet ist. Es ist unklar, warum Schubert seine Sinfonie nicht vollendet hat. Hatte er zu viele andere Ideen oder Aufträge, war er nicht zufrieden damit, oder war er der Meinung, die Sinfonie sei mit diesen beiden Sätzen vollendet? Wir wissen es nicht, wir wissen aber, dass die Melancholie, Zartheit und Wucht dieser Sinfonie hinreißend schön sind. Die Uraufführung fand erst 35 Jahre nach Schuberts Tod statt.
Schon die ersten Takte nehmen einen gefangen – düster, fast bedrohlich beginnt dieses Allegro, dann folgt mit dem ersten Thema so etwas wie Walzerseligkeit. Immer wieder prallen in dieser Sinfonie Klangwelten aufeinander – jede Idylle stellt sich als trügerisch heraus. Man wird in dieser Sinfonie beständig in Träume entführt und diesen wieder herb entrissen. Neu und ungewöhnlich war die Tonart h-moll, und auch Schuberts Verwendung der Posaunen hatte man so vorher noch nie gehört. Die Sinfonie ist technisch nicht extrem schwierig, sehr wohl aber interpretatorisch und klanglich. Das JSO bewältigte diese Herausforderung hervorragend – klug und sensibel geführt von Martin Klüh.

Romeo und Julia und Bilder einer Ausstellung

In der zweiten Konzerthälfte ging es erst ins sowjetische dann ins zaristische Russland. Sergei Prokofjew (1891-1953) komponierte seine Balletsuite ‚Romeo und Julia‘ 1934/35. Ein Jahr später schuf er aus dem Material eine Konzertversion. Aus dieser erklang das Stück ‚Montagues und Capulets‘, in dem der klassische Konflikt des Shakespear‘schen Dramas erzählt wird: zwei Familien hassen sich bis aufs Blut, und finden auch nicht zueinander, als ihre Kinder sich ineinander verlieben. Diese Dramatik illustriert Prokofjew perfekt, indem erKonflikt und zärtliche Liebe musikalisch kontrastiert.

Modest Mussorgsky (1839-1881) schrieb seine ‚Bilder einer Ausstellung‘ 1874 als Klavierzyklus, gedacht als Hommage an seinen Freund, den Maler und Architekten Viktor Herrmann. Maurice Ravel schuf 1922 eine Orchesterfassung, in der die leuchtenden Klangfarben noch stärker herausgearbeitet sind. Die Suite besteht aus 10 Bildern, die den Gang eines Ausstellungsbesuchers nachzeichnen, dazwischen erklingen Promenaden. Diese sind die Übergänge zwischen den Bildern, man kann es sich wie den Weg vorstellen, den man in einer Ausstellung von Bild zu Bild macht. Thematisch ist die Promenade immer wieder gut zu erkennen, auch wenn sie von Bild zu Bild abgewandelt wird.

‚Il vecchio Castello‘ (Das alte Schloss) ist eine wehmütige Ballade, in der man sich ans Mittelalter erinnert fühlt. Mit ‚Bydlo‘ (Ochsenkarren) sind wir mittendrin im ländlichen Leben und sehen einen schweren Ochsenkarren mit den mächtigen Zugtieren vor uns. ‚Cum Mortuis in lingua mortua‘ (Mit den Toten in der Sprache der Toten) entführt uns in die Pariser Katakomben mit ihren aufgeschichteten Körpern und Schädeln – musikalisch eine Totenklage. Das Schlussbild ‚Das große Tor von Kiew‘ bezieht sich auf Hartmanns Entwurf für Kiewer Stadttor – die Musik ist majestätisch und beschreibt die Größe und Bedeutung des Tors. Beim Zuhören kommt man nicht umhin, an die von Putins Drohnen und Soldaten angerichteten Zerstörungen in Kiew zu denken – was für ein Gegensatz zu Mussorgskys Apotheose! Dem JSO gelang es sehr gut, Mussogskys orchestrale Klangbilder zu erschaffen und uns in diese Ausstellung mitzunehmen.

If, Why und ein Divertimento

Michale Nymans Filmmusik zum japanischen Zeichentrickfilm ‚The Diary of Anne Frank‘ ist minimalistisch und klar. In ‚Why‘ fragt ein Kind nach dem Sinn des Leidens, in ‚If‘ träumt es sich in den verzweifelt ersehnten Frieden. Verhaltene Musik, emotional sehr eindringlich – und von Solist Ferdinand Wehner auf dem Saxophon meisterlich gespielt. Natürlich kam das JSO nicht ohne Zugabe von der Bühne und erfreute das Publikum mit dem Marsch aus Boris Blachers (1903-1975) ‚Divertimento No. 7‘. Standing Ovations waren der Dank für zwei wunderbare Musikstunden.

Give music a chance

Wie immer bat das JSO auch in diesem Neujahrskonzert um Spenden. Unterstützt wird in diesem Jahr die Initiative ‚Music Fund‘ (https://musicfund.eu ), die Instrumente anschafft, damit möglichst viele Kinder Musik machen, ein Instrument lernen und in einem Ensemble spielen können – Kinder aus Ländern, in denen das nicht selbstverständlich ist. Anders als für das JSO, dem all das dank der Städtischen Musikschule, der professionellen Lehrerschaft, der Ausstattung mit Instrumenten und der Arbeit mit einem Profi wie Martin Klüh als Dirigenten zur Verfügung steht, wie Natalya Oldenburg, die Leiterin der Musikschule, in ihrer Einführung betonte. Es war ein Abend, der die Qualität und herausragende Stellung der Musikschule auf das allerschönste demonstrierte. (Jutta Hamberger) +++

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