"Im Schatten des Nationalsozialismus"

Buchvorstellung von "Cilly und Henri. Eine deutsch-jüdische Geschichte"


Fotos: Katholischen Akademie Fulda

11.02.2026 / FULDA - Im Rahmen eines Akademieabends stellte die Katholische Akademie Fulda das Buch "Cilly und Henri. Eine deutsch-jüdische Geschichte" des Potsdamer Historikers Prof. Dr. Thomas Brechenmacher vor. Die Veranstaltung fand in bewährter Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Fulda statt und widmete sich einer berührenden Liebesgeschichte, die zugleich ein eindrückliches Zeugnis deutsch-jüdischer Geschichte im 20. Jahrhundert darstellt.



Für die Katholische Akademie begrüßte Akademiedirektor Gunter Geiger die Gäste und führte in die Thematik des Abends ein. Die anschließende Gesprächsrunde moderierte Stefanie Mosler, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Fulda, die auch den Referenten am Ende des Abends verabschiedete. Im Mittelpunkt des Buches stehen Cilly Windmüller, eine junge Jüdin aus Emden, und Henri Nannen, der später als Journalist, Verleger und Gründer des Magazins "Stern" bekannt wurde. Ihre Beziehung beginnt Anfang der 1930er-Jahre, geprägt von Liebe, Hoffnung und gemeinsamen Zukunftsplänen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten jedoch verändern sich die Lebensumstände dramatisch: Cilly wird zunehmend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, ihre Freiheit eingeschränkt, ihre Zugehörigkeit zu Deutschland infrage gestellt. Familienangehörige und Verwandte werden ermordet. Brechenmachers Darstellung verzichtet bewusst auf einfache Zuschreibungen. Stattdessen macht sie Ambivalenzen, innere Konflikte und moralische Dilemmata sichtbar. Henri Nannen will zu Cilly stehen, versucht zugleich aber, seinen beruflichen Weg fortzusetzen – ein Spannungsfeld zwischen Anpassung, Angst und Verantwortung. Die erhaltenen Briefe der beiden dokumentieren eindrücklich, wie politische Entwicklungen bis in den Alltag und die intimsten Bereiche des Lebens eingreifen.

Cilly Windmüller gelingt schließlich die Emigration – zunächst nach Großbritannien, später nach Palästina. Der Kontakt zu Henri Nannen bricht ab und wird erst in den 1980er-Jahren wieder aufgenommen. Jahrzehnte liegen dazwischen: Krieg, Holocaust, Schuld, Überleben und der schwierige Umgang mit einer belasteten Vergangenheit. Die Verbindung zwischen beiden bleibt bestehen – verändert, reflektiert und geprägt von Erinnerung.

Ein besonderer Ort der Erinnerung ist Emden selbst. Dort steht heute die Kunsthalle an dem Ort, an dem sich einst das Gestapo-Hauptquartier befand und von wo aus jüdische Bürgerinnen und Bürger deportiert wurden. Für Cilly bleibt die Stadt untrennbar mit Verlust, Ausgrenzung und dem Tod ihrer Mutter verbunden – eine unschuldige Rückkehr ist nicht möglich.

Der Akademieabend machte deutlich: Der Holocaust ist keine abgeschlossene Vergangenheit und an keine Generation gebunden. Die Auseinandersetzung mit Feigheit, Mitläufertum und Verantwortung bleibt aktuell. Die Geschichte von Cilly und Henri mahnt, Hass und Verachtung gegenüber Minderheiten entschieden entgegenzutreten – und erinnert daran, dass Menschlichkeit oft im Widerstehen beginnt.

Prof. Dr. Thomas Brechenmacher ist Historiker an der Universität Potsdam. Auf Wunsch von Christian und Stephanie Nannen hatte er sich bereits 2023 in einem Gutachten mit der NS-Vergangenheit Henri Nannens befasst. Dabei stieß er auf ein komplexes Leben voller Brüche und Widersprüche – und auf die Beziehung zu Cilly Windmüller, die ihn so faszinierte, dass daraus das vorliegende Buch entstand.

Anhand bislang unveröffentlichter Briefe zeichnet Brechenmacher Cillys Weg von Emden über die Emigration bis in die Nachkriegszeit nach und eröffnet neue Perspektiven auf ein persönliches Schicksal im Schatten des NS-Regimes sowie auf den prägenden Einfluss Cilly Windmüllers auf Nannens späteres Wirken. Das Buch "Cilly und Henri. Eine deutsch-jüdische Geschichte" war am Abend für 26 Euro erhältlich und wurde vom Autor persönlich signiert. (pm/nk)+++





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