Herausforderung: Zukunftsoptimismus zurückbr
Ruhestand: Joachim Gerking verlässt Alexander-von-Humboldt-Schule als Lord
Die Urkunde macht ihn zum Pensionär: Joachim Gerking und Gitta Holloch.
Fotos: Traudi Schlitt
04.02.2026 / ALSFELD -
Fast vierzig Jahre lang war der gebürtige Wuppertaler Joachim Gerking das Gesicht der Alexander-von-Humboldt-Schule in Alsfeld (Vogelsberkreis). Nun wurde der stellvertretende Schulleiter in den Ruhestand verabschiedet. Mitgenommen hat er jede Menge Anekdoten, ganz viel Wertschätzung und einen Titel als Lord.
Die Dienstversammlung zum Schuljahresende nutzten Kollegium und Schulleitung, um Joachim Gerking einen würdigen Abschied zu bescheren. Der Chor der Jahrgangsstufe 5 leitete die Feierstunde ein, zu der Schulleiterin Gitta Holloch auch viele Ehemalige, das Team der Schul- und Hausverwaltung sowie Landrat Dr. Jens Mischak und Gerkings Ehefrau Andrea Trapp begrüßen konnte. "Bye bye, es ist Zeit zu gehen", hatten die Kinder als Lied für den Anlass ausgewählt, und man sah, dass selbst ihnen der Abschied schwerfiel.
Gitta Holloch ließ in ihrer Laudatio die Vita ihres langjährigen Stellvertreters Revue passieren. Nach Abitur, Wehrdienst und Studium war er 1987 – verwandtschaftlichen Beziehungen gedankt – zum Referendariat nach Lauterbach gekommen. Und blieb. Auch als die Situation für Lehrer dieser Generation zunächst schwierig war, unterrichtete er stundenweise an der AvH und arbeitete an anderen Schulen in der Region und für das Lauterbacher Unternehmen Stabernack. Dieser Blick über den Tellerrand hinaus habe ihn geprägt, so die Schulleiterin. Schon in dieser Zeit habe er als Lehrer und als Mensch solchen Eindruck hinterlassen, dass Schülerinnen und Schüler sowie Eltern sich für seine Weiterbeschäftigung einsetzten, berichtete Holloch, die ihrerseits seit 2003 mit Gerking zusammenarbeitet. Sie hatte viele Anekdoten parat und gewährte in ihrer Ansprache auch Einblicke in den damaligen Schulalltag, der von der modernen Pädagogik der heutigen Zeit weit entfernt war. Joachim Gerking habe sich vom Gegenwind der alten Kollegen nicht beeindrucken lassen und sei seinen Weg gegangen.
Als "partnerschaftlich im besten Sinne" wurde sein Unterrichtsstil schon bald beschrieben; er war Verbindunglehrer in der Schule und im Kreis. Gleichzeitig war sein Unterricht gekennzeichnet durch ein sehr hohes Niveau. 1997 wurde Gerking Leiter des sprachlich-literarisch-künstlerischen Bereichs. Gitta Holloch betonte, wie froh sie war, dass Gerking auch an der Schule blieb, als sie sich für das Amt der Schulleitung bewarb. Er habe auch jenseits des AvH Angebote für eine Stelle als Schulleiter gehabt, die er nicht angenommen habe. Stattdessen wirkte er in Lauterbach federführend an der Erarbeitung eines ersten Schulprogramms mit. Auf einem Kongress entdeckten die beiden Pädagogen die Wirkung eines Schulkonzepts, dass alle Kinder einschließt und sowohl fördert als auch fordert: Das Schulmotto "Enjoy and Achieve" wurde geboren, auch wenn Überzeugungsarbeit im Kollegium notwendig war. Mehr und mehr verschrieb sich Joachim Gerking der Schulentwicklung.
2017 wurde er stellvertretender Schulleiter und fungierte auch als pädagogischer Leiter. Seine Expertise auf diesem Gebiet kam nicht nur dem Lauterbacher Gymnasium zugute, sondern war bundesweit gefragt; seine Kontakte, seine Ideen und seine Begeisterungsfähigkeit brachten die Schule voran und wird Spuren hinterlassen, zeigte sich die Schulleiterin sicher. Sie dankte ihm für vieles, was er an der Schule bewegt hat, für seinen Humor und die Inspiration. Nach der Verleihung der Urkunde, mit der der 66-Jährige nun in den Ruhestand versetzt wurde, gab sie bekannt, dass auch der Nachfolger schon bereitsteht: Karsten Krämer, der bisherige Studienleiter, wird dieses Amt antreten. Sein Nachfolger wird Florian Jost.
Für die Englisch-Fachschaft sprach Dennis Merle. Auch seine Ansprache war geprägt von großer Wertschätzung und Dankbarkeit. Durch Joachim Gerking habe er viel über die Möglichkeiten des Unterrichts gelernt. Mit einer besonderen Idee erfreuten die Kolleginnen und Kollegen den scheidenden stellvertretenden Schulleiter: Sie hatten dem begeisterten Schottland-Fan ein kleines Stück Land in Schottland erworben, dessen Besitz ihn nun zum Tragen des Titels eines Lords berechtigt. Für die Kolleginnen und Kollegen des "anderen Fachs" sprach Nicolas Hahn. Joachim Gerking hatte das Fach Französisch während seines Lehrerdaseins nicht durchgängig unterrichtet, dennoch habe er auch hier Spuren hinterlassen, da er sich auch für schwächere Schülerinnen und Schüler eingesetzt habe. Jennifer Prill überbrachte die Grüße des Personalrats, bevor Dr. Jens Mischak als ehemaliger Schüler und Sportkollege sehr persönliche Worte fand.
Der Abschluss der Feierstunde war Joachim Gerking selbst vorbehalten. Noch vor wenigen Jahren habe er sich schwer vorstellen können, auf den Schuldienst zu verzichten, doch nun sei es so weit – und es gehe durchaus, stellte er fest, denn die Arbeit an den Schulen werde nicht einfacher. Allerdings würden ihm die Kontakte, der Austausch und das Miteinander fehlen. Gerade in den letzten Jahren habe er sich an der Schule sehr wohlgefühlt. Sowohl die Zusammenarbeit im Kollegium als auch die Arbeit im Schulleitungsteam hätten ihm große Freude bereitet. Mit Gitta Holloch als Schulleiterin habe sich eine neue Dynamik entwickelt, die Arbeitsbedingungen hätten sich verbessert, die Schule sei moderner, die Ausstattung hochwertig und schön geworden. Die Schule sei von Werten geleitet und viel mehr als das Management des Schulalltags. Die Arbeit an der AvH habe ihn beruflich und persönlich weitergebracht, sagte Gerking.
Er dankte insbesondere dem Schulleitungsteam dafür, dass er das tun konnte, was ihm Spaß gemacht hat: Die Arbeit an der Unterrichtsqualität und Unterrichtsentwicklung sowie der Austausch mit Wissenschaftlern und die eigene wissenschaftliche Arbeit. Gerade die Unterrichtsentwicklung sei ihm eine Herzensangelegenheit gewesen, und er sagte stolz: "Wir sind damit sehr, sehr weit an unserer Schule". Er unterstrich die Bedeutung der Schule als Förderer für Schülerinnen und Schüler und rief seinen Kolleginnen und Kollegen zu, die großen Herausforderungen der Zeit anzugehen und den "Zukunftsoptimismus in die Köpfe der Lernenden und der Eltern zurückzubringen." Eine Feierstunde voller Wertschätzung ging zu Ende – das Kollegium würdigte die Leistung Joachim Gerkings mit stehendem Applaus. (pg/pm)+++