Kurt Tallert in der Katholischen Akademie
Die Leerstelle der ausgelöschten Leben
Fotos: Rene Kunze
28.01.2026 / FULDA -
"Die Einteilung der Menschen in Täter und Opfer und die gleichzeitige Einsicht in die phänomenologische Fragwürdigkeit einer solchen Einteilung ließen meinen Vater zu einer Zeit über die ganze Menschheit stolpern, in der er eigentlich erst einmal eine Person hätte werden sollen." In seinem Buch "Spur und Abweg" begibt sich Kurt Tallert auf die Lebensspur seines Vaters Harry, den das NS-Regime als ‚Halbjuden‘ verfolgte, und verknüpft dies mit der Suche nach seiner eigenen Identität.
Blinde Flecken und Andenken
Seit 25 Jahren ist der Holocaust-Gedenktag eine Kooperation der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ und der Katholischen Akademie. Die Gäste im vollbesetzten Grünen Saal hatten sich vom Winterwetter nicht schrecken lassen und wurden von Ivona Gebala und Jutta Hamberger begrüßt.Tallert begann seine Lesung mit einem Rap-Song. "Blinde Flecken" setzt sich der Gemengelage auseinander, in die Gedenken geraten ist. "Gedenken ist umkämpft, Gedenken wird attackiert, und der Rechtsruck ist ein Symptom dafür." Sein Buch stellte er mit dem Rap-Song "Andenken" vor, der so etwas wie ein Klappentext sei. In Song heißt es: "Das Leid meines Vaters war nicht nur physisch, Geister der Vergangenheit prägten ihn psychisch".
Tallerts Vater wurde in das Arbeitslager Lenne deportiert. Ihm gelang die Flucht, und er machte nach 1945 in der Bundesrepublik und als SPD-Abgeordneter Karriere. Also – alles gut? Gar nichts war gut, denn das, was das sog. Dritte Reich ihm angetan hatte, wirkte an jeden Tag von Harry Tallerts Leben. "Und hatte er zwar noch Kraft zum Leben, schien etwas von ihm immer in Haft geblieben. Hass hat er nie gespürt, Negativität hat ihn nie verführt", heißt es in dem Song. Ein beeindruckendes Zeugnis einer Haltung, die auch später jeglichen Vorwurf von Kollektivschuld ablehnte. "Liebe war Trotz gegen Macht", so erlebte es sein Sohn Kurt später.
Terezín – Vorzeige-Ghetto mit Propagandafunktion
Immer wieder berichtet Tallert über Besuche in Gedenkstätten. Eines der beeindruckendsten Kapitel seines Buchs widmet sich Terezín, der Stadt, die im NS-Jargon der ‚Führer‘ den Juden geschenkt hatte, der Stadt, deren vorgetäuschte Idylle als Kulisse für unzählige Delegationen des Roten Kreuzes diente, die darauf hereinfielen. Die "Wiedergutmachungsakte"
Alfons Tallert kehrt im Juli 1945 nach Deutschland zurück. Sein Enkel ist im Besitz seiner "Wiedergutmachungsakte" – man muss das Wort in Anführungszeichen setzen, denn wie könnte man wieder gut machen, was man Alfons Tallert angetan hatte? Tallert zitiert aus dieser Akte, durch die der Geist der NS-Zeit weht und die ein Kleinreden des Leidens von Amts wegen ist. "Die Bewilligung einer Wiedergutmachung ist schließlich das Ergebnis eines komplizierten bürokratischen Verfahrens. Wo verläuft für dessen Ausführung durch die entsprechenden Ärzte und Verwaltungsangestellten die Grenze zwischen gewissenhafter Genauigkeit und sadistischer Pedanterie?" fragt Kurt Tallert. Die Akten geben überdeutlich Auskunft: Im Falle Alfons Tallerts urteilten die Ärzte – mit hoher Wahrscheinlichkeit solche, die auch im Dritten Reich aktiv waren – dass Tallerts Leiden seinem Alter entsprächen und nicht durch Verfolgung entstanden seien.
Und dann kommt ein Zitat, dass an bösartiger Empathielosigkeit und Zynismus kaum zu übertreffen ist: "Die große Erfahrung der beiden Weltkriege, besonders des letzten mit seiner Rückwirkung auf fast alle Teile und Altersschichten der Bevölkerung, hat gezeigt, dass selbst schwerste Eindrücke und Erlebnisse verhältnismäßig gut und ohne wesentliche ungünstige Folgen überstanden werden." Alfons Tallert wird bescheinigt, dass kein Verfolgungsschaden anerkannt werden könnte.
Urgroßmutter Berta
Die Auseinandersetzung mit dem schriftlichen Nachlass seines Vaters führte Kurt Tallert auch auf die Spuren anderer Familienangehöriger, so etwa seiner Großmutter Berta Leipziger, die als 80-Jährige aus einem Altersheim nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. In der "Hall of Names" in Yad Vashem ist ihr Name aufgeführt, mit einer kurzen und dürren Vita. Der kurze Eintrag holt Berta Leipziger aus der Anonymität der sechs Millionen Shoah-Toten heraus. Aber: "Die Auslassung all dessen, was zwischen ihrer Geburt und der Deportation nach Auschwitz lag, diese Auslassung ihres Lebens, diese Leerstelle steht für all das ausgelöschte Leben," schreibt Tallert. Er schreibt Berta einen Brief, vielleicht der berührendste Text und das Ende dieses vielschichtigen und nachdenklichen Buchs: "Was ich von Dir will, ist recht bescheiden, und doch nicht ohne Schwierigkeit. Es geht nur mit Deiner Hilfe. Ich will nämlich meiner Urgroßmutter ein Urenkel sein, damit sie eine Urgroßmutter ist und nicht nur namenloses Laub oder gar Asche." Tallert beendet seine beeindruckende Lesung mit den Worten: "Ich habe Dich nie erinnern können, aber ich will Dich nicht vergessen." Mit vielen interessierten Fragen und großem Beifall bedankte sich das Publikum bei Kurt Tallert, der hoffentlich nicht das letzte Mal in Fulda zu Gast war. (Jutta Hamberger) +++