"Es ist nie vorbei"
Fachtag in Maar zeigt Wirkung: EKHN stärkt Schutz vor sexualisierter Gewalt
Fotos: Privat
14.01.2026 / LAUTERBACH -
2024 machte die von der Evangelischen Kirche und der Diakonie in Auftrag gegebene FORUM-Studie deutlich, welches Ausmaß sexualisierte Gewalt auch in der Evangelischen Kirche angenommen hatte. Grund genug, genauer hinzuschauen und die Erkenntnisse zu nutzen, um Intervention, Prävention und Aufarbeitung zu verbessern und dabei die Bedürfnisse der betroffenen Personen in den Mittelpunkt zu stellen.
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat dazu eine Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt eingerichtet. Sie sensibilisiert Dekanate und Kirchengemeinden für einen professionellen und achtsamen Umgang mit dem Thema.
Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt im Einsatz
Dr. Petra Knötzele, Leiterin der Fachstelle, und Anette Neff, verantwortlich für den Bereich Aufarbeitung, boten kürzlich einen Fachtag im Evangelischen Dekanat Vogelsberg im DGH in Maar an. Die Teilnahme war dienstverpflichtend für alle Pfarrpersonen und Mitarbeitenden, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, etwa Gemeindepädagogen oder Kirchenmusikerinnen. Auch Ehrenamtliche waren eingeladen.Begleitet wurde das Fachstellen-Team von Alexandra, einer Betroffenen, die nach sexueller Gewalterfahrung bei kirchlichen Mitarbeitenden aktiv für die Rechte der Betroffenen eintritt. Sie erweitert durch ihre Teilnahme die Perspektive auf die Bedürfnisse Betroffener.
"Dies ist kein leichtes Thema"
"Dies ist kein leichtes Thema", betonte Luise Berroth, stellvertretende Dekanin im Vogelsberg, in ihrer Begrüßung. Bereits die Andacht, die Knötzele und Neff mitgebracht hatten, machte deutlich, wie ernst die Kirche die Folgen der Gewalt nimmt. Wunden und Verletzungen wurden thematisiert, Hoffnung aufgezeigt, aber auch das Bewusstsein, dass Vergebung kaum möglich ist."Wer soll dir schon glauben? Du hast mich verführt. Du machst meine Familie kaputt."
Ein Film mit Zitaten von Betroffenen vertiefte die Eindrücke: Menschen berichteten, wie es geschah, wo, wie oft und was die Täter sagten. Die Orte waren allen vertraut: Pfarrhaus, Gemeindesaal, Kirche - Orte, die Schutz gewähren sollten, es aber nicht taten.
Macht und Verantwortung
Eine zentrale Erkenntnis der FORUM-Studie ist die Machtfrage: Pfarrpersonen und andere Leitungspositionen verfügen über Deutungsmacht, die problematisch eingesetzt werden kann - und wurde. Betroffene berichteten von Ekel, Ausgeliefertsein, Hilflosigkeit, daraus resultierten Selbstzweifel, Selbsthass sowie körperliche und psychische Beschwerden. Alexandra schilderte eindringlich:"Es ist nie vorbei." Sie berichtete von Alpträumen, Flashbacks, dissoziativen Phasen und der Unmöglichkeit zu vertrauen. Beziehungen seien schwer möglich, körperliche Nähe kaum erträglich.
Praktische Übungen zu Nähe und Distanz
Nach der Einführung gingen die Teilnehmenden in Kleingruppen, um aus dem Alltag zu berichten, wo Nähe und Distanz in der Arbeit mit jungen Menschen relevant sind. Beispiel:"Wenn ich nach einer Konfi-Stunde mit Einverständnis der Eltern die Kinder nach Hause fahre, ist am Ende immer eines allein bei mir."
Es wurden Maßnahmen diskutiert, die Sicherheit vermitteln: zwei Türen, mehr Licht, große Fenster. Der Austausch zeigte, dass Situationen unterschiedlich wahrgenommen werden und Grenzen individuell variieren. Respektvoller Umgang und ein Gespür für Nähe und Zuviel seien zentral.
Prävention, Intervention und Aufarbeitung
Luise Berroth stellte Maßnahmen des Dekanats vor: ein ausgefeiltes Konzept zum Kindeswohl und Jugendschutz, Handlungsanweisungen und Ansprechpartner bei Verdachtsfällen. Die EKD arbeitet weiterhin intensiv an der Aufarbeitung, unter anderem mit vereinfachtem Zugang zu Anerkennungsleistungen oder der Errichtung einer zentralen Ombudsstelle.Klar war am Ende des Tages: Das Thema bleibt virulent, kirchliche Gremien sind vorbereitet und setzen den Schutz der Menschen, die die Kirche aufsuchen, an erste Stelle. (pm/cb) +++