Rund um die Uhr im Einsatz

Tele-Notarzt aus Gelnhausen rettet digital Leben - sogar auf zwei Nordseeinseln

Der erfahrene Telenotarzt Lars Endruweit
Fotos: Moritz Pappert

20.01.2026 / GELNHAUSEN - Was früher undenkbar war, ist heute fester Bestandteil des Rettungsdienstes: Ein Notarzt, der nicht im Rettungswagen sitzt – sondern am Bildschirm. Der sogenannte Telenotarzt ist im Main-Kinzig-Kreis längst mehr als ein Pilotprojekt. Seit Ende 2019 wird er regelmäßig eingesetzt – und ist heute aus dem Alltag der Retter nicht mehr wegzudenken. In kritischen Situationen wird der Arzt digital zugeschaltet. Das spart Zeit, schont Ressourcen – und kann im Ernstfall Leben retten.



Der Arbeitsplatz von Lars Endruweit ist unscheinbar. Ein kleiner Raum, ein Schreibtisch, mehrere Monitore. Keine Blaulichter, kein Martinshorn. Und doch ist Endruweit mittendrin im Einsatzgeschehen. Direkt in der Zentralen Leitstelle des Main-Kinzig-Kreises im Gefahrenabwehrzentrum Gelnhausen arbeitet er als einer von 25 Telenotärzten. Diese sind rund um die Uhr im Einsatz, sieben Tage die Woche.

Wenn ein Rettungsteam, zu dem eigens ausgebildete Notfallsanitäter gehören, Unterstützung braucht, wird der Telenotarzt per Knopfdruck zugeschaltet. Vom volldigitalen Arbeitsplatz aus sieht Endruweit dann, was vor Ort passiert: Vitaldaten wie EKG und Blutdruck, den Einsatzort auf der Karte – und klar strukturierte Notfallpläne. In seltenen Fällen auch per Kamera, die aber laut Endruweit in rund 95 Prozent der Einsätze gar nicht nötig ist. "An einem normalen Tag haben wir drei bis fünf Einsätze", erklärt der erfahrene Fach- und Notarzt. Besonders gefragt ist der Telenotarzt bei medizinischen Entscheidungen – etwa bei der Gabe von Medikamenten oder komplexen Einschätzungen.

"Wenn Sie jetzt nicht mitkommen, könnten Sie sterben"

Manchmal geht es dabei um Sekunden. Und manchmal um Überzeugungsarbeit. "Ich habe auch schon direkt mit einer Patientin telefoniert, die nicht ins Krankenhaus wollte", erinnert sich Endruweit. "Da musste ich ganz klar sagen: Wenn Sie jetzt nicht mitkommen, können Sie sterben."

Was viele nicht wissen: Der Gelnhäuser Telenotarzt ist nicht nur für den Main-Kinzig-Kreis zuständig. Auch mit dem Landkreis Waldeck-Frankenberg den Regionen Aachen und Heinsberg besteht eine Kooperation. Falls dort der Telenotarzt keine Kapazitäten mehr hat, übernehmen die Telenotärzte in Gelnhausen - und umgekehrt. Dazu kommt noch ein ganz besonderes Einsatzgebiet. Die beiden Halligen in der Nordsee Langeneß und Hooge werden ebenfalls von Gelnhausen betreut. Ob ein Telenotarzt dazugeschaltet wird, entscheidet immer das Team vor Ort.

"Tele-Notarzt ist nicht mehr wegzudenken"

Dr. Manuel Wiilhelm, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Main-Kinzig-Kreis, erklärt: "Der Telenotarzt ist als Pilotprojekt gestartet. Wir sind noch immer die einzigen in Hessen mit einer rund um die Uhr besetzten Telenotarztzentrale. Mittlerweile ist der TNA bei uns nicht mehr wegzudenken." Das Projekt soll in Hessen flächendeckend ausgeweitet werden. Einen Gesetzesentwurf dafür gibt es aber noch nicht. Im Jahr hat der Telenotarzt im Main-Kinzig-Kreis rund 1.000 Einsätze - bei insgesamt 60.000 Einsätzen für den Rettungsdienst.

Die 25 Tele-Notärzte sind laut Wilhelm alles erfahrene Fachärzte. "Jeder von ihnen hat langjährige Erfahrung, viele von ihnen als Ober- oder Chefärzte in Kliniken. Die Voraussetzungen dafür sind hoch, aber die meisten haben schon mindestens 1.000 Einsätze als Notarzt absolviert", erklärt der Ärztliche Leiter abschließend. Er wünscht sich, dass das Projekt in Hessen und bestenfalls in ganz Deutschland flächendeckend ausgeweitet wird und irgendwann alle miteinander vernetzt wären. Denn am Ende haben alle ein Ziel: Den Patienten bestmöglich versorgen und Leben zu retten - hier zählt oft jede Minute. (Moritz Pappert) +++

X