"Ich habe gedacht, ich verliere dich"

Tobias (33) rettet seinem Vater mitten im Wald das Leben

Tobias Müller rettete seinem Vater das Leben. Spektakuläre Notfälle - wie diese - wurden am Montagabend im Klinikum Fulda besprochen.
Fotos: Urbin/Kunze

10.12.2025 / FULDA - Es ist der 1. März 2025, ein Samstag, 11:40 Uhr, mitten im Wald bei Kalbach-Heubach im Landkreis Fulda. Ein junger Mann setzt den Notruf ab. Sein Vater atmet nicht, sein Herz schlägt nicht, es geht ihm immer schlechter. Akute Lebensgefahr! Der Mann, der damals 33-jährige Tobias Müller, wählt verzweifelt den Notruf 112. Er hat Panik, mitten im Wald ist die Rettung weit entfernt. Er muss selbst etwas tun, um seinem Vater das Leben zu retten.



Es gibt Notfälle, die so kurios oder komplex sind, dass sie die behandelnden Ärzte, Sanitäter und Pfleger nicht mehr loslassen. Um diese spannenden Einsätze als Beispiel zu nehmen, vor welchen Herausforderungen die Mediziner standen und wie sie mit der Ursachen-Findung kreativ um die Ecke denken mussten - das stellten Experten aus dem Rettungsdienst, der Präklinik und der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin am Montagabend im Klinikum Fulda für das Fachpersonal vor. Es ging bei der traditionellen "Weihnachts-Fortbildung" um Notfälle aus 2025.

Tobias Müller (damals 33) und sein Vater Robert Müller (damals 58) waren an dem Fastnachtssamstag gemeinsam im Wald und hackten Holz. "Mein Vater meinte plötzlich, ihm sei schwindlig. Ich habe ihn daraufhin auf den Boden gelegt. Dann begann er unerwartet nach Luft zu schnappen, und mir wurde klar, dass etwas Ernstes passiert. Sofort habe ich den Notruf 112 gewählt und das Telefon auf Lautsprecher neben ihn gelegt", berichtet Tobias Müller.

Am anderen Ende der Leitung ist Klaus-Peter Bischof von der Rettungsleitstelle in Fulda. Die Zeit ist knapp. Bis der Rettungsdienst eintrifft, dauert es noch. Es bleibt nur eine Option: Eine über das Telefon geleitete Reanimation. "Er hat gut mitgemacht. Andere Anrufer legen dann gleich auf oder beschimpfen einen sogar", sagt Bischof. Knapp 15 Minuten wird es noch dauern, bis der Rettungsdienst eintrifft. Tobias Müller hat größte Angst in dieser Situation. "Ich habe gedacht, ich verliere meinen Vater."

Rettung in letzter Sekunde

Dann treffen die Kräfte der Feuerwehr ein, kurze Zeit später auch der ADAC-Rettungshubschrauber Christoph 28 mit Pilot Matthias Eckert. "Als wir am Einsatzort ankamen, bot sich uns ein dramatisches Bild: Eine Person lag auf dem Feldweg, während eine weitere bereits mit der Reanimation beschäftigt war. Wir haben die Wiederbelebungsmaßnahmen dann übernommen und fortgeführt", so Heiko Faust, der Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Heubach (Gemeinde Kalbach im Landkreis Fulda). Heute berichtet der Sohn über die Situation: "Dann hörte ich den Hubschrauber näherkommen, und kurz darauf traf der Notarzt ein. In diesem Moment wurde mir klar: Ich hatte alles getan, was in meiner Macht stand - nun mussten die Profis übernehmen. Gleichzeitig spürte ich, wie meine Nerven am Ende waren."

Notarzt Dr. Jürgen Woishuber, ein erfahrender Anästhesist vom Klinikum Fulda, wird mit dem Rettungs-Heli zum Einsatzort gebracht. Er ist der Leader im Einsatz - und muss nach der professionellen Versorgung mit seinem Team, die Frau von Robert Müller benachrichtigen und sie bitten, sich von ihrem Mann zu verabschieden. Die Situation ist extrem kritisch, das Leben des damals 58-Jährigen hängt am seidenen Faden. Er wird umgehend vom DRK-Rettungswagen aus Neuhof ins Klinikum Fulda - das Krankenhaus der Maximalversorgung mit Kardiologie und Intensivstation - gebracht. Hier versucht das Team rund um den Facharzt für innere Medizin, Dr. Sebastian Herpel, die Ursache für den Herzstillstand herauszufinden.

Happy End dank des Sohnes

Wenn man Robert Müller heute sieht, denkt man nicht, dass er damals näher am Tod, als am Leben war. Im Krankenhaus wurde ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt und es geht ihm mittlerweile wieder sehr gut. "Ich bin so unfassbar stolz auf meinen Sohn. Er ist ein guter Junge", sagt er im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS und dankt allen Rettern für ihren Einsatz in sein zweites Leben. Von dem Herzstillstand und allem weiteren hat er nichts bekommen. Erst fünf oder sechs Tage später erwachte er wieder aus dem Koma.

Ob die Reanimation im Wald, eine Patientin mit systemischem Lupus, der es plötzlich ganz schlecht ging und bei der sich eine Diagnose-Findung als sehr knifflig gestaltete, oder nachts um 3 Uhr eine Frau mit unerklärlichem starken Ausschlag - die Fälle haben alle etwas gemeinsam: Sie sind ungewöhnlich oder haben dazu geführt, dass die behandelnden Ärzte mehrmals um die Ecke denken und kreativ werden mussten.

"Die aktuellen Fälle zeigen uns deutlich, wie viele Überraschungen in Notfallpatienten stecken können. Genau das möchten wir den Menschen vermitteln: Man geht oft mit einer ersten Vermutung oder Diagnose an einen Einsatz heran - und am Ende zeigt sich etwas völlig anderes, unter Umständen sogar Lebensbedrohliches. Daher ist es unser Ziel, die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein zu schärfen. Denn selbst etwas, das zunächst wie eine Bagatelle wirkt, kann sich zu einem ernsten und gefährlichen Zustand entwickeln", sagt der geschäftsführende Anästhesie-Oberarzt, Dr. Alexander Lay, der die Fortbildung mit seinem Kollegen Ltd. Oberarzt Dr. Thomas Ratjen und Dr. Matthias Kalmbach, dem Ärztlichen Leiter Rettungsdienst im Landkreis Fulda, alljährlich organisiert.

"Hier begegnen sich Rettungsdienstpersonal, Notfallsanitäter, Anästhesiepflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen - von der Unfallchirurgie über die Anästhesiologie bis zur Inneren Medizin. Alle leisten einen Beitrag, und dieser gemeinsame Austausch verbessert nicht nur die Zusammenarbeit, sondern wirkt sich auch im Alltag positiv aus: Im Rettungsdienst können wir so noch besser für unsere Patientinnen und Patienten da sein", betont Prof. Dr. Robert Schier, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin am Klinikum Fulda, und erklärt: "In Fulda ist die Zusammenarbeit aller Akteure besonders und davon profitieren die Patienten."

Mit der positiven Resonanz und der großen Teilnehmerzahl sind alle sehr zufrieden. So seien dieses Mal wieder genauso viele Menschen, wie noch vor der Corona-Pandemie, zu der Fortbildung gekommen. (Katharina Geppert) +++

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