Gastbeitrag von Benedikt Stock
Syrien vor Ort statt im Narrativ: Eindrücke, die hier kaum jemand kennt
Fotos: privat
09.12.2025 / SYRIEN -
Mit kaum einem anderen Land verbinden wir in Deutschland die Bilder der ankommenden Flüchtlingsströme und Merkels Satz "Wir schaffen das" so sehr wie mit Syrien. In vielen Köpfen ist Syrien bis heute ein einziges Trümmerfeld, ein Ort, an den man nur im Zusammenhang mit Krieg und Flucht denkt. Wir wollten wissen, ob dieses Bild knapp ein Jahr nach Ende des Bürgerkriegs noch stimmt. So haben sich unser Landesvorsitzenden Lukas Brandscheid und ich uns auf den Weg gemacht, um vor Ort selbst Eindrücke zu sammeln.
Ausgangspunkt war eine innenpolitische Debatte in Deutschland. Nachdem Außenminister Johann Wadephul Syrien als "schlimmer als Deutschland 1945" bezeichnet hatte, hatte Lukas Brandscheid diese Einordnung kritisiert und gefordert, Rückführungen von Personen ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus konsequenter durchzusetzen. Hierauf erreichte uns Kritik, Zustimmung sowie eine Einladung, uns vor Ort selbst ein Bild zu verschaffen. Für uns war klar: Wer öffentlich Rückführungen fordert und ein Land für sicher genug hält, sollte nicht vor einer Reise zurückschrecken und wir machten uns auf den Weg.
Durch Militärcheckpoints nach Homs
Unsere Reise führte uns zunächst nach Beirut und von dort über die Landgrenze nach Damaskus. Schon die Einfahrt in die syrische Hauptstadt machte deutlich, in welchem Spannungsfeld sich das Land befindet: gut ausgebaute Autobahnen mit großen Werbeflächen – und zugleich eine Stadt, die bei Dunkelheit auffallend finster ist, weil Elektrizität nur begrenzt verfügbar ist. Restaurants und Cafés halten ihren Betrieb mit Generatoren und Batteriespeichern aufrecht. In der gut erhaltenen Altstadt erlebten wir bis spät in die Nacht geschäftiges Treiben, offene Läden, voll besetzte Restaurants, Straßenhändler – und überall bemerkenswerte Gastfreundschaft.Am nächsten Morgen fuhren wir nach Homs, etwa zwei Stunden über gut ausgebaute Autobahnen mit vereinzelten Militärcheckpoints. Anders als das gängige Bild vermuten ließ, waren die Kontrollen unaufgeregt, die Soldaten freundlich und professionell. In Homs trafen wir eine alawitische Familie in einem Viertel, in dem wenige Tage zuvor Unruhen ausgebrochen waren. Auslöser war der Mord an einem Beduinen-Ehepaar, für den vorschnell die Alawiten verantwortlich gemacht wurden. Die Familie berichtete uns von ihrer Angst, für die Verbrechen des Assad-Regimes kollektiv bestraft zu werden – und gleichzeitig von großer Dankbarkeit gegenüber Polizei und Militär der neuen Regierung, die Gewalt gegen sie verhinderten und das Viertel konsequent geschützt hätten. Der Respekt vor Präsident al-Sharaa war deutlich spürbar.
Besuch im größten Krankenhaus der Stadt
Besonders eindrücklich war der Besuch im größten Krankenhaus der Stadt. Für über eine Million Einwohner stehen gerade einmal rund 50 Betten zur Verfügung, davon nur wenige Intensivbetten. Das frühere, große Krankenhaus gegenüber ist vom Assad-Regime zerstört worden. Heute arbeiten Ärztinnen und Ärzte mit veralteten Geräten, knappen Medikamentenvorräten und einer Stromversorgung, die nur über alte Generatoren funktioniert. Krankenwagen gibt es kaum. Hier wird schmerzhaft sichtbar, wie brutal die alte Diktatur gegen die eigene Bevölkerung vorging – und wie groß der Bedarf an gezielter Unterstützung beim Wiederaufbau des Gesundheitswesens ist.Homs ist eine Stadt der krassen Gegensätze. Entlang mancher Hauptstraßen stehen weite Trümmerlandschaften, Stadtviertel, die systematisch zerstört und geplündert wurden. Gleichzeitig sieht man überall erste Wiederaufbauversuche: Menschen, die ihre Häuser mit Stahlträgern abstützen, Geschäfte, die in notdürftig reparierten Gebäuden wieder öffnen, Nachbarn, die sich gegenseitig helfen. Der Wiederaufbau wird Jahrzehnte dauern – doch der Wille, die eigene Heimat Stein für Stein zurückzugewinnen, ist unübersehbar.
Orte gelebter Normalität und religiösen Miteinanders
Inmitten all der Zerstörung erlebten wir auch Orte gelebter Normalität und religiösen Miteinanders. In Homs besuchten wir eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt, eine zweitausend Jahre alte, unterirdische Kirche, über der eine moderne Kirche steht, die im Krieg ausbrannte und inzwischen mit Spenden aus aller Welt wiederaufgebaut wurde. Der Pfarrer berichtete vom friedlichen Zusammenleben der Konfessionen. Später fuhren wir in die christlich geprägte Bergstadt Kaffroun, eine Art syrischer Ferienort. Dort haben engagierte Bürger aus eigener Tasche eine freiwillige Feuerwehr aufgebaut, die jährlich dutzende Waldbrände bekämpft. Die jungen Leute, mit denen wir sprechen konnten, waren spürbar erleichtert über das Ende der Diktatur und voller Hoffnung auf ausländische Investitionen und eine bessere Zukunft für ihre Region.Zurück in Damaskus besuchten wir die provisorische deutsche Botschaft in einem Hotel, denn das eigentliche Botschaftsgebäude wurde mit Beginn des Krieges geschlossen. Dort berichtete uns der deutsche Vertreter über die aktuelle Lage und bestätigte den Eindruck, den wir auf der Straße bereits gewonnen hatten: breite Unterstützung für die neue Regierung und spürbare Erfolge beim Versuch, das Land zu stabilisieren – bei aller Komplexität der regionalen Sicherheitslage.
Bei einem Regierungsvertreter in Damaskus
Wir führten auch ein Gespräch mit einem Regierungsvertreter in Damaskus. Ziel der neuen Regierung sei es, ein freies und sicheres Syrien für alle Bevölkerungsgruppen aufzubauen, Minderheitenschutz zu gewährleisten und das Gewaltmonopol des Staates wiederherzustellen. Dazu gehört die Arbeit an einer neuen Verfassung, die Vorbereitung von Parteigründungen und eines Übergangsparlaments. Gleichzeitig wurde auf die schwierige geopolitische Lage verwiesen: bewaffnete Gruppen, die von verschiedenen Nachbarstaaten unterstützt werden, wiederholte Grenzverletzungen und der Druck einer Bevölkerung, die nach Jahren des Krieges Frieden will, aber auf Provokationen von außen sensibel reagiert.Tief berührt hat mich der Besuch des ehemaligen Hochsicherheitsgefängnisses Sednaya, eines Foltergefängnisses des Assad-Regimes. Nach dem Sturz der Diktatur floh das Gefängnispersonal, viele Häftlinge wurden erst befreit, als die Rebellen im Dezember 2024 Damaskus einnahmen. Heute ist Sednaya eine Art Mahnmal: Zellen, Papiere, zurückgelassene Gegenstände – vieles wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben. Es ist ein Ort, an dem man die ganze Brutalität des alten Regimes erahnen kann, ohne dass Worte dem gerecht würden.
Das Land ist schwer verwundet
Nach mehreren Tagen mit vielen Gesprächen in Damaskus und Homs, mit Sunniten, Christen, und Alawiten, zurückgekehrte Flüchtlingen, Regierungsvertretern und Handwerkern, bleibt für mich ein klarer Eindruck: Syrien ist nicht das Land, als das es in vielen deutschen Debatten beschrieben wird. Das Land ist schwer verwundet, viele Viertel sind komplett zerstört, aber in anderen Vierteln ist der Alltag weitgehend funktionsfähig. Müllabfuhr, Busverkehr, Märkte, Restaurants, Werkstätten – vieles funktioniert besser, als man es bei den hierzulande vorherrschenden Bildern erwarten würde. Vor allem aber eint die Menschen der Wunsch nach Frieden, Stabilität, Wiederaufbau und einem Ende der Willkür.Das hat Konsequenzen für die deutsche Politik. Über eine Million Menschen sind in den vergangenen Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Viele von ihnen haben hier Wurzeln geschlagen, arbeiten, zahlen Steuern und sind inzwischen fester Teil der deutschen Gesellschaft geworden. Sie werden bleiben – und das ist gut so. Gleichzeitig endet mit dem Ende des Krieges der Schutzgrund für diejenigen, die sich seit Jahren weder integrieren noch einen gesicherten Aufenthaltsstatus erarbeiten konnten. Über Rückkehr zu sprechen ist deshalb nicht nur angemessen, sondern notwendig und in deutschem wie in syrischem Interesse. Viele Syrerinnen und Syrer wünschen sich die Heimkehr ihrer im Ausland lebenden Landsleute, deren Ausbildung und Wissen beim Wiederaufbau gebraucht werden.