"Der Zusammenhalt ist beispiellos"

Ukrainischer Generalkonsul Sergej Dragan zu Gast beim Rhönblick Petersberg

Ukrainischer Generalkonsul Sergej Dragan zu Gast beim Rhönblick Petersberg
Fotos: Mathias Schmidt

13.08.2022 / PETERSBERG - Am Freitag war der ukrainische Generalkonsul Sergej Dragan zu Besuch beim Landhotel Restaurant Countrypub Rhönblick in Petersberg. Anlass dieses Besuchs war die enorme Hilfsbereitschaft von Jörg Witzel und Stefan Faulstich, in Bezug zur aktuellen Ukraine-Krise.

Vor einigen Wochen kam es zu einem medialen Aufschrei, als der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk, welcher inzwischen von Präsident Wolodymyr Selenskyj abberufen wurde, einige Aussagen tätigte. Unter anderem behauptete er, dass die Ukrainer sich in Deutschland nicht wohlfühlen würden. Zwar waren seine Aussagen dahingehend auf die Waffenlieferungen bezogen und wurden in den Medien aus dem Zusammenhang heraus scharf kritisiert, doch entstand dadurch vor allem bei den freiwilligen Helfern ein wenig Unmut. Auch um diese Wogen zu glätten, besuchte nun Sergej Dragan den Rhönblick in Petersberg, welche enorm viel für das ukrainische Volk geleistet haben.

"Als ich sie zitternd am Tisch sah, wusste ich, was passiert ist"

Stefan Faulstich war schon vor der Ukraine-Krise mit dem Land verbunden. Seine Ex-Frau ist Ukrainerin und er selbst ist Vorstehender des Vereins der Köche in Fulda, welche Paten der ukrainischen Nationalmannschaft der Köche sind, weshalb er auch viel Sympathie für das Land hegt. "Ich weiß noch genau, als am 24. Februar die Drohungen ausgesprochen wurden. Ich dachte, Putin ist nicht so blöd, das wirklich zu tun. Zu dieser Zeit war meine Nichte aus der Ukraine bei uns. Als ich am nächsten Morgen sah, wie sie zitternd am Tisch stand, wusste ich, was passiert ist", so der freiwillige Helfer. Bereits an diesem Tag fingen er und Jörg Witzel gemeinsam mit der Hilfsorganisation an, welche eine Selbstverständlichkeit war. "Inzwischen haben wir mehrere Konvois, sei es LKWs oder Sprinter in die Ukraine befördert, um verschiedene Hilfsgüter zu vergeben. Gefühlt hat jeder zweite Ukrainer meine Handy-Nummer", sagt er.  

"Die Bürokratie stirbt zuletzt"

Wir sorgten für das zwischenzeitliche Unterkommen, verteilten Plätze und suchten nach Wohnungen. Allerdings ist uns hier auch klar geworden, dass die Bürokratie zuletzt stirbt. Gewisse Prozesse haben Dinge extrem hinausgezögert, auch weil der Großteil der Flüchtlinge ohne gültige Dokumente ankam. Wir sind uns jedoch bewusst, dass diese ganze Krise eine langwierige Sache ist, weshalb wir auch gerade dabei sind, einen deutsch-ukrainischen Hilfsverein zu gründen. Der Winter naht und die Menschen dort benötigen Klamotten und Spielsachen, genauso wie die Flüchtlinge hier. Zum Glück gibt es aber viele positiv Verrückte, die helfen wollen und alles Mögliche tun."

"Es gab Nächte, da haben wir gerade mal eine Stunde geschlafen"

Wie anstrengend diese Zeit war, wusste auch Jörg Witzel einzuschätzen. Aktuell ist er zwar für Kriegsverletzte und Schwerbehinderte zuständlich, die vor Ort versorgt werden müssen. Dennoch weiß er noch gut, wie die ersten Wochen abliefen. "Es gab wirklich Nächte, da hat man gerade mal eine Stunde geschlafen. Ich wusste nicht, welcher Wochentag überhaupt gerade ist. Die Bundeswehr weiß damit umzugehen, wir Ehrenamtliche eher nicht. Dennoch haben wir keine Kosten und Mühen gescheut, um den Flüchtlingen den Weg hierher zu ebnen. Mit Hilfe von sozialen Netzwerken, E-Mail und anderen Kommunikationsmöglichkeiten, waren wir schneller als die Bürokratie. Wir haben einfach gemacht, anstatt zu sagen, was nicht geht. Letztendlich haben wir diese Flüchtlinge vom Anfang bis zum Ende ihrer Reise hierher begleitet, sei es durch den Reisebus oder die Gastfamilien, wo sie zwischenzeitlich untergekommen sind. Bei unserer ersten Hilfsaktion haben wir schon um die 50 Ukrainer mitnehmen können."

"Freundschaften, die über den Krieg hinaus gehen"

Vor allem bei dem Thema der Freundschaft und Verbundenheit war Jörg Witzel gerührt. "Je nach passender Chemie, konnten die Flüchtlinge ihre Gastfamilien aussuchen. Es ist eine richtige Erfolgsgeschichte, denn wir haben Leute quasi bei einer Tasse Kaffee zusammengebracht. Daraus sind Freundschaften entstanden, die über diesen Krieg hinaus gehen werden", so Witzel. 

"Das ukrainische Volk ist stolz und stark". Das wurde auch schnell den Helfern klar. "Die Ukrainer glauben an den Sieg und wollen größtenteils zurück in ihr Land. Doch während sie hier sind, wollen sie auf keinen Fall auf Sozialhilfe angewiesen sein. In ihrem zweiten Satz fragen sie meist direkt, wo sie arbeiten können. Sie machen Sprachkurse, kümmern sich um ihre Ausbildung, Arbeit und Integration. Sie stecken nicht den Kopf in den Sand, was ein vorbildliches Verhalten ist."

"Überall in Deutschland wurde großes Mitgefühl gezeigt"

Der Generalkonsul findet für das Verhalten der freiwilligen Helfer nur lobende Worte. "Ich möchte mich bei ganz Deutschland für die Hilfe vom Herzen bedanken. Dabei ist es egal, ob man bei der Aufnahme oder anderweitig unterstützt hat. Anhand von Herrn Witzel und Herrn Faulstich kann man sehen, dass überall in Deutschland viele Menschen sofort reagiert haben und ihr großes Herz gezeigt haben. Fast eine Million ukrainische Staatsbürger sind inzwischen nach Deutschland geflüchtet. Die deutschen Mitbürger haben mit ihrem großen Mitgefühl alles dafür getan, dass die Menschen sich hier wohlfühlen. Der Zusammenhalt ist stark und ich bin auch stolz auf mein Volk, welches dieses Schicksal mit viel Stolz und Kraft trägt", so der 51-jährige. 

"Krieg hat schon 2014 angefangen"

Doch was sagt der Ukraine Konsul allgemein zum Zustand des Krieges? Sergej Dragan stammt ursprünglich aus Odessa, wohnt aber normalerweise in Kiew. Er und seine Frau waren zum Zeitpunkt des Bombardements in der Stadt, hatten jedoch Glück im Unglück, dass andere Bezirke beschossen wurden. "Der eigentliche Krieg hatte schon 2014 mit der Annexion der Krim angefangen. Wer weiß, ob man mit einer anderen Haltung der NATO diesen Krieg hätte vermeiden können. Doch hat die NATO meist abwartend zu unseren Beitrittsgesuchen reagiert. Nun wird er eine ganze Weile andauern, denn ein Ende dieses Krieges ist nicht absehbar. Es werden neue Flüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland kommen. Die Welt guckt sehr genau auf das Verhalten Europas zur Ukraine, vor allem im Hinblick auf China und Taiwan. Dennoch, die Hoffnung stirbt zuletzt."

"Wir sind gewappnet"

Der Petersberger Bürgermeister Carsten Froß befürwortete auch die enorme Unterstützung der Region und von den Beiden. "Die Hilfsaktionen hier haben hohe Wellen geschlagen. Ich bin dahingehend auch sehr überrascht, wie gut und schnell die Zusammenarbeit funktioniert hat, um beispielsweise Wohnungen bereitzustellen. Die Familien sind sehr dankbar und zufrieden, vor allem dafür, dass sie zusammenbleiben können. Für weitere Flüchtlingswellen aus der Ukraine sind wir hier auf jeden Fall gewappnet. Die Integration läuft hervorragend und dank sozialer Medien und der Technik, die wirklich ein enormes Hilfsmittel sind, können wir mehr Leuten helfen." (Mathias Schmidt) +++