Bilderserie von Carina Jirsch

In Fulda verliebt – Chris de Burgh im Museumshof

Chris de Burgh begeisterte am Sonntag im Schlosshof
Fotos: Carina Jirsch

20.09.2021 / FULDA - Chris de Burgh sitzt der Schalk im Nacken. An diesem frostigen Sonntagabend kommt er in mindestens drei dicke Kleidungsschichten verpackt auf die Bühne und begann mit dem Lied "The road to freedom": I feel the wind blowing through my doorway, It's telling me that the summer's gone, And the winter waits in shadow, waiting with the storm…

A bloody cold summer concert

Man wusste ehrlich nicht, wen man mehr bewundern sollte – das Publikum im Museumshof, das der Kälte mit Winterjacken, Schals und Decken trotzte, oder den Mann auf der Bühne, der trotz klammer Finger meisterlich Klavier und Gitarre spielte und sich wunderte, wie "bloody cold" es doch bei einem Fuldaer Sommerkonzert sein könne. Aber Sänger, Musik und Publikum machten die Kälte dann doch bedeutungslos. Schon als de Burgh die Bühne betrat, bekam er standing ovations. Ich schrieb ja bereits, die Fuldaerinnen und Fuldaer haben ihn ins Herz geschlossen. 

Umgekehrt stimmt es aber auch. Chris de Burgh warnte zwar, er könne nur "Restaurant-Deutsch", als er auf deutsch seine Liebeserklärung an die Stadt machte: "Es ist ganz wunderbar, wieder hier zu sein, Fulda is my second home, ich komme seit 30 Jahren hierher." Er begrüßte Denis Martin und Peter Scholz von Spotlight, mit denen gemeinsam er das Musical "Robin Hood" geschrieben hat, das nächstes Jahr endlich Weltpremiere feiern wird. "Sein Management wollte, dass Chris de Burgh im Museumshof auftritt", erzählt mir ein sichtlich stolzer Jürgen Peters von städtischen Kulturamt. Ich lächle und denke mir, jetzt muss de Burgh eigentlich nur noch "Ich bin in Fulda verliebt" ins Englische übertragen und singen, dann wäre die Sache perfekt. Andererseits, wenn er schon Restaurant-Deutsch kann, sollte Föllsch ihn nicht überfordern.

On the road to freedom

Ein Mann, ein Klavier, eine Gitarre, mehrere Gläser Wasser, Mückenspray und sonst nichts. Mückenspray, erklärte er dem Publikum, sei ein Must, denn die Viecher liebten ihn und würden ihn zielsicher ansteuern. Nicht an diesem Tag, denn da hatten alle Mücken kältefrei. Chris de Burgh entschuldigte sich dafür, dass die August-Konzerte ausgefallen seien – er war an Covid erkrankt und stünde erst jetzt wieder auf der Bühne, aber es ginge ihm gut und er fühle sich fit. Gewissermaßen beginne er heute seine persönliche "road to freedom". 

Für den Weltstar ungewohnt war sicher das intime kleine Format des Museumshofs. Corona-bedingt dürfen dort ja nur eine begrenzte Anzahl von Menschen rein, dazu die Abstandsregeln. Und doch brachte das für das Publikum einen entscheidenden Vorteil: So nahe ist man dem Star bei den "großen" Konzerten normalerweise nicht. Chris de Burgh passte seinen Auftritt den Gegebenheiten an und kam allein, ohne Band.

Wer ganz alleine 2 Stunden das Publikum begeistern will, ohne die Hilfe von Soundtrack, Background Vocals und Bands, muss erstens saugute Songs haben, und zweitens stimmlich wie instrumental überzeugen. Es ist ja nichts und niemand da, der eventuelle Schwächen überspielen könnte. Und de Burgh überzeugte. Zwar war die Stimme nach der überstandenen Corona-Infektion und vielleicht auch kältebedingt etwas angeschlagen, es störte nicht. Einschränkungslos klar war seine Intonation. Egal ob de Burgh singt oder spricht, man versteht jedes Wort – da könnten sich viele ein Scheibchen abschneiden. Chris de Burgh wechselte an diesem Abend immer wieder zwischen Gitarre und Konzertflügel.

Tourneen durch mehr als 120 Länder

Faszinierend, dass und wie er eingängige Melodien auch zu Themen schreibt, die normalerweise in der Tagesschau vorkommen. Dazwischen streut er immer wieder seine Hits. Es ist ein Rundgang durch sein musikalisches Werk mit bekannten und weniger bekannten Songs. Einige Lieder waren, so erzählte er, gewünscht worden, andere wollte er besonders gern spielen. Immer wieder gab es Hinweise zur Entstehungsgeschichte der Lieder. So erzählt er, er sei besonders oft in Russland aufgetreten. "Natasha Dance" entstand auf einer seiner Konzertreisen dort, von denen er auch eine CD mit russischen Volksliedern mitgebracht habe. Eines davon spielte er dann auch gleich, "Those were the days". Und "Moonlight & Wodka" durfte natürlich auch nicht fehlen, denn die Russen wissen, was Kälte ist und wie man sie besiegt.

I’ve done my time in the prison of love

Einige Lieder widmete er seinem großen Thema, der Liebe, "Suddenly Love" etwa, "Romeo standing in the rain", "There goes my heart again" und fast am Ende des Konzerts dann auch "Lady in Red", obwohl er dieses Lied gar nicht so mag wie manch anderes, das er geschrieben hat. Zwischendrin verriet er uns auch, dass es für Männer nichts Schwierigeres gäbe, als Frauen zu verstehen. Er läse gerade "How to understand women", ein sehr dickes Buch, eigentlich eine Serie mit mehr als 100 Bänden. Das klingt nach einer Lebensaufgabe, aber mir scheint, er gibt seine Antworten in seinen Liedern. Und im Leben muss er das Rätsel auch gelöst haben, denn er und seine Frau Diane sind seit 1978 verheiratet. Skandalfrei. In einem Interview mit der Gala wurde er einmal nach seinem Ehe-Erfolgsgeheimnis gefragt und sagte: "Respekt füreinander!" Und: "Gefühle füreinander und nach vorne schauen und nicht zurück oder zur Seite", das sei ebenfalls gut. 

Chris de Burgh und die Liebe. Schmusesänger und manchmal auch Schnulzensänger hat man ihn schon genannt. Wahr ist, kaum einer singt so schön, so innig, so sehnsuchtsvoll über die Liebe. Es geht die Fama, dass de Burgh als Soundtrack für First Dates geradezu perfekt sei. Seine Musik sei quasi eine Geling-Garantie für so ein Date – vermutlich auch für andere.

Lieder vom guten Leben

Sein zweites großes Lebensthema ist die Zeit des Menschen, und was dieser damit anfängt. "Shine on" – auch ein gewünschter Song – wurde inspiriert durch alte Fotografien, die er in einem alten Landhaus fand. Sie zeigen Menschen, die längst gestorben sind, sie machen klar, "time is moving like a river". Und wir Menschen müssen lernen und planen für die Zeit nach uns, wenn wir gegangen sind, unsere Kinder aber die Erde bewohnen: "We must leave here a garden for our children, when we are gone forever". "Borderline" befasst sich mit der Sinnlosigkeit des Kriegs und rechnet mit Waffennarren und Kriegstreibern ab. 

Aus dem aktuellen Album "Robin Hood" spielte er "Live life, live well", das fast so etwas wie eine kurze Meditation über das gelingende Leben ist. In diesen Kontext stellt er auch Robin Hood, den Helden wie das Musical. "The tale of Robin Hood" setzt den Rahmen, in "Only a Child” wird Robin klar, was die Zwangsehe für Marian bedeutet, und in "We’ve got the money" ist Robin Hood bei seinem ureigensten Thema – nimm von den Reichen und gib es den Armen.

Bei diesen Temperaturen fand de Burgh zum Ende hin, sei es nun Zeit für ein Weihnachtslied, die Lebkuchen gäbe es ja auch schon überall zu kaufen. Und dann sang er "Spaceman came travelling", denn er wollte unbedingt der Erste sein, der in Fulda in diesem Jahr ein Weihnachtslied singt.

Ein Wort noch zu den Fans. Es dürften ungefähr gleich viele Frauen wie Männer im Museumshof gewesen sein, aber die Unterschiede im Jubeln sind schon gewaltig. Sagen wir mal so, de Burgh ist ein "lady’s man", was die Faszination angeht. Die Stuttgarter Zeitung meinte dazu einmal: "Der Mann tritt vor ein Mikrofon, singt los, und Frauen meinen zu spüren, dass er ihnen seine Seele vertrauensvoll in die Hand legt. Rationalisieren kann man das nicht."

Die Jungs sind dabei und machen Fotos von ihren Frauen und Freundinnen mit Chris de Burgh im Hintergrund. Vielleicht meint de Burgh ja sie, wenn er von dieser Suche nach dem perfekten Mann erzählt, den Frauen wenigstens in ihren Träumen ab und zu treffen wollen. Die Jungs sind nur Staffage für die Beziehung zwischen de Burgh und seinen weiblichen Fans. Die sind es, die für die Energie und Begeisterung sorgen. Und wie sie das tun. Sie kennen alle Songs, auch die weniger bekannten, singen mit, tanzen mit, verzückt und entrückt – und verbreiten gute Laune an diesem unvergesslichen Abend. (Jutta Hamberger) +++