Bouffier erinnert in Schloss Biebrich

8. Hessischer Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation

Ministerpräsident Volker Bouffier sprach beim 8. Hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation im Wiesbadener Schloss Biebrich.
Foto: Hessische Staatskanzlei

19.09.2021 / WIESBADEN - Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und die Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf (CDU), haben anlässlich des 8. Hessischen Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation, der gemeinsam mit dem Zentralen Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen traditionell im Wiesbadener Schloss Biebrich begangen wird, dazu aufgerufen, die Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Deportation lebendig zu halten.

"Der vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselte Krieg brachte Tod und Vernichtung über viele Völker Europas. In der Folge wurden zwischen 1945 und 1949 rund 15 Millionen Deutsche aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten gewaltsam aus ihrer über Jahrhunderte angestammten Heimat vertrieben. Viele haben von heute auf morgen ihre Wurzeln verloren. Trotz dieser gewaltsamen Veränderungen in ihrem Leben haben sie sich integriert und hier bei uns ein Zuhause gefunden. Diese Geschichte, die zur Geschichte aller Deutschen gehört, gilt es für die heutigen und kommenden Generationen lebendig zu halten", betonten Bouffier und Ziegler-Raschdorf am Sonntag im Schloss Biebrich.

Die Vertriebenen hätten Hessen immens bereichert und zum Zusammenwachsen des Bundeslandes nach dem Krieg beigetragen. "Viele Vertriebene brachten aus ihrer alten Heimat ganz spezifische Fertigkeiten mit, die es so in den hessischen Landen noch gar nicht gegeben hat – vom Musikinstrumentenbau in Nauheim bis zur Glaserzeugung in Hadamar. Unsere heutige starke mittelständische Wirtschaft in Hessen hat hier ihren Ursprung", unterstrich Bouffier. "Wir sind heute – ein Dreivierteljahrhundert später – all diesen Menschen zu großer Dankbarkeit verpflichtet. Sie schufen eine neue Heimat und mit ihrem Zusammenwachsen die Grundlage unseres demokratischen Gemeinwesens: Das, was Hessen heute ist, kann man nur verstehen, wenn man sich mit der Geschichte der Menschen damals beschäftigt", so Bouffier.

Situation in Afghanistan und anderen Ländern

Angesichts der aktuellen Ereignisse in Afghanistan und der diktatorischen Zustände in anderen Ländern dieser Welt machte Ministerpräsident Bouffier deutlich: "Die Geschichte von Flucht und Vertreibung ist keine Geschichte der Vergangenheit. Sie ist aktueller denn je. Flüchten, eine neue Heimat finden und ankommen – das hat in diesen Tagen für ganz viele Menschen eine ganz aktuelle Bedeutung." Die Flucht-Erfahrungen vieler Menschen von damals könnten "hier Mut und Perspektive geben". Deswegen sei es so wichtig, diese Erinnerungen zu bewahren und weiterzuerzählen. "Die Geschichten, die hinter jedem einzelnen Menschen stehen, dürfen nicht in Vergessenheit geraten", unterstrich Bouffier. Der Landesverband der Vertriebenen leiste hier wichtige Aufklärungsarbeit.

Für die Deutschen aus Russland wurde bereits das Jahr 1941 zum tragischen Wendepunkt in ihrer Geschichte: Mit dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 "Über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben", der sich in diesem Jahr zum 80. Mal jährt, wurden die Russlanddeutschen aus dem europäischen Teil der Sowjetunion in Gebiete hinter den Ural, nach Kasachstan und Sibirien deportiert und mussten dort in Zwangsarbeitslagern schwerste körperliche Arbeit verrichten. Auch mit Kriegsende im Mai 1945 änderte sich das Schicksal dieser Menschen nicht. Der so genannte "Stalinerlass" bildete den Anfang einer systematischen repressiven Politik gegen deutsche Bürger der Sowjetunion. Sie mussten in jahrzehntelanger, erzwungener Verbannung in Sondersiedlungen leben, was zu einer dauerhaften Entwurzelung führte, da dieser Volksgruppe die nationale Identität geraubt wurde. Auch war es ihnen unter Strafandrohung verboten, die deutsche Sprache zu sprechen. Viele haben dadurch zwangsläufig ihre Sprachkenntnisse verloren. "Hessen ist mit den Heimatvertriebenen eng verbunden – in diesem Jahr gilt unser Gedenken der Deportation der Russlanddeutschen vor 80 Jahren", unterstrich der Ministerpräsident.

Rund 30 Prozent der Hessinnen und Hessen sind über ihre familiäre Herkunft von Vertreibung und Aussiedlung betroffen. "Es ist von Bedeutung, dass wir uns auf die Fundamente unserer eigenen Geschichte und Kultur besinnen. Nur eine starke, in unseren Werten begründete Identität ist die beste Prävention gegen Gewalt und einen aggressiven Nationalismus", so Margarete Ziegler-Raschdorf. Ganz in diesem Sinne lautet das diesjährige Bund der Vertriebenen-Leitwort: "Vertreibung und Deportation ächten – Völkerverständigung fördern". Ziel ist es, auf die zahllosen Geschichten der Menschen aufmerksam zu machen, die gewaltsam ihre Heimat durch Flucht und Vertreibung verloren haben. "Die Schicksale der Betroffenen zeigen einerseits Verlust und Entbehrungen, aber anderseits auch, dass die Vertriebenen ihre zweite Heimat in Hessen gefunden haben und sich mit viel Engagement und Tatkraft am Wiederaufbau des Bundeslandes beteiligt haben", sagte Bouffier. Neben dem schmerzlichen Verlust der alten Heimat, sei da auch "die Hoffnung auf Zukunft und Ankommen in einer neuen Heimat". Integration könne dabei nur durch den Austausch zwischen den Menschen gelingen, unterstrich Bouffier.

Erinnerung in Zukunft tragen

In regelmäßigen Gesprächen tausche sich die Landesregierung mit dem Bund der Vertriebenen dazu aus, wie man junge Menschen mit diesem Thema konfrontieren könne. Ziel müsse es sein, die Erinnerung in die Zukunft zu tragen. "Wir wollen es nicht dem Zufall überlassen, ob ein junger Mensch von dieser Geschichte hört oder nicht. Genau aus diesem Grund hat Hessen auch als erstes Bundesland das Thema ‚Flucht und Vertreibung‘ im Kerncurriculum Geschichte für die Oberstufe verpflichtend verankert und zum Prüfungsbereich für die schriftliche Abiturprüfung erhoben. Damit die Schüler lernen, was war, und daraus Orientierung finden für das, was ist", erklärte Bouffier. (pm) +++