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Achtung Satire!

WIELOCHS WIRRE WELT (30): Pabblick Wjuing – Almabtrieb im Museumshof

Jochen Wieloch blickt durch ...
Grafik & Fotos: Nicole Wagner

06.06.2014 / REGION - Noch eine Woche, dann bestimmt auch in Osthessen wieder ein Begriff den Alltag der Menschen: Public Viewing. Damit Sie selbst trotz Rhöner Platt oder Fuldaer Mundart in lupenreinem Oxford-English nachfragen können, wo’s zum Rudelgucken geht: Pabblick Wjuing lautet die korrekte Aussprache. Dabei handelt es sich um die beliebten Veranstaltungen, bei denen clevere Event-Manager (sprich: Ihwänt-Mänätscher) die Massen in die Esperanto-Halle oder in den Museumshof treiben, vor eine Riesenglotze stellen und bei großer Hitze mit Wasser aus Schläuchen abspritzen. Nach einem ähnlichen Prinzip verläuft auch der Viehabtrieb in den Bergen, allerdings mit einem kleinen Unterschied: Die Kühe würden gerne auf der Alm bleiben.



Im Zusammenhang mit Pabblick Wjuing ist eine Frage interessant, die seit Wochen Eltern und Kinder bewegt: Darf der Nachwuchs am Morgen nach einem Spiel der deutschen Elf später zur Schule gehen oder sogar ganz zu Hause bleiben? Natürlich hat sich auch das Hessische Kultusministerium mit dieser Thematik beschäftigt. Ergebnis: Für Lehrer gibt es während der WM eindeutige Handlungsvorschriften.

Auf Seite 37 der Verlautbarung vom gestrigen Donnerstag heißt es: „Schülerinnen und Schüler sind am Tag nach einem WM-Spiel, an dem die Mannschaft der eigenen Nationalität beteiligt war, vom Unterricht zu beurlauben. Bei Niederlagen der eigenen Elf nach Verlängerung oder Elfmeterschießen ist aus Gründen der zu erwartenden psychischen Instabilität ein zweiter freier Tag zu gewährleisten. Schülerinnen und Schüler mit doppelter Staatsbürgerschaft sind maximal vier Tage freizustellen, wenn beide Mannschaften am selben Tag nach der regulären Spielzeit ausscheiden. Treffen die Teams, die eine doppelte Staatsbürgerschaft begründen, gegeneinander an, so muss der Schüler mindestens 24 Stunden vorher seiner Lehrkraft mitteilen, zu welcher Nation er aus fußballerischer Sicht emotional tendiert. Die Lehrer sind dazu angehalten, den Unterricht während der WM in Brasilien als Public-Viewing-Event zu strukturieren.“

Letzteres sieht dann so aus. „In Germany we call it ,Welle’“, erklärt Lehrerin Jasmin Z. gestenreich Meltem, Perihan, Nilam, Balu und Surya, die heute kein WM-frei haben und mit der deutschen Sprache nicht so vertraut sind. Immer wieder reißt die 37-Jährige die Arme in die Höhe. Doch die Schüler interessiert das wenig. „Nilam, a Bratwürstchen for you?“, fragt die Paukerin. „Nix Schwein!“ – „Balu, do you know Jogi Löw?“, versucht Z. den prüfungsrelevanten Unterrichtsstoff zu vertiefen. Balu schüttelt den Kopf. „This is our Kaiser“, zeigt die Lehrerin auf ein Bild mit Franz Beckenbauer. Keine Reaktion. „Bin i Radi, bin i Depp, König ist der Maier Sepp“, unternimmt Z. einen neuen Anlauf für bessere Stimmung. Schweigen! Das schulische Pabblick Wjuing wird zum Desaster.

Jetzt hilft nur noch ein Griff zum Klassiker auf DVD. „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt – Tor, Tor, Tor, Tor, Tor!“ Plötzlich hellen sich die Gesichter der Kinder auf. Sie grinsen. Endlich haben sie verstanden, was ihre Lehrerin will. „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum“, legt das Quintett einstimmig los. „Müller, Wilhelm Müller“, brüllt die Klasse den Namen des Volkslied-Texters wie den eines Torschützen. Lehrerin Jasmin Z. präsentiert ihr Deutschland-Trikot von hinten: „13 – Müller.“ Spontan bietet ihr Meltem einen Schluck Ayran an, ein beliebtes Erfrischungsgetränk auf Joghurt-Basis aus ihrer Heimat: „You call it Müller-Milch.“ (JOCHEN WIELOCH)+++


HINTERGRUND: „Wielochs wirre Welt" erscheint heute am 30. Freitag in Folge bei OSTHESSEN|NEWS. Jochen Wieloch (37) blickt dabei pointiert, humorvoll und teilweise mit einer gehörigen Portion Ironie auf die Ereignisse, die die Menschen in der Region und im Land bewegen. Der Petersberger kennt sich als selbstständiger Redakteur in den Medien Print, TV und Internet bestens aus, ist Buchautor und als Spezialist für Unterhaltungselektronik gefragter Autor für zahlreiche Verlage, Magazine und Fachzeitschriften. Außerdem berät und betreut der 37-Jährige Unternehmen in allen Fragen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Neben dem ZDF, 3sat und dem Bayerischen Rundfunk arbeitete Jochen Wieloch unter anderem auch für die Motor Presse in Stuttgart und auto-tv in München. Für osthessen-tv.de stellt der Germanist neuerdings regelmäßig automobile Neuheiten in Filmbeiträgen vor. +++

... ist aufmerksam...

... und riskiert auch mal was Freches ...

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