GASTKOMMENTAR von Dr. Michael CONZE
Fuldaer Sportmediziner zur Doping-Affäre SACHENBACHER-STEHLE
22.02.2014 / FULDA -
Die Doping-Affäre um die deutsche Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle (33) sorgt für Gesprächsstoff. Die zweimalige Langlauf-Olympiasiegerin - sie wechselte vor zwei Jahren zum Biathlon - wurde bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi positiv auf ein Stimulanzmittel getestet. Vermutlich soll es in einem Nahrungsergänzungsmittel enthalten gewesen sein. Sie wurde aus dem deutschen Olympiateam ausgeschlossen und reiste bereits ab. Inzwischen ist bekannt geworden, dass ihre Wohnung und das Trainingszentrum in Ruhpoldung von Beamten des Landeskriminalamtes durchsucht worden seien.
Die 33-jährige Sportlerin betonte gegenüber den Medien, dass sie dieses Mittel nicht wissentlich eingenommen habe und sie den Fall lückenlos aufklären wolle. Der Fuldaer Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin Michael P. Conze erklärt in einem Gastkommentar exklusiv für die Leser von osthessen-news.de die Hintergründe, Auswirkungen und Folgen des Dopingsfalls Evi Sachenbacher-Stehle.
"Eines vornweg: Was haben wir für Lügen, Ausflüchte und Erklärungen von Sportlern gehört, die der Einnahme von verbotenen Substanzen überführt wurden. In diesem Fall bin ich geneigt, Evi Sachenbacher-Stehle zu glauben, dass sie nicht willentlich Dopingsubstanzen einnehmen wollte. Die nachgewiesene Substanz Methylhexanamin macht für einen Ausdauerathleten keinen Sinn und ist als gefährlich bekannt: "Methylhexanamin ist ein Stimulanz, das in den letzten Jahren als Substanz vielen Nahrungsergänzungsmitteln illegal zugesetzt wird. Die Präparate werden unter anderem als „Fettburner" und als Produkte zur „Verbesserung der Sauerstoffkapazität bei harten Belastungen" intensiv beworben. Auf den Inhaltsstofflisten werden häufig analoge Bezeichnungen für Methylhexanamine verwendet, die nicht namentlich auf der Dopingliste stehen" schreibt das Institut für Biochemie der DSHS Köln auf ihrer Seite "doping.de".
Von der Weltdopingagentur WADA wurden 2011 283 Fälle mit Nachweis von Methylhexanamin in Proben von Athleten nachgewiesen. Die nationale Antidoping Agentur NADA weist bei ihren Empfehlungen zu Nahrungsergänzungsmitteln auf mögliche Verunreinigungen dieser Substanzen hin und empfiehlt ausschließlich Produkte, die arzneimittelrechtlich überprüft und zugelassen sind. Eines der großen Probleme ist die Medikamenten- und Substanzgläubigkeit von Leistungssportlern, die immer wieder glauben, irgendwelche obskuren Zusatzstoffe würden ihre Leistungs- oder Erholungsfähigkeit vor bzw. zwischen Wettkämpfen verbessern.
Auch hierauf weist die NADA in ihren Hinweisen zu Nahrungsergänzungsmitteln eindeutig hin und schreibt: "Es ist seit langem bekannt, dass immer wieder verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel entdeckt werden. Die NADA warnt deshalb seit Jahren generell vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln im Sport. Sie weist in allen Präventionsveranstaltungen mit Athletinnen und Athleten auf diese Gefahren hin, genauso bei Informationsveranstaltungen mit Verbands- und Sportärzten. Öffentlich hatte die NADA erstmals 2010 vor der Verunreinigung mit Methylhexanamin gewarnt, zuletzt erneut im Oktober 2013. Wir erwarten von Spitzensportlern, dass sie diese Gefahr einschätzen können und die Warnungen ernst nehmen".
Um es nochmals deutlich zu sagen: Alle wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema folgern, dass keinerlei Nutzen für diese Substanzen besteht. Der Nutzen besteht nur für die produzierende Industrie und für diejenigen, die es verkaufen. Die Tatsache, dass eine so erfahrene Athletin trotz aller Hinweise glaubt, auf ein solches Produkt angewiesen sein zu müssen, ist eine absurde Dummheit und zeigt auch die leider immer wieder anzutreffende Junkiementalität von Topathleten. Das ist ein vorwiegend mentales Problem, da der Athlet nicht auf sein Training, seinen Körper und die Konzentration auf den Wettkampf vertraut, sondern auf irgendwelche obskuren Mittelchen zurückgreift.
Somit ist Frau Sachenbacher-Stehle, so sehr ich sie als Mensch und Sportlerin auch mochte, von der Bühne des Sports zu entfernen. Von ihr wird nur noch diese schmähliche Geschichte in Erinnerung bleiben - einfach traurig. Können wir die Hoffnung haben, dass Sportler aus diesen Vorfällen lernen? Leider nein, auch wenn wir Sportärzte es noch so oft und gebetsmühlenartig wiederholen werden - die Dummheit stirbt leider nicht aus."
Michael P. Conze Facharzt für Innere Medzin - Kardiologie und Sportmedizin Gemeinschaftspraxis Unterm Hl. Kreuz Fulda. (hhb) +++