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Was das Leben zum Klingen bringt

Bischof Gerber nutzt an Allerheiligen Chorgesang als Bild für Heiligkeit

Chorgesang als Bild für Heiligkeit: Bischof Dr. Michael Gerber beschreibt in seiner Allerheiligenpredigt im Fuldaer Dom, wie Menschen ihre von Gott geschenkte Stimme entfalten und im Miteinander zum Klingen bringen. Die Archivaufnahme entstand beim Pontifikalrequiem an Allerseelen 2025 im Fuldaer Dom und zeigt den JugendKathedralChor unter der Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber.
Foto: Bistum Fulda / Marzena Seidel

01.11.2026 / FULDA - Ein Chor lebt davon, dass Menschen ihre eigene Stimme einbringen und zugleich aufeinander hören. Dieses Bild greift Bischof Dr. Michael Gerber im Pontifikalamt zu Allerheiligen im Fuldaer Dom auf. Heiligkeit, so betont er, bedeute, sich von Gott formen zu lassen, die eigenen Fähigkeiten zu entfalten und sie in die Gemeinschaft einzubringen. Wie bei einer Stimmbildung brauche dieser Weg Zeit, Übung und die Bereitschaft, sich weiterentwickeln zu lassen. Trotz unterschiedlicher Lebenswege verbindet alle Gläubigen die christliche Hoffnung, dass das Leben nicht im Tod endet, sondern bei Gott seine Vollendung findet.



Für Bischof Dr. Michael Gerber klingt Heiligkeit im heutigen Lebensgefühl zunächst sperrig. In seiner Predigt zu Allerheiligen im Fuldaer Dom fragt er, was dieser Begriff für das Leben heute bedeutet. Allerheiligen steht für die christliche Hoffnung auf ein Leben bei Gott über den Tod hinaus. Gerber beschreibt Heiligkeit als einen persönlichen Weg, auf dem Menschen ihre von Gott geschenkten Möglichkeiten entfalten und sich Gott und ihren Mitmenschen öffnen.

Einen Zugang findet er im Apostolischen Schreiben "Novo millennio ineunte", das Papst Johannes Paul II. vor 25 Jahren veröffentlicht hat. "Die Wege der Heiligkeit sind vielfältig und der Berufung eines jeden angepasst", zitiert er daraus. Schon die Evangelien zeigten die Menschen, die Jesus nachfolgten, als unverwechselbare Persönlichkeiten. Der Glaube gewinne in konkreten Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebenswegen Gestalt.

Die eigene Klangfarbe entdecken

Für seine Gedanken greift Gerber den Gesang des Domchores als Bild auf. Sopran, Alt, Tenor und Bass singen unterschiedliche Tonfolgen. Auch innerhalb einer Stimmgruppe bringt jeder Mensch seine eigene Klangfarbe ein. Erst im Zusammenspiel entsteht ein Klang, der den Raum füllt. Gerber verbindet das mit den Seligpreisungen, in denen Jesus Menschen anspricht, die sich etwa um Frieden bemühen, nach Gerechtigkeit streben oder anderen mit Barmherzigkeit begegnen. Sie brächten unterschiedliche Klangfarben in die Gemeinschaft ein.

Auch die einzelne Stimme brauche Zeit und Übung, um ihre Möglichkeiten zu entfalten. Darin greift der Bischof einen weiteren Gedanken Johannes Pauls II. auf. Die Begleitung auf dem Weg zur Heiligkeit müsse den unterschiedlichen Entwicklungsrhythmen der Menschen entsprechen. "Streben nach Heiligkeit, das bedeutet, die Melodie, die Klangfarbe zu entdecken, die Gott in mir grundgelegt hat", betont Gerber.

Begabung verändert sich

Am heiligen Franziskus von Assisi, dessen 800. Todestag Anfang Oktober begangen wurde, zeichnet Bischof Gerber nach, wie eine solche Entwicklung aussehen kann. Schon als junger Mann sei Franziskus auf den Festen seines Heimatortes gern gesehen gewesen. Er habe Menschen begeistern und für ein gemeinsames Ziel gewinnen können. Diese Begabung habe mit seiner Bekehrung eine neue Richtung erhalten.

Franziskus sammelte Menschen um sich, die einfach und arm lebten und mit ihm kleine Kirchen wieder aufbauten. Aus diesem Anfang wuchs ein weiterreichender Auftrag zur Erneuerung der Kirche als Gemeinschaft von Menschen, so Gerber. Die besondere Klangfarbe seiner Persönlichkeit sei dabei erkennbar geblieben. Sie wurde im Laufe seines Lebens klarer und voller.

Entscheidungen

Zu einem solchen Weg gehörten auch Entscheidungen, betont Gerber. Wie ein Musiker könne ein Mensch nicht auf beliebig vielen Instrumenten zugleich zum Virtuosen werden. Zugleich sollten die unterschiedlichen Seiten seiner Persönlichkeit zusammenfinden. Lebenskraft, Beziehungsfähigkeit, Kreativität und Gefühle gehörten dazu.

"Gott möchte im Leben eines Menschen nicht einfach nur einen klinisch reinen Ton erzeugen, 440 Hertz etwa, das wäre ein sehr blutleerer Heiliger", sagt der Bischof. "Nein, Gott möchte einen voluminösen Klang, wo im Grundakkord des Lebens die unterschiedlichen Dimensionen meiner Persönlichkeit in ihrer jeweiligen Frequenz mitschwingen."

Aufeinander hören

Heiligkeit bedeute: sich im Konzert der unterschiedlichen Stimmen zu wissen, betont der Bischof. "Ein guter Musiker hört, was um ihn herum vorgeht, und er reagiert auf seine Umgebung angemessen", so Gerber. "Er bringt seine zu ihm gehörende Stimme ein, jedoch so, dass sie das Konzert bereichert."

Gerber fragt, ob gerade diese Verbindung von eigenständigen Persönlichkeiten und aufmerksamem Miteinander den ersten Christen so große Resonanz verschafft habe. Diese Frage im Leben der Kirche heute zu beantworten, sei eine Aufgabe ihrer Erneuerung.

Vom Atem Gottes beschenkt

Mit dem Atmen führt Gerber das Bild der Stimmbildung weiter. "Der Heilige weiß, dass er nicht aus sich selbst heraus lebt." Heiligkeit bedeute, sich mit jedem Atemzug von Gott beschenkt zu wissen. Ein in sich abgeschlossener, perfekter Mensch entspreche diesem Verständnis nicht.

"Heilige üben sich in der Öffnung auf das Du Gottes und auf das Du des Mitmenschen", sagt der Bischof. Was ein Mensch von Gott empfange, könne in seinem Leben Resonanz finden und zur Botschaft für andere werden.

Zum Abschluss seiner Predigt lud Gerber dazu ein, Gott im Gottesdienst auch die Lücken des eigenen Lebens hinzuhalten. "Wir dürfen ihn bitten, dass er uns jenen Impuls schenkt, der unsere Seele, unsere ganze Person neu zum Klingen bringt."

Musik im Dom

Die musikalische Gestaltung übernahm die Schola des Fuldaer Domchores unter der Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber. An der Domorgel spielte Domorganist Max Deisenroth. Zu hören waren unter anderem Kyrie und Agnus Dei aus Palestrinas "Missa brevis" sowie "Aeterna fac" aus dem "Te Deum" von Hasse.

Requiem an Allerseelen

Am Montag (2. November) feiert Weihbischof und Domdechant Prof. Dr. Karlheinz Diez um 18.30 Uhr im Fuldaer Dom ein Pontifikalrequiem, eine Messe für die Verstorbenen. Zum Gottesdienst gehören eine Prozession zur Johanneskapelle und die Gräbersegnung. Die musikalische Gestaltung übernehmen der JugendKathedralChor unter der Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber und Domorganist Max Deisenroth. www.bistum-fulda.de. (mis/pm) +++

Bischof Dr. Michael Gerber betont in seiner Allerheiligenpredigt im Fuldaer Dom, dass Heiligkeit im persönlichen Leben Gestalt gewinnt. Dazu gehöre, die von Gott geschenkten Möglichkeiten zu entfalten und sich für Gott und die Mitmenschen zu öffnen.
Foto (Archiv): Bistum Fulda / Salih Usta

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