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"Hätte ich weggeschaut?"

Auf den Spuren der Vergangenheit: Schüler stellen sich Fragen der Gegenwart

Schüler der Beruflichen Schulen Obersberg setzen sich drei Tage lang mit Zwangsarbeit im Kalirevier und dem Konzentrationslager Buchenwald auseinander.
Fotos: Privat

27.10.2026 / HERINGEN (W.) - Angehende Sozialassistenten der Beruflichen Schulen Obersberg setzen sich drei Tage lang mit Zwangsarbeit im Kalirevier und dem Konzentrationslager Buchenwald auseinander – und landen bei Fragen an sich selbst.



"Mir ist im Nachhinein klar geworden, dass ich auf der Asche von toten Menschen gelaufen bin." Dieser Satz fällt am Tag nach dem Besuch der Gedenkstätte Buchenwald, als die Klasse 12ASA im Klassenraum in Heimboldshausen zusammensitzt und versucht, in Worte zu fassen, was sie gesehen hat. Leicht fällt das niemandem.

Drei Projekttage zur Demokratiebildung hatten die angehenden Sozialassistenten vom 30. September bis 2. Oktober hinter sich. Begleitet wurden sie von Dr. Johannes Hocks (Adam-von-Trott-Stiftung), Chiara Eller (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) und Dr. Arndt Macheledt (Werra-Kalibergbau-Museum) sowie den Lehrkräften Natascha Riebold und Christina Gimpel. Die Klassenlehrerin Frau Riebold, welche das Projekt organisiert hat, unterstreicht: "Auf der Demokratiebildung liegt in unserer Ausbildung ein Schwerpunkt. Wer in einem sozialen Beruf arbeitet und später beruflich Menschen begleitet, unterstützt und schützt, sollte wissen, wohin es führt, wenn Menschenwürde nichts mehr gilt."

Geschichte vor der eigenen Haustür

Der Einstieg fand bewusst nicht in Weimar statt, sondern in Heringen. In der Sonderausstellung "Zwangsarbeit im Kali-Revier" des Werra-Kalibergbau-Museums erarbeiteten die Schüler anhand regionaler Biografien, was während der NS-Zeit in den Werken an der Werra geschah. Was viele überraschte: Die Zwangsarbeit begann vergleichsweise unauffällig – mit Verträgen, Lohn und dem Versprechen auf Heimkehr. Erst nach und nach wurde die Rückkehr verhindert, später wurden Menschen verschleppt. Eingesetzt wurden schon Jugendliche ab 15 Jahren, also sogar noch jünger als die Klasse selbst. Wie hart die Bedingungen waren, entschied die Herkunft. Aus Lagern fünf bis zehn Kilometer entfernt wurden die Arbeiter morgens und abends zu Fuß zu den Werken getrieben – durch Dörfer, deren Namen die Jugendlichen kennen und in denen sie heute noch wohnen.

Ein Weg, der "Blutstraße" hieß

Am zweiten Tag ging es mit dem Bus auf den Ettersberg bei Weimar. Schon die Zufahrt erzählt Geschichte: Häftlinge mussten sie von Mitte 1938 bis zum Spätherbst 1939 unter mörderischen Bedingungen ausbauen. Sie selbst gaben ihr den Namen "Blutstraße". Am Lagertor steht, von innen lesbar, der Satz "Jedem das Seine" – gemeint als Hohn: Jeder bekomme hier, was er verdiene. Die Uhr über dem Tor zeigt bis heute 15.15 Uhr, die Stunde der Befreiung am 11. April 1945.

Beim Rundgang blieben vor allem Einzelheiten hängen. Der sogenannte Carachoweg, auf dem neu ankommende Häftlinge im Laufschritt durch ein Spalier prügelnder SS-Männer getrieben wurden. Einen offiziellen Befehl dafür gab es nicht. Einer fing an, andere machten mit – getrieben von Gewaltbereitschaft und Hass. Das Krematorium, das zunächst in Weimar betrieben wurde, bis Anwohner sich über Rauch und Geruch beschwerten. Und Paul Schneider, der evangelische Pfarrer, der den Hitlergruß verweigerte und aus seiner Folterzelle heraus Mithäftlingen Mut zurief, bis man ihn schließlich für immer zum Schweigen brachte.

Etwa 277.800 Menschen waren hier und in den Außenlagern inhaftiert, etwa 56.000 kamen ums Leben. "Menschen sind hier nicht einfach gestorben", hielt eine Schülerin in ihren Notizen fest, "sie wurden systematisch ermordet." Und doch gab es auch das andere – Momente der Menschlichkeit: selbstgenähtes Spielzeug aus Stoffresten oder Häftlinge, die im überfüllten "Kleinen Lager" Kinder vor der SS versteckten. Bei der Befreiung lebten im Lager noch rund 21.000 Menschen, unter ihnen etwa 900 Kinder und Jugendliche. Die jüngsten Häftlinge waren gerade einmal zwei Jahre alt. Eine Schülerin, die ihr Praktikum in einer Krippe absolviert, stellt betroffen fest: "Die waren so alt wie meine Krippenkinder!"

"Das muss jeder einmal gesehen haben"

Am dritten Tag, zurück in Heimboldshausen, ging es ums Verarbeiten. Die Reaktionen waren so unterschiedlich wie die der Jugendlichen selbst. "Ich konnte nicht realisieren, dass wir wirklich an dem Ort waren, an dem so viele Menschen getötet wurden", sagt ein Schüler. Eine andere sagt: "Es war schockierend für mich und hat meine Haltung nochmal verstärkt." In einem aber ist sich die Klasse einig: "Es war wichtig, dass wir da waren. Das muss jeder einmal gesehen haben"

Haben wir genug gelernt?

Für einige war es der erste Besuch in einer KZ-Gedenkstätte, und die Bilder lassen viele nicht mehr los. Eine Schülerin spricht aus, was danach im Raum hängen bleibt: "Bei der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung habe ich das Gefühl, dass Ausgrenzung und die Abwertung bestimmter Menschengruppen wieder stärker werden. Das lässt mich daran zweifeln, ob wir aus der Vergangenheit wirklich genug gelernt haben."

Die Fragen, die bleiben

Die Klasse hat aus den drei Tagen keine fertigen Antworten mitgenommen, eher Fragen an sich selbst. Wo hätte ich gestanden? Am Rand des Carachowegs, wo einer anfing und die anderen mitmachten? Oder bei denen, die sich am Rauch störten und sonst nichts sagten? Hätte ich den Mut von Paul Schneider gehabt – oder wäre ich froh gewesen, nicht aufzufallen?

Ehrliche Antworten darauf sind unbequem, und wohl niemand kann sie sichergeben. Aber die Fragen lassen sich in die Gegenwart verlängern, und dort werden sie konkret: Wann habe ich zuletzt gelacht, als jemand über "die anderen" hergezogen ist? Wann habe ich in einer Chatgruppe geschwiegen, weil Widerspruch anstrengend gewesen wäre? Woran habe ich mich gewöhnt, das mich früher gestört hätte?

Für die angehenden Sozialassistentinnen und -assistenten haben diese Fragen eine besondere Note. Sie werden in Kitas und Einrichtungen arbeiten, in denen Kinder lernen, wie man miteinander umgeht, wer dazugehört und ob man sich wehren darf. Demokratie wird dort nicht erklärt, sondern vorgelebt: im Streit um das Spielzeug, beim Morgenkreis, in der Art, wie ein Kind behandelt wird, das "anders" ist.

Vielleicht ist es das, was von diesen Tagen bleibt: Demokratie ist wertvoll und keine Selbstverständlichkeit. Sie lebt von vielen kleinen Entscheidungen, jeden Tag, und genau dort kann sie auch leise verloren gehen. Ob man damals weggeschaut hätte, weiß niemand. Ob man heute wegschaut, entscheidet jeder selbst. (pm/jk) +++

Sonderausstellung im Kali-Bergbau-Museum.

Zitate von Zeitzeugen in Buchenwald
Fotos: Privat

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