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Medizinische Versorgung in Gefahr

Hausärzte-Chef Hönscher:"Jetzt müssen die Patienten um ihre Rechte kämpfen!"

Medizinische Versorgung in Gefahr? Hausarzt Ralph Hönscher warnt!
Foto: ON-Archiv

16.10.2026 / REGION - "Facharzttermin in zehn Tagen – und für alle anderen wird die Warteliste länger?", lautet eine aktuelle Frage. Denn eine gesetzliche Krankenkasse wirbt mit schnelleren Facharztterminen und einer Behandlung nach privaten Abrechnungsregeln. Gleichzeitig drohen ab Januar 2027 neue Probleme bei der Finanzierung der ambulanten Versorgung. Das Gesundheitsnetz Osthessen warnt vor möglichen längeren Wartezeiten und fordert grundlegende Veränderungen.



Innerhalb von zehn Tagen einen Termin beim Facharzt, bei dringenden Beschwerden sogar innerhalb von drei Tagen – und das als gesetzlich Versicherter? Was für viele Patienten verlockend klingt, soll in Bayern durch ein neues Versorgungsmodell der IKK – Die Innovationskasse möglich werden. Unter dem Motto "Gesetzlich versichert. Privat behandelt." sollen teilnehmende Fachärzte ihre Leistungen nach der privaten Gebührenordnung abrechnen können.

Doch woher kommen plötzlich diese zusätzlichen Termine? Gibt es tatsächlich mehr Behandlungskapazitäten, oder werden vorhandene Termine lediglich anders verteilt? Gerade jetzt ist diese Frage besonders aktuell. Denn während eine gesetzliche Krankenkasse mit finanziellen Anreizen schnellere Facharzttermine ermöglichen möchte, sollen ab Januar 2027 bundesweit bisherige Sondervergütungen für kurzfristig vermittelte Facharzttermine entfallen.

Ralph-Michael Hönscher, Facharzt für Allgemeinmedizin aus Petersberg bei Fulda und Vorstandsvorsitzender des Gesundheitsnetzes Osthessen (GNO), erläutert im Gespräch die möglichen Folgen für die Patienten.

"Eine bessere Bezahlung schafft nicht automatisch mehr Ärzte"

O|N: Herr Hönscher, was halten Sie vom Versprechen einer Krankenkasse, Facharzttermine innerhalb von zehn Tagen zu ermöglichen?

Ralph Hönscher: "Zunächst einmal ist das für Patienten ein attraktives Angebot. Wer seit Wochen oder Monaten auf einen Facharzttermin wartet, wird sich darüber freuen. Wenn dadurch tatsächlich zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten entstehen, wäre das ausdrücklich zu begrüßen. Allerdings müssen wir kritisch hinterfragen, woher diese Termine kommen sollen. Die Zahl der Fachärzte, der medizinischen Fachangestellten und der verfügbaren Untersuchungsräume wird durch ein neues Versicherungsmodell schließlich nicht größer. Wir müssen deshalb genau beobachten, ob dadurch wirklich zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden oder ob andere Patienten möglicherweise länger warten müssen."

"Ab Januar 2027 werden ausgerechnet die Anreize für schnelle Facharzttermine gestrichen"

O|N: Warum sehen Sie gerade jetzt einen Widerspruch in der Gesundheitspolitik?

Ralph Hönscher: "Weil die bundesweiten Änderungen bei der ärztlichen Vergütung genau in die andere Richtung gehen. Bisher konnten wir Hausärzte bei medizinischer Dringlichkeit unter bestimmten Voraussetzungen kurzfristige Facharzttermine vermitteln. Diese Behandlungen wurden in den Facharztpraxen besonders vergütet. Ab Januar 2027 sollen diese Sonderregelungen entfallen. Gleichzeitig versucht eine gesetzliche Krankenkasse, durch eine attraktivere Vergütung schnellere Facharzttermine anzubieten. Das ist bemerkenswert. Auf der einen Seite werden bisherige finanzielle Anreize für zusätzliche Termine gestrichen, auf der anderen Seite versucht eine Krankenkasse, mit genau solchen Anreizen die Versorgung zu verbessern. Wir müssen uns fragen, wie das zusammenpasst."

"Eine Darmspiegelung braucht mehr als nur einen freien Termin"

O|N: Welche Probleme entstehen dadurch für die Fachärzte?

Ralph Hönscher: "Die Fachärzte in unserem Gesundheitsnetz weisen seit Langem auf die zunehmende Belastung ihrer Praxen hin. Nehmen wir als Beispiel einen Gastroenterologen. Eine Darmspiegelung benötigt qualifiziertes Personal, aufwendige Medizintechnik, hohe Hygienestandards und ausreichend Untersuchungszeit. Gerade bei der Darmkrebsvorsorge handelt es sich um eine ausgesprochen wichtige Untersuchung. Durch die Entfernung von Polypen kann Darmkrebs häufig sogar verhindert werden. Wenn die Finanzierung solcher Leistungen unsicherer wird, kann sich das auf die Planung und die Verfügbarkeit von Untersuchungsterminen auswirken. Ähnliches gilt für Orthopäden, Neurologen und andere Facharztgruppen. Viele Praxen sind bereits heute vollständig ausgelastet. Wenn bisherige besondere Vergütungen für zusätzliche Patienten entfallen, können sich bestehende Versorgungsengpässe weiter verschärfen."

"Auch die Vorsorge beim Hausarzt könnte schwieriger werden"

O|N: Sind auch Hausarztpraxen betroffen?

Ralph Hönscher: "Ja. Auch bei uns Hausärzten sind Veränderungen vorgesehen. Gesundheitsuntersuchungen und Hautkrebsscreenings, die bisher außerhalb der begrenzten Honorartöpfe vergütet wurden, sollen künftig grundsätzlich wieder innerhalb dieser Budgets bezahlt werden. Das ist aus unserer Sicht ein widersprüchliches Signal. Einerseits wird immer wieder betont, wie wichtig Vorsorge und Früherkennung sind. Andererseits werden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dieser Leistungen erschwert. Die Untersuchungen bleiben zunächst Kassenleistungen. Aber wir müssen befürchten, dass die Veränderungen langfristig auch Auswirkungen auf die verfügbaren Vorsorgetermine haben könnten."

"Wir Ärzte warnen seit Jahren – aber wer hört eigentlich auf die Patienten?"

O|N:: Herr Hönscher, Sie sind Hausärztechef im Kreis Fulda. Ärzteverbände und Ärztenetze kritisieren seit Jahren die Gesundheitspolitik. Warum hat sich aus Ihrer Sicht bislang so wenig verändert?

Ralph Hönscher: "Wir Hausärzte und Fachärzte weisen seit vielen Jahren auf die zunehmenden Probleme in der ambulanten Versorgung hin. Wir führen Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern, schreiben Stellungnahmen, entwickeln Vorschläge für eine bessere Patientensteuerung und eine wirtschaftlich tragfähige Versorgung, organisieren Protestaktionen und versuchen immer wieder, auf die Schwierigkeiten aufmerksam zu machen. Trotzdem haben wir den Eindruck, dass unsere Vorschläge und Warnungen in der Politik nicht ausreichend Gehör finden. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Arbeitsbedingungen der Ärzte oder die Finanzierung unserer Praxen. Es geht um die Frage, welche medizinische Versorgung die Menschen in Deutschland künftig noch erwarten können. Schon heute erleben wir, wie schwierig es teilweise geworden ist, zeitnahe Facharzttermine zu vermitteln. Wir befürchten, dass sich diese Situation durch die Änderungen im Rahmen des Beitragsstabilisierungsgesetzes weiter verschärfen könnte."

"Nicht jeder Patient braucht sofort einen Facharzt – aber wer ihn wirklich braucht, muss zeitnah einen Termin bekommen"

O|N:
Sie sprechen immer wieder von einer besseren Patientensteuerung. Was verstehen Sie darunter?

Ralph Hönscher: "Wir müssen auch ein Problem ansprechen, das in der öffentlichen Diskussion häufig zu kurz kommt: Unsere medizinischen Ressourcen sind begrenzt und werden nicht immer sinnvoll genutzt. Es kommt vor, dass Patienten ohne vorherige hausärztliche Abklärung mehrere Facharzttermine vereinbaren, obwohl eine fachärztliche Untersuchung möglicherweise gar nicht erforderlich ist. Gleichzeitig warten schwer oder chronisch kranke Menschen auf dringend benötigte Termine. Aus Sicht des Gesundheitsnetzes Osthessen brauchen wir deshalb eine bessere und verbindlichere Patientensteuerung. Der Hausarzt sollte dabei eine zentrale Lotsenfunktion übernehmen. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Patienten notwendige Facharztbehandlungen vorenthalten werden sollen. Im Gegenteil: Wer eine fachärztliche Untersuchung benötigt, soll möglichst schnell zum richtigen Spezialisten gelangen. Vorsorgeuntersuchungen und medizinisch notwendige Kontrollen chronischer Erkrankungen müssen selbstverständlich weiterhin möglich sein. Bei neuen, nicht dringlichen Beschwerden kann dagegen häufig zunächst die hausärztliche Abklärung helfen, unnötige Doppeluntersuchungen und Mehrfachtermine zu vermeiden. Aus der Fachärzteschaft unseres Gesundheitsnetzes wird zudem auf ein zweites Problem hingewiesen: Gerade die Behandlung komplexer und schwer kranker Patienten benötigt häufig besonders viel Zeit und Personal. Diese Versorgungsrealität muss sich angemessen in der Vergütung widerspiegeln."

"Die Patienten müssen in der gesundheitspolitischen Diskussion endlich eine stärkere Stimme bekommen"

O|N: Was können Patienten selbst tun, wenn sie sich Sorgen um ihre künftige medizinische Versorgung machen?

Ralph Hönscher: "Die medizinische Versorgung betrifft uns alle. Jeder Mensch kann plötzlich auf schnelle ärztliche Hilfe angewiesen sein. Bürger haben das Recht, ihre Sorgen und Erfahrungen öffentlich zu äußern, sich an politische Entscheidungsträger zu wenden und auch im Rahmen friedlicher Demonstrationen für ihre Interessen einzutreten. Gesundheitsreformen sind notwendig und sinnvoll. Aber sie müssen gerecht sein und die Versorgung der Menschen verbessern, statt neue Hürden zu schaffen. Kinder, chronisch kranke Menschen, Patienten mit akuten Erkrankungen und alle, die Vorsorgeuntersuchungen benötigen, müssen weiterhin zuverlässig medizinisch versorgt werden können.

Die aktuellen gesetzlichen Veränderungen halten wir in wesentlichen Punkten für problematisch, weil sie aus unserer Sicht das Risiko bergen, bestehende Versorgungsengpässe zu verschärfen. Dabei reicht es nicht aus, ausschließlich über Einsparungen zu sprechen. Wir brauchen eine grundlegende Reform der Patientensteuerung und der ärztlichen Vergütung. Andere Gesundheitssysteme, beispielsweise in der Schweiz, bieten interessante Ansätze, von denen wir lernen können. Allerdings lassen sich solche Modelle nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen. Vor allem muss die Diskussion über die Zukunft unseres Gesundheitssystems endlich auch die Perspektive der Patienten stärker berücksichtigen. Denn um ihre Versorgung geht es letztlich."

"Gute Medizin darf keine Frage der Krankenkasse sein"

Ralph Hönscher: "Eine gute medizinische Versorgung muss für alle Menschen erreichbar bleiben – unabhängig davon, bei welcher gesetzlichen Krankenkasse sie versichert sind oder ob sie privat versichert sind. Daran müssen sich gesundheitspolitische Entscheidungen messen lassen. (ci) +++

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