Neue Kammermusik
Zwischen den Tönen - das Bibra Guitar Quartet in der Aula der Alten Universität
Alle Fotos: Martin Engel
13.10.2026 / FULDA -
Mit dem Bibra Guitar Quartet und dem griechischen Pianisten Ermis Theodorakis waren in der Alten Aula der Universität Künstler zu Gast, die in der Neuen Kammermusik zur Weltspitze gehören. Jürgen Ruck, einer der bedeutendsten Lehrer für zeitgenössische Gitarrenmusik, musiziert gemeinsam mit seinen ehemaligen Schülern Silas Bischoff, Martin Dressler und Hubert Steiner.
Zum ersten Mal stand ein Konzert der Fuldaer Reihe "Neue Kammermusik" ganz im Zeichen der Mikrotonalität. Dabei geht es um jene Tonhöhen, die zwischen den Halbtönen unseres vertrauten Tonsystems liegen. Für unsere Ohren sind das oft ungewohnte Klangwelten, für Komponisten eröffnen sich nahezu unbegrenzte Möglichkeiten. Und für die Musiker? Herausforderungen, die ihresgleichen suchen.
Der Tag eines Arbeiters
Den Auftakt machte Detlef Heusingers "Ent-Fremdung" für vier Gitarren. Das Werk zeichnet den Tagesablauf eines Arbeiters nach, und tatsächlich konnte man das förmlich vor sich sehen. Glockenklänge am Morgen, vielleicht das Signal zum Aufstehen. Dann Geräusche, die an das Einstempeln am Werktor erinnern. Die Gleichförmigkeit der Arbeit, ihre Wiederholungen, aber auch die steigenden Anforderungen wurden hörbar. Die Tempi zogen an, Dissonanzen schoben sich dazwischen. Unzufriedenheit? Müdigkeit? Vielleicht beides. Am Ende blieb das unerbittliche Gleichmaß eines Pendels. Ein eindrucksvoller Auftakt. Klangfarbenforschung
In den vier Teilen von "Shades" erforscht die finnische Komponistin Tiina Myllärinen sehr unterschiedliche Klangfarben. Mal arbeiteten die Gitarristen mit Flageoletttönen, jenen hellen, schwebenden Obertönen, die durch leichtes Berühren der Saiten entstehen. Mal konzentrierte sich das Geschehen auf einen einzigen Ton und dessen Veränderungen. Dann wieder entwickelten sich polyphone Strukturen, die an Glockengeläut erinnerten, bis sich schließlich ein ganzer Teppich aus Glockenklängen ausbreitete. Die "Shades" sind ein Werk, das sich zwischen zeitgenössischer Kunstmusik und populären Klangvorstellungen bewegt und dabei eine ganz eigene Atmosphäre entwickelt."Das Werk ist spielbar"
Was anschließend am Flügel geschah, war eigentlich der helle Wahnsinn. Ermis Theodorakis spielte "Evryali" von Iannis Xenakis, eines der anspruchsvollsten Werke der Klavierliteratur. Der Deckel des Flügels war abmontiert, der Klang entfaltete sich ungehindert im Raum. Und das tat er mit einer Wucht, die einem den Atem nahm."Handfeste Mikrotonalität"
Mit "Pixel" von Joachim FW Schneider kehrten die vier Gitarristen auf die Bühne zurück. Schneider sprach von "handfester Mikrotonalität" die sein Werk auszeichnete. Er arbeitet mit Skalen und sechsteltönigen Linienstrukturen. Für seine Komposition hatte er die Stimmen auf die vier Instrumente verteilt, wobei jeder Gitarrist zwei Saiten tiefer gestimmt hatte. Spiralen
Maddie Ashman bewegt sich mit ihrer Musik zwischen Avantgarde und Pop. Die britische Komponistin arbeitet auch in der populären Musik erfolgreich mit Mikrotonalität. In "Spiral Staircase" geht es um Intonation, um feinste Abstufungen zwischen vertrauten Tonhöhen.Dabei entstehen gegenläufige Bewegungen, die sich ineinander verschränken, voneinander entfernen und wieder zusammenfinden. Nichts scheint stillzustehen, alles ist im Fluss. Die musikalischen Linien entwickeln sich wie Spiralen, die sich umeinanderdrehen, ohne je an einen endgültigen Punkt zu gelangen.
Kreislauf und Linearität
Den Abschluss bildete "Meister Eckhart und Suhrawardi – Der Klang der Schwinge des Gabriel" von Michael Quell. Er verbindet darin zwei Denkwelten: die christliche Mystik Meister Eckharts und die Philosophie des persischen Denkers und Sufi-Mystikers Suhrawardi.Dafür verlangte er den Musikern einiges ab. Zum Einsatz kamen spezielle mikrotonale Gitarren, deren einzelne Bundstücke verschiebbar sind. Die Griffbretter sahen aus wie Schweizer Käse. Durch die veränderten Positionen der Bünde lassen sich Tonhöhen erzeugen, die auf herkömmlichen Gitarren nicht ohne weiteres möglich sind. Wie schwierig das zu spielen ist, weiß Quell nur zu gut: Er sei froh, dass er sein Werk nicht selbst spielen müsse, gestand er schmunzelnd.
Doch damit nicht genug. Die Gitarristen bearbeiteten ihre Instrumente auch mit Geigen- und Cellobögen, während am Flügel Klavierassistent Maximilian Kreuzer für besondere Klangeffekte sorgte. Als einziges Werk des Abends erforderte Quells Komposition zudem einen Dirigenten: Julian Habryka koordinierte das hochkomplexe Zusammenspiel.
Ein Labor der Klänge
Zeitgenössische Musik erinnert bisweilen an ein Labor. Da wird geforscht, experimentiert und getestet, was sich einem Instrument noch an Klängen entlocken lässt und wie weit man sich vom "konventionellen" Spiel entfernen kann. Das gleicht einer Entdeckungsreise, und das Publikum an diesem Abend wusste das sehr zu schätzen. Denn unter den Zuhörern waren viele, die das Fuldaer Musikleben prägen – als Mitglieder von Chören und Orchestern, als Komponisten oder als Organisatoren von Musikfestivals. Die Begeisterung über dieses Konzert entlud sich in lang anhaltendem Beifall.Was für ein Abend! Nicht alles erschloss sich beim ersten Hören, manches blieb fremd. Aber genau das macht Neue Musik so spannend: Sie verlangt nicht, dass wir alles sofort verstehen. Sie bittet uns, anders hinzuhören. (Jutta Hamberger) +++