Virtuosen ohne Eitelkeit
Konzert Junge Elite Virtuos - Meisterwerke der Kammermusik
Fotos: Felix Weigl
05.10.2026 / FULDA -
Virtuosität ist oft am eindrucksvollsten, wenn man sie kaum bemerkt. So wie an diesem Abend, an dem drei großartige Musiker auf der Bühne standen. Die beiden Geiger Tobias und Andreas Feldmann und Herbert Schuch am Klavier machten beim Konzert der Reihe "Junge Elite Virtuos" in der Orangerie vor allem eines: Sie hörten einander zu.
Sie nahmen musikalische Gedanken auf, gaben sie weiter, ließen einander Raum. Und hatten dabei offensichtlich große Freude am gemeinsamen Musizieren.
Verein zur Förderung hochbegabter Künstler
Dass mit den Brüdern Feldmann diesmal zwei ehemalige Stipendiaten der Deutschen Stiftung Musikleben nach Fulda zurückkehrten, passte zum Jubiläumsjahr: Seit 25 Jahren unterstützt der Fuldaer Förderverein die Reihe. Dessen Vorsitzender Lothar Behounek begrüßte die Besucherinnen und Besucher zum "musikalischen Erntedank" und freute sich über den vollbesetzten Saal und viele bekannte Gesichter, darunter Michael Brand, MdB, Komponist Michael Quell, Carsten Rupp, den Leiter der Winfridia, Dr. Lorenz Becker, Vorsitzender der Spohr-Stiftung, Mitglieder des Fuldaer Collegium Musicum und Pianistin Clara Reinisch, die das Fulda Festival für Kammermusik gegründet hat. Natürlich waren auch Reinhold und Brigitte Feldmann da – die ihren Söhnen sicherlich mit Stolz und Freude lauschten.Tobias und Andreas Feldmann haben inzwischen beeindruckende Karrieren gemacht. Das kann, so Behounek, für Stipendiaten Vorbild und Ermutigung sein. "Förderung ist finanzielle und mentale Unterstützung, und die beiden Feldmanns zeigen, dass es sich lohnt, seinen Weg konsequent zu gehen." Andreas Feldmann ist Mitglied des Konzerthausorchesters Berlin, Tobias Feldmann war Konzertmeister der Berliner Philharmoniker und lehrt heute als Professor an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig. Herbert Schuch wiederum ist ein international gefragter Pianist, der mit seiner filigranen Gestaltungskunst der kongeniale Partner der beiden Geiger war.
Süßer Wohllaut
Zu Beginn gehörte die Bühne allein den beiden Brüdern. Louis Spohr ist heute weit weniger bekannt als Schumann oder Mendelssohn, zu Lebzeiten aber galt er neben Paganini als einer der bedeutendsten Geiger seiner Zeit. Paganini nannte ihn den "vorzüglichsten Sänger" auf der Violine. Und "gesungen" wurde in Spohrs "Duo Concertant op. 67 Nr. 2" reichlich. Tobias und Andreas Feldmann ließen ihre Violinen miteinander sprechen, umspielten sich und verschmolzen immer wieder zu einer gemeinsamen Stimme. Im Larghetto wurde aus virtuoser Brillanz süßer Wohllaut: eine wunderbar weit gespannte Kantilene, weich und innig, ohne jede Sentimentalität. Im Finale wurde es dann temperamentvoller. Spohr verlangt Geigern einiges ab – aber bei den Feldmann-Brüdern klang selbst das Schwierige leicht. Vielleicht liegt darin das Prinzip dieses Abends: Virtuosität nicht als Leistungsschau, sondern als Voraussetzung dafür, anspruchsvolle Musik so zu spielen, dass sie ihr Publikum in Bann schlägt.Schwebende Klänge
Mit César Francks "Sonate für Violine und Klavier in A-Dur" kam Herbert Schuch hinzu – ein Pianist, für den das Wort "Begleiter" viel zu klein ist. Denn Francks Sonate lebt vom Dialog beider Instrumente. Schon ihr Beginn ist von eigentümlicher Schönheit: Über einem weichen Klavierakkord hebt die Violine mit einem wiegenden Thema an, und dieser musikalische Gedanke zieht sich später in immer neuen Verwandlungen durch das Werk.Betörender Klangzauber
Das Herzstück des Abends war Robert Schumanns "Violinsonate Nr. 2 op. 121 in d-moll". Schumann selbst nannte sie seine "große Sonate", und tatsächlich sprengt sie mit ihren vier Sätzen und der fast sinfonischen Anlage den üblichen Rahmen. Leidenschaftlich, mit großer Energie und zugleich ungemein differenziert gestalteten die Musiker die weit gespannten Bögen.Dann kam der dritte Satz, und plötzlich schien die Zeit stillzustehen. Das Andante beginnt denkbar schlicht: mit Pizzicato-Akkorden der Violine. Daraus entwickelt Schumann einen Variationensatz, in dem sich das Thema immer wieder verwandelt. Schwerelos schwebte die Musik durch den Raum, Violine und Klavier schienen miteinander zu atmen. Nichts war auf Effekt angelegt, nichts musste groß gemacht werden. Dieser Satz ist ein Klangwunder von großer Innigkeit und Schönheit, einer der schönsten Sätze der Romantik. Nach dem stürmischen Finale des vierten Satzes brach sich die Begeisterung im Saal Bahn. Das Publikum erhob sich zu Standing Ovations – völlig zu Recht.
Ein musikalischer Spaß
Was sollte nach diesem Schumann noch kommen? Die Antwort war von den Musikern klug gewählt: nichts, was ihn übertreffen wollte. Also Schostakowitschs "Fünf Stücke für zwei Violinen und Klavier", die nicht als Zyklus komponiert wurden. Schostakowitschs Freund Lewon Atowmjan stellte sie aus verschiedenen Film-, Schauspiel- und Ballettmusiken zusammen. Präludium, Gavotte, Elegie, Walzer und Polka – fünf kleine Charakterstücke, die nach der emotionalen Dichte Schumanns für Heiterkeit und Ausgelassenheit sorgten.Natürlich musste eine Zugabe her: Die drei entschieden sich für einen weiteren Walzer von Schostakowitsch, wiederum für zwei Violinen und Klavier geschrieben. Danach gab es kein Halten mehr: Zum zweiten Mal an diesem Abend erhob sich das Publikum.
Ein beglückender Kammermusikabend, dem man nur einen anderen Saal gewünscht hätte. Die stumpfe Akustik der Orangerie taugt für den großen Orchesterklang. Für das nuancierte Spiel der Kammermusik ist sie der falsche Ort. (Jutta Hamberger) +++