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400.000 Euro Defizit sorgen für Spannung

StaVo diskutiert über Festspiel-Defizit, Haushalt und die Zukunft des Theaters

Die 400.000 Euro Defizit sorgen für Spannung in der StaVo
Fotos: Jürgen Böthig

02.10.2026 / BAD HERSFELD - Es gibt Zahlen, die stehen einfach auf dem Papier. Und es gibt Zahlen, die plötzlich mitten im Raum stehen. Die 400.000 Euro gehörten am Donnerstagabend eindeutig zur zweiten Kategorie. Wie ein Greifvogel, der geduldig seine Kreise zieht, kreiste die Zahl über der rund zweistündigen öffentlichen Sitzung der Bad Hersfelder Stadtverordnetenversammlung in der Stadthalle.



400.000 Euro beträgt nach derzeitiger Hochrechnung das Defizit der 75. Bad Hersfelder Festspiele. Die endgültige Bilanz steht zwar noch aus, doch die Nachricht ist bereits politisch angekommen. Denn die Jubiläumssaison, die im Sommer mit viel Applaus, mehr als 85.000 Besucherinnen und Besuchern und einer Gesamtauslastung von 88,2 Prozent zu Ende gegangen war, hinterlässt ein finanzielles Minus.

Das Bemerkenswerte daran: Noch wenige Wochen zuvor hatten Stadt und Festspielleitung eine ausgesprochen positive Bilanz gezogen. Nun folgt der finanzielle Nachspann und der hat deutlich weniger Festbeleuchtung.

Der Etat der Festspiele lag bei rund 7,6 Millionen Euro. Das Defizit ist nach derzeitiger Einschätzung auf ein Bündel verschiedener Faktoren zurückzuführen: höhere Personal-, Material- und Technikkosten, zusätzliche Ausgaben, aber auch geringere Einnahmen bei Sponsoring und Zuschüssen. Hinzu kam, dass einzelne Produktionen hinter den Erwartungen bei der Auslastung zurückblieben. Gleichzeitig verursachte der Publikumserfolg des Musicals "Something Rotten!" zusätzliche Tantiemen.

"Ein Schlag ins Gesicht"

Für Karsten Vollmar, SPD-Fraktionsvorsitzender und Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses, war die Entwicklung mehr als eine bloße Zahl in einer Haushaltszeile. Er sprach von einem "Schlag ins Gesicht" und machte zugleich deutlich, welche Bedeutung die Festspiele für Bad Hersfeld weit über die Stadtgrenzen hinaus besitzen.

"Es gibt schlechte und gute Zeiten. Hier befinden wir uns wohl eher in den schlechten Zeiten", sagte Vollmar. Seine Kritik richtete sich insbesondere gegen die Kurzfristigkeit, mit der das Defizit öffentlich geworden sei. Erst habe man von einer überaus erfolgreichen Saison gesprochen, nun liege plötzlich ein erhebliches Minus beim Gesamtetat auf dem Tisch. "Erst himmelhoch jauchzend, dann zum Tode betrübt" – mit diesem Bild beschrieb der Sozialdemokrat die widersprüchliche Außendarstellung.

Für die Zukunft fordert Vollmar ein deutlich besseres Controlling. Die Festspiele seien ein Leuchtturmprojekt der Stadt. Ein Leuchtturm aber, so könnte man den Gedanken fortführen, sollte nicht nur weithin sichtbar sein, er braucht auch eine funktionierende Stromversorgung.

CDU und FWG fordern mehr Kontrolle

Thomas Gerlach (CDU) schloss sich der grundsätzlichen Kritik an. Auch Intendantin Elke Hesse müsse sich den Fragen des Haupt- und Finanzausschusses stellen, forderte er. Ziel müsse es sein, künftig eine solide wirtschaftliche Grundlage für die Festspiele zu schaffen und finanzielle Überraschungen zu vermeiden.

Jürgen Richter von der Freien Wählergemeinschaft (FWG) schlug ebenfalls einen strengeren Blick auf die Zahlen vor. Seine Fraktion wolle einen Antrag auf den Weg bringen, künftig einen besonderen Risikobericht zu den Festspielen erstellen zu lassen.

Die Diskussion machte damit deutlich: Es geht den Stadtverordneten nicht darum, den kulturellen Wert der Festspiele infrage zu stellen. Im Gegenteil. Gerade weil die Festspiele als kulturelles Aushängeschild der Stadt gelten, soll ihre wirtschaftliche Grundlage belastbarer werden.

Grüne: Der Haushalt hat mehr als eine Baustelle

Andrea Zietz, Fraktionsvorsitzende der Grünen, bewertete die Situation etwas weniger dramatisch. Geld fehle schließlich in vielen Bereichen, sagte sie. Auch bei den Festspielen habe es in der Vergangenheit immer wieder Defizite gegeben. Der städtische Haushalt habe deshalb deutlich mehr Baustellen als allein die Festspiele.

Besonders verwies Zietz auf die Gewerbesteuer. Auch dort müsse die Stadt nach Möglichkeiten suchen, ihre finanzielle Situation zu verbessern.

Ähnlich argumentierte René Petzold (SPD). Städte und Gemeinden müssten von Bund und Land finanziell besser ausgestattet werden, um wieder mehr Handlungsspielraum zu erhalten. "Wir drehen schon an den Stellschrauben, wo wir nur können", so Petzold. Aus kommunaler Sicht sehe er insbesondere bei der Gewerbesteuer Möglichkeiten, die Einnahmesituation zu verbessern.

FDP: Künstlerische Freiheit braucht einen finanziellen Rahmen

Bernd Böhle, Vorsitzender der FDP-Fraktion, brachte die Spannung zwischen Kunst und Kassenlage auf eine zugespitzte Formel: "Künstlerische Freiheit endet da, wo das Geld knapp wird." Bei der angespannten Haushaltslage dürfe die Stadt nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden, so seine Kritik. Gleichzeitig verwies Böhle darauf, dass es auch jenseits der Festspiele erhebliche finanzpolitische Herausforderungen gebe. Grund- und Gewerbesteuer blieben wichtige Themen.

Auch das neue Festspiel-Logo nahm Böhle ins Visier. Er stellte die Frage, ob es im Zuge des Intendantenwechsels tatsächlich notwendig gewesen sei, gleichzeitig ein neues Erscheinungsbild einzuführen und bezweifelte, dass dieses in der breiten Öffentlichkeit auf große Akzeptanz stöße.

Am Ende, so Böhle, müsse es darum gehen, gemeinsam Lösungen zu finden, die dem kulturellen Anspruch ebenso gerecht werden wie der finanziellen Realität.

Hofmann kündigt engmaschigere Kontrolle an

Bürgermeisterin Anke Hofmann versprach, künftig genauer hinzuschauen. Die Stadt wolle die Kalkulation und Kontrolle der Festspiel-Finanzen enger begleiten. Zugleich machte sie deutlich, dass das entstandene Defizit mehrere Ursachen habe und nicht sämtliche Kostenentwicklungen im Vorfeld vorhersehbar gewesen seien.

Zu den zusätzlichen Belastungen gehörten unter anderem kurzfristig benötigtes Personal, gestiegene Gagen sowie technische und materielle Mehrkosten. Beim besonders erfolgreichen Musical "Something Rotten!" führten die höheren Besucherzahlen zudem zu höheren Tantiemenzahlungen. Auch Einnahmen aus Sponsoring und Zuschüssen blieben hinter den Erwartungen zurück.

Die Bürgermeisterin kündigte deshalb eine sorgfältigere Kalkulation und engmaschige Kontrolle an. Intendanz und Verwaltung sollen bei der Vorbereitung des kommenden Haushalts enger zusammenarbeiten.

Damit ist der politische Auftrag für die nächste Runde gewissermaßen geschrieben: Die Festspiele sollen weiterhin leuchten. Künftig aber möglichst, ohne dass dabei die Haushaltskasse flackert.

Feuerwehr: 14,60 Euro statt 11,25 Euro

Weniger dramatisch, aber für viele Ehrenamtliche durchaus wichtig, verlief die Debatte über die Einsatzentschädigung der Feuerwehr. Die Stadtverordneten beschlossen einstimmig, die Entschädigung für gebührenpflichtige Feuerwehreinsätze und Brandsicherheitsdienste anzuheben. Der bisherige Betrag von 11,25 Euro je Stunde stammte noch aus der Euro-Umstellung im Jahr 2001. Seitdem war die Entschädigung nicht mehr angepasst worden.

Künftig sollen 14,60 Euro je Stunde und eingesetztem Feuerwehrmitglied gezahlt werden. Der Betrag orientiert sich am gesetzlichen Mindestlohn, der ab 2027 gelten soll. Christian Seelig (FWG) und Bürgermeisterin Hofmann begrüßten die Entscheidung. Nach mehr als 25 Jahren sei die Anpassung überfällig gewesen. Vor allem aber sei die Anerkennung des ehrenamtlichen Engagements der Feuerwehrleute wichtig.

Grüne bringen Hitze auf die kommunalpolitische Tagesordnung

Auch der Antrag der Grünen zur Erstellung eines Hitzeaktionsplans fand breite Zustimmung. Andrea Zietz begründete den Antrag mit der zunehmenden Belastung durch extreme Hitze und der Notwendigkeit, sich als Stadt besser darauf vorzubereiten.

Der Magistrat soll einen Hitzeaktionsplan mit kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen entwickeln. Vorgesehen sind unter anderem mehr Verschattung im öffentlichen Raum, insbesondere an Bushaltestellen und Plätzen, gekühlte Aufenthaltsmöglichkeiten, eine bessere Information besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen sowie Maßnahmen für akute Hitzeereignisse.

Auch Stadtplanung und Klimaanpassung sollen stärker zusammengedacht werden: mehr Dach- und Fassadenbegrünung, der Erhalt und die Ausweitung von Wasserflächen, eine hitzeresiliente Bauleitplanung sowie die konsequente Umsetzung bestehender Vorgaben zu Bäumen, Versiegelung und Entsiegelung gehören zu den genannten Ansätzen.

Eine eigene "Hitzeseite" auf der städtischen Homepage soll Bürgerinnen und Bürger künftig zudem über Schutzmaßnahmen und richtiges Verhalten bei hohen Temperaturen informieren. Ein erstes Grundgerüst des Plans soll vor den Haushaltsberatungen für 2027 dem Haupt- und Finanzausschuss sowie den beiden weiteren Ausschüssen vorgelegt werden.

Viele Beschlüsse – wenig Drama

Daneben arbeitete sich die Stadtverordnetenversammlung durch eine Reihe von Tagesordnungspunkten, die im Vergleich zum Festspiel-Thema fast schon wie der ruhige zweite Akt eines Theaterabends wirkten.

Einstimmig beziehungsweise ohne größere Kontroversen wurden unter anderem der Jahresabschluss des Abwasserbetriebs, ein Grundstückstausch, der Abschluss eines Erbbaurechtsvertrages, die Aufhebung der Sanierungssatzung für das Gebiet "Nördlicher Stadtring" am Schilde-Park sowie der Satzungsbeschluss zur ersten Änderung des Bebauungsplans "Oberer Dorngarten" behandelt. Zum Vertreter des Abfallwirtschafts-Zweckverbandes Hersfeld-Rotenburg wurde einstimmig der CDU-Abgeordnete Jonas Seitz gewählt.

Ehre, wem Ehre gebührt

Dann gab es noch einen Moment, in dem nicht Zahlen, Defizite und Haushaltslöcher im Mittelpunkt standen, sondern Menschen. Dr. Rolf Göbel wurde zum Ehren-Stadtrat ernannt. Gerhard Saukel erhielt die Ehrenmitgliedschaft im Ortsbeirat des Stadtteils Eichhof. Beide haben sich über Jahrzehnte hinweg ehrenamtlich für das Gemeinwesen eingesetzt.

So endete ein Abend, der durchaus seine Dramaturgie hatte: ein großes kulturelles Projekt mit finanzieller Schieflage, Forderungen nach mehr Kontrolle, die Suche nach neuen Einnahmequellen, Feuerwehr und Klimaanpassung und am Ende zwei Ehrungen für Menschen, die gezeigt haben, dass kommunale Arbeit nicht allein aus Haushaltszahlen besteht.

Die 400.000 Euro werden Bad Hersfeld sicherlich noch eine Weile beschäftigen. Denn eines wurde an diesem Abend deutlich: Die Festspiele sollen weiterhin ein Leuchtturm sein. Die politische Frage lautet nun weniger, ob dieser Leuchtturm weiterleuchten soll, sondern wie man dafür sorgt, dass die Rechnung für das Licht künftig vorher bekannt ist. (Jürgen Böthig) +++

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