✕

Zwischen Nähe und Distanz

Nähe mit Verantwortung: Fachtag beleuchtet pädagogische Beziehungen

Valeria Anselm mit Patricia Gerk (Abteilungsleiterin Berufliche Bildung Sozialwesen).
Fotos: Claudia Herz

30.09.2026 / HÜNFELD - Wie viel Nähe dürfen pädagogische Fachkräfte zeigen? Mit dieser Frage setzte sich der Fachtag der Fachschule für Sozialwesen an der Konrad-Zuse-Schule Hünfeld auseinander. Autorin Valeria Anselm gab dabei eine persönliche und eindringliche Antwort. Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen in der Jugendhilfe zeigte sie, wie wichtig menschliche Nähe für junge Menschen ist und welche Herausforderungen zugleich mit professioneller Beziehungsarbeit verbunden sind.



Als Valeria Anselm einst in eine Wohngruppe zog, hatte sie das Gefühl, ein Wort an der Tür zurücklassen zu müssen: Liebe. Erst als sie die Einrichtung wieder verließ, habe sie dieses Wort zurückgewonnen, berichtete die Autorin. Mit dieser Erfahrung verlieh sie einer Frage, die pädagogische Fachkräfte seit Jahren beschäftigt, eine persönliche Perspektive: Wie lassen sich professionelle Verantwortung und menschliche Nähe miteinander vereinbaren?

Einblicke in den Alltag der Jugendhilfe

Beim Fachtag der Fachschule für Sozialwesen an der Konrad-Zuse-Schule las Anselm aus ihrem Buch "Das ist (nicht) mein Zuhause". Darin schildert sie den Alltag in einer Wohngruppe, in der Kinder und Jugendliche Schutz, Geborgenheit und Orientierung suchen. Gleichzeitig stehen die Fachkräfte vor der Herausforderung, vielen jungen Menschen gerecht zu werden.

Anselm machte deutlich, dass Nähe und Zuwendung zentrale Bestandteile pädagogischer Arbeit sind. Wer einem Kind "Hab dich lieb" sagt, zeige damit auch eigene Verletzlichkeit. Eine zurückhaltende oder kühl wirkende Antwort aus Sorge um die professionelle Distanz könne deshalb besonders schmerzhaft sein.

Menschlichkeit und Professionalität schließen sich nicht aus

Für Anselm gehören Ehrlichkeit, Vertrauen und Liebe zu einer gelingenden pädagogischen Beziehung. Fachkräfte dürften Gefühle zeigen und menschlich sein, solange sie verantwortungsvoll handeln und die Grenzen der Kinder und Jugendlichen respektieren. Professionelle Nähe bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Grenzüberschreitung, sondern eine bewusst gestaltete Form von Zuwendung.

Gleichzeitig wurde deutlich, wie schwierig dies unter den Bedingungen des Berufsalltags sein kann. Oft seien es bereits kleine Momente, die eine vertrauensvolle Begegnung ermöglichen. Ein kurzer Umweg beim Einkaufen oder ein paar Minuten ungestörte Zeit könnten ausreichen, damit ein Kind über seine Sorgen spricht.

Zeitmangel als große Herausforderung

Doch solche Momente können strukturelle Probleme nicht ausgleichen. "Eine Fachkraft ist schließlich kein Oktopus", schrieb eine Studierende der Fachschule in ihrem Rückblick auf die Veranstaltung. Wer zeitweise für acht Kinder oder Jugendliche verantwortlich sei, könne nicht allen gleichzeitig Trost, Aufmerksamkeit und ein offenes Ohr schenken.

Im Anschluss an Lesung und Vortrag vertieften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Thema in vier Workshops. Auch die abschließende Frage- und Diskussionsrunde stieß auf großes Interesse und regte zum Austausch über Erfahrungen aus der Praxis an.

Blick auf die Grenzen des Systems

Nicht jedes Kind kann in Worte fassen, was ihm fehlt. Manche reagieren mit Rückzug, andere mit auffälligem Verhalten. Besonders bei jungen Menschen, die häufig als "Systemsprenger" bezeichnet werden, treten die Belastungsgrenzen der Jugendhilfe deutlich zutage.

Der Fachtag lud dazu ein, diese Grenzen kritisch zu hinterfragen. Deutlich wurde dabei auch: Damit Fachkräfte Kindern und Jugendlichen die notwendige Zeit, Aufmerksamkeit und Unterstützung geben können, braucht es ausreichende personelle Ressourcen und gute Arbeitsbedingungen. Hier sei nicht zuletzt auch die Politik gefordert. (pm/jk) +++

X