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Pfarrer Werner Ewald verabschiedet

Volle Kirche: 35 Jahre gesät, gepflegt und manches zum Schwingen gebracht

Niederaulas evangelischer Pfarrer Werner Ewald geht in Ruhestand
Fotos: Jürgen Böthig

29.09.2026 / NIEDERAULA - Manchmal braucht es keine großen Worte, um zu verstehen, dass ein Abschied ein besonderer ist. Ein Blick in die Kirche von Niederaula am Sonntagnachmittag genügte. Jeder Sitzplatz war besetzt, auch auf der Empore drängten sich die Menschen. Und wer keinen Platz mehr fand, blieb eben stehen. Rund um den Altar, in den Seitengängen, dicht an dicht.



Die Evangelische Kirchengemeinde Niederaula sagte "Danke". Zwischen den Zeilen lag an diesem Nachmittag aber immer wieder auch der eine Satz: "Wir werden euch vermissen."

Nach 35 Jahren verabschiedete sich Pfarrer Werner Ewald gemeinsam mit seiner Frau Karin aus Niederaula. Ein Abschied, der sich nicht wie ein gewöhnlicher Termin im kirchlichen Kalender anfühlte. Eher wie das Ende eines langen gemeinsamen Weges und gleichzeitig wie der erste Schritt auf einem neuen Pfad. Oder, wie Dekan Michael Zehender es formulierte: "Eine Verabschiedung ist immer ein Einschnitt." Für Werner und Karin Ewald. Für ihre Familie. Aber eben auch für eine Gemeinde, die ihren Pfarrer über mehr als drei Jahrzehnte erlebt, begleitet und ein Stück weit zu ihrer eigenen Geschichte gemacht hat.

Mit Menschen

Dekan Zehender fand für diesen besonderen Gottesdienst ein Bild, das kaum besser hätte passen können. Rund um den Abschied beginnt gerade die Zeit des Erntedanks. "Wenn man sich heute hier umschaut, dann könnte man schon meinen: Wir feiern heute Erntedank", sagte der Dekan. Allerdings nicht mit Körben voller Äpfel, Kartoffeln, Kürbisse und Getreide. "Sondern mit einem anderen, mindestens ebenso kostbaren Erntekorb." Und dieser Erntekorb ist nach 35 Jahren ziemlich gut gefüllt.

Als Werner Ewald am 1. November 1991 als junger Pfarrer im Probedienst nach Niederaula kam, war der Empfang nicht unbedingt eine kirchliche Version von "Willkommen im Paradies". Die beiden langjährigen Pfarrer Brauer und Schramm waren gerade gegangen. Für die Gemeinde ein Einschnitt. Und dann stand da plötzlich dieser junge Pfarrer. Die Gemeinde musste sich an ihn gewöhnen und Werner Ewald vermutlich ebenso an Niederaula. Doch dann begann das, was später zu einem langen gemeinsamen Weg werden sollte: Es wurde gesät und zwar reichlich.

Gemeinde endet nicht an der Kirchentür

In den ersten Jahren gehörten noch Hochzeiten zum selbstverständlichen Bild des Pfarrberufs. Manchmal gleich mehrere an einem Wochenende. Heute blickt mancher darauf beinahe nostalgisch zurück. Doch Werner Ewald verstand Gemeinde von Anfang an größer als den Gottesdienst am Sonntag. Kindertagesstätte, Altenheimseelsorge, Gemeindediakonie, Frauenkreis und schließlich der Gemeindebrief wurden zu wichtigen Teilen seines Wirkens. "Du hast nicht nur darauf geschaut, was innerhalb der Kirchenmauern passiert", würdigte Zehender. Werner Ewald habe gewollt, "dass Gemeinde miteinander im Gespräch bleibt, dass Menschen wissen, was los ist, dass man voneinander hört."

Gemeindefahrten

Denn Gemeinde lebt von Begegnung. Manchmal muss man dafür eben die Kirchentür hinter sich schließen, in einen Bus steigen und losfahren. Andere Menschen kennenlernen. Andere Gemeinden besuchen. Sehen, wie andere ihren Glauben leben. Ins Gespräch kommen. Sich inspirieren lassen. Kirche als Reisegesellschaft – zumindest gelegentlich.

Mittendrin als nur dabei

Werner und Karin Ewald wollten Kirche nicht als Insel. Sie wollten mittendrin sein. Bei Vereinen, Feuerwehr, Kommune und den vielen anderen Gruppen und Menschen, die Niederaula ausmachen. Mittendrin bedeutete bei Familie Ewald auch: Das Pfarrhaus war ein offenes Haus. Sehr offen. Zehender brachte es mit einem Schmunzeln auf den Punkt: "Und "offen" bedeutete bei euch manchmal vermutlich tatsächlich: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche." Pfarramt und Privatleben ließen sich dort nicht einfach mit einem imaginären Gartenzaun voneinander trennen. Wer klingelte, fand Menschen vor. Wer etwas auf dem Herzen hatte, konnte kommen. Wer reden wollte, wurde gehört.

Das ist eine Form von Kirche, die man nicht in einem Konzeptpapier beschreiben kann. Die muss man leben. Das Ehepaar Ewald hat sie gelebt. Das galt ausdrücklich auch für Karin Ewald. Denn an diesem Sonntag wurde nicht nur Werner Ewald verabschiedet. Es wurde die ganze Pfarrfamilie verabschiedet.

Karin Ewald gestaltete Gemeindefahrten mit, organisierte den Bastelkreis, kümmerte sich um den Gemeindebrief, wirkte bei Seniorennachmittagen mit und sang im Kirchenchor. Sie war nicht einfach die Frau des Pfarrers. Sie war Teil des Gemeindelebens. Sie habe damit ganz wesentlich dazu beigetragen, dass aus dem Pfarrhaus ein Gemeindehaus mit einer Familie darin wurde, sagte Michael Zehender.

Wo der Ball nicht rund, sondern manchmal auch umstritten war

Ein weiterer großer Abschnitt im beruflichen Weg von Werner Ewald war die Konfirmandenarbeit. Seit Mitte der 1990er Jahre war er als Kreiskonfirmandenpfarrer tätig. Wer dabei nur an Arbeitsblätter, Bibeltexte und Unterrichtsstunden denkt, kennt den Kreiskonfi-Cup nicht. Denn manchmal braucht kirchliche Jugendarbeit vor allem eines: einen Fußball. Dann wurde gespielt. Konfirmandengruppen aus verschiedenen Gemeinden trafen aufeinander. Begegnung, Vernetzung und Gemeinschaft und vermutlich gelegentlich auch die höchst theologische Frage, ob der Ball nun wirklich im Tor gewesen war.

Wenn das Alphorn die Kirche zum Schwingen bringt

Dann ist da noch die Musik. Werner Ewald kann Orgel spielen. Trompete. Und Alphorn. Eine Kombination, die man nicht unbedingt in jedem Pfarrhaus findet. Gerade das Alphorn wurde an diesem Nachmittag zum Sinnbild. Werner Ewald hatte einmal gesagt, beim Alphorn gehe es nicht nur darum, dass der Klang andere Menschen in Vibration und Bewegung versetzt. Man spüre die Vibration, die Schwingung selbst.

Dekan Zehender griff diesen Gedanken auf und machte daraus eine kleine Lebensbilanz: "Ich glaube, in 35 Jahren hast du einiges zum Schwingen gebracht und manches davon hat sicher auch bei dir selbst nachgeschwungen." Ein schöner Satz für einen Pfarrer, der nach 35 Jahren seinen Talar ablegt. Denn Kirche soll nicht nur Worte produzieren. Sie soll Menschen berühren. Zum Nachdenken bringen. Trösten. Ermutigen. Manchmal auch aufrütteln. Mitunter darf sie offenbar sogar ein bisschen vibrieren.

Auch das gehörte zur Ehrlichkeit dieses Abschieds. "Auf einem Acker wächst nicht alles", betonte der Dekan. Manches wächst prächtig. Manches vertrocknet. Manches wird vom Sturm umgelegt." Auch ein 35-jähriger Pfarrdienst kennt solche Jahre. Die Kirche hat sich seit 1991 verändert. Die Gesellschaft hat sich verändert. Erwartungen an Kirche haben sich verändert. Auch der Pfarrberuf ist heute ein anderer als damals. Werner Ewald sei diesen Veränderungen nicht ausgewichen, würdigte Zehender. Er habe sich Herausforderungen gestellt, auch wenn die Zeiten nicht immer einfach gewesen seien und das Miteinander nicht immer leicht.

Und was hat die Ernte eingebracht? 35 Jahre Predigten und Gottesdienste. Taufen und Trauungen. Konfirmationen und Beerdigungen. Konfirmandenfreizeiten und Kreiskonfi-Cups. Gespräche an Haustüren. Gespräche im Pfarrhaus. Kindergarten. Altenheim. Gemeindediakonie. Feuerwehr. Kommune. Musik. Vor allem aber: Menschen. Menschen, die Werner und Karin Ewald begegnet sind. Menschen, die ihnen anvertraut waren. Menschen, deren Lebenswege sie ein Stück begleitet haben. "Das ist wahrscheinlich die schönste Ernte eines Pfarrerlebens", sagte Zehender. "Nicht Zahlen. Nicht Statistiken. Nicht Projekte. Sondern Menschen." Menschen, die irgendwann sagen können: Da war ein Pfarrer, der mich begleitet hat. Da war eine Pfarrfamilie, bei der ich willkommen war. Da war jemand, der zugehört hat. Das bleibt.

Nun also Ruhestand

Ein Wort, das irgendwie nach Stillstand klingt. Doch so richtig passt es zu Werner und Karin Ewald nicht. Vielleicht is Ruhestand vielmehr die Zeit für die Familie. Und vielleicht – dieser Gedanke durfte an diesem Nachmittag natürlich nicht fehlen – gibt es ja auch weiterhin das Alphorn.

Abschied mit Musik und ganz viel Gefühl

Musikalisch wurde der Abschied zu einem eigenen Kapitel. Posaunenchor, Instrumentalgruppe, Kinder- und Kirchenchor sowie verschiedene Solisten gestalteten den Gottesdienst. Besonders still wurde es bei Claudia Modenbachs Interpretation von Frank Sinatras "My Way". Ein Lied über einen eigenen Weg. Damit vielleicht auch ein Lied, das an diesem Nachmittag genau dorthin passte, wo Worte manchmal nicht mehr ganz ausreichen.

Der Abschiedsmarathon wurde von Kirchenvorstandsmitglied Dr. Thomas Hahn moderiert und fühlte sich trotz seiner vielen Beiträge gefühlsmäßig eher wie ein Sprint an. Zu schnell verging die Zeit zwischen Erinnerungen, Dankesworten, Musik und Segen. Unter den Gästen waren neben dem Kirchenvorstand und zahlreichen Gemeindemitgliedern auch der katholische Geistliche Bernhard Schiller, Landrat Torsten Warnecke, Bürgermeister Thomas Rohrbach, Alt-Bürgermeister Helmut Opfer und Werner Ewalds Vorgänger, Pfarrer im Ruhestand Karl Werner Brauer. Oder auch Heidi Rössing, seine Mitstreiterin in der AG Stolpersteine.

Die Gemeinde ist vorbereitet


Auch organisatorisch ist Niederaula auf die Zeit nach Ewald vorbereitet. Pfarrer Johannes Förster übernimmt die offizielle Vakanzvertretung und kümmert sich insbesondere um Kirchenvorstand und Konfirmandenarbeit. Melanie Hetzer übernimmt die Schulgottesdienste und den Kontakt zur Kindertagesstätte. Bernd Seifert kümmert sich insbesondere um die Koordination im Altenheim und die Beerdigungen.

Gleichzeitig soll der weitere Weg von Kirchheim und Niederaula als Kirchspiel gemeinsam gestaltet werden. "Wir lassen Niederaula nicht allein", versprach Dekan Zehender. Damit wurde aus dem Abschied zugleich ein Blick nach vorn. Denn Kirche ist schließlich eine Gemeinschaft, die nicht mit einem einzelnen Menschen steht oder fällt. Sie lebt von vielen, die Verantwortung übernehmen, mitmachen, widersprechen, anpacken, singen, beten und manchmal einfach da sind.

Am Ende stand die Entpflichtung. Werner Ewald trat nach vorn, der Kirchenvorstand stellte sich im Halbkreis auf. Die Urkunde über den Eintritt in den Ruhestand wurde verlesen. Mit dem Ruhestand endet die dienstliche Verpflichtung im bisherigen Amt. Die Ordination bleibt.

Und dann war da der Segen.

35 Jahre Niederaula gingen damit nicht einfach zu Ende. Sie bekamen einen Schlusspunkt – aber keinen Schlussstrich. Danke für 35 Jahre Niederaula", sagte Michael Zehender. Danke für die Nähe zu den Menschen. Für die Offenheit. Für die Bereitschaft, sich einzulassen. (Jürgen Böthig) +++

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