Ohne die Winfridia ist Fulda nicht denkbar
Jubiläums-Matinee 150 Jahre Städtischer Konzertchor Winfridia
Alle Fotos: Martin Engel
27.09.2026 / FULDA -
Als die Winfridia am 10. Januar 1876 gegründet wurde, war das ein Akt bürgerlicher Widerborstigkeit. Der Domchor nämlich hatte im heftig tobenden Kulturkampf seine Arbeit einstellen müssen. Einige Handwerksmeister, die dort mitsangen, wollten sich damit nicht abfinden.
Sie gründeten einen Männerchor, damit die Gottesdienste im Dom weiterhin musikalisch gestaltet werden konnten. So dreht man Kulturkämpfern eine Nase. Echt fuldisch, möchte man sagen.
Chorgesang ist mehr als Töne machen
Diese Widerspenstigkeit wirkt bis heute nach. Als 1928 die Frauen des Chors Cäcilia aufgenommen wurden, war auch das alles andere als selbstverständlich. Heute ist die Winfridia ohne ihre Frauenstimmen und Frauenpower kaum vorstellbar. Den Ehrentitel "Städtischer Konzertchor" trägt die Winfridia seit 1948. Verliehen wurde er allerdings nicht bei einem feierlichen Festakt, sondern nach einer Aufführung von Mozarts "Requiem" beim abendlichen Beisammensein im Gasthof "Zur Krone" – durch Oberbürgermeister Dr. Cuno Raabe. Das passt zu einem Chor, der das Feierliche und das Leichte kann, Pathos wie Humor beherrscht und sich auch in Swing, World Music und Filmmusik zu Hause fühlt.Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit
Shaggy Schwarz führte mit Witz und sicherem Gespür für den richtigen Ton durch die Matinee. Thomas Hanelt, Erster Vorsitzender des Hessischen Landesverbands Deutscher KonzertChöre, überbrachte mit dem Karl-Valentin-Satz "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" Glückwünsche. Er würdigte die ungewöhnlichen Programme, die Kompetenz und Kreativität des Chors – und seinen Mut, immer wieder Risiken einzugehen. Die Winfridia sei in der hessischen Chorlandschaft einzigartig. Hermann Müller vertrat den Landkreis Fulda und nannte die Winfridia eine wesentliche Bereicherung des Kulturlebens. Stadt, Landesverband und Landkreis überreichten der ersten Vorsitzenden Elke Hohmann Geldgeschenke für die Arbeit des Chors.Zu den wichtigen musikalischen Partnern gehört seit vielen Jahren die Vogtland Philharmonie, die den Chor auch bei dieser Matinee einfühlsam begleitete. Auch die aus Fulda stammende Sopranistin Christina Rühmann steht immer wieder mit der Winfridia gemeinsam auf der Bühne und glänzte in mehreren Stücken.
Immer wieder neue Wege
In den Gesprächen zwischen Elke Hohmann und Shaggy Schwarz ging es um den Charakter und die Besonderheiten der Winfridia. Der Chor hat gerade unter Dirigent Casten Rupp immer wieder neue Wege gesucht: mit hybriden Proben oder Proben im Park während der Corona-Pandemie. Sie führte dennoch zu einem Aderlass im Chor – die Winfridia verlor fast ein Drittel ihrer Mitglieder. "Das lag auch daran, dass sich Lebensumstände veränderten und Menschen nicht mehr die Zeit für die Chorarbeit hatten", erzählte Elke Hohmann.
Über zwei Jahrhunderte Musikgeschichte
Das Programm schlug einen Bogen von Haydn über Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Dvořák und Brahms bis zu Honegger und Christopher Tin. Der geistliche Gründungsgedanke der Winfridia gab dem Vormittag eine klare Linie. Felix Mendelssohn-Bartholdys 95. Psalm "Kommt, lasst uns anbeten" verbindet Bachs strenge Formensprache mit der Farbigkeit der Romantik. Dvořáks "Eja Mater" aus dem "Stabat Mater" ist Musik aus persönlicher Trauer, eine eindringliche Anrufung Mariens. Mit Christopher Tins "Baba Yetu", einer Vertonung des Vaterunsers auf Suaheli, traf klassische Chormusik auf afrikanische Rhythmen und eine ganz andere Klangwelt.Zu den musikalischen Höhepunkten gehörte "Der Tanz vor der Bundeslade" aus Arthur Honeggers "Le Roi David". Die Bundeslade wird hier zum Gegenbild zum Tanz um das Goldene Kalb: Sie steht für den Bund Gottes mit seinem Volk. Der Chorsatz "Die Himmel erzählen" aus Joseph Haydns "Schöpfung" führte zurück zu einem der großen Werke des Oratorienrepertoires.
Leichtere Töne hörte man in den "Liebeslied-Walzern" von Johannes Brahms. Die Musik fuhr einem förmlich in die Füße und ließ doch neben Heiterkeit und Übermut auch Wehmut hören. Robert Schumanns "Zigeunerleben" hat musikalischen Schwung, trägt aber aus heutiger Sicht arg klischeehafte Bilder des 19. Jahrhunderts in sich. Der Titel und die Vorstellung eines freien, exotischen Lebens am Rand der Gesellschaft wirken heute fremd und problematisch.
Nach den Standing Ovations in der Orangerie durfte eine Zugabe nicht fehlen. Mit der Titelmelodie aus "The Hallelujah Trail" – "40 Wagen Westwärts" – verabschiedeten sich Chor, Vogtland Philharmonie und Carsten Rupp von ihrem Publikum. Ein schwungvoller Schluss für einen Chor, der sich Profil und Charakter erarbeitet hat und auch nach 150 Jahren neugierig bleibt. (Jutta Hamberger) +++