Lesung gegen den Krieg im Kulturladen
Landarzt wird zum Beichtvater: Dr. Hermann Sauer liest gegen das Vergessen
Fotos: Kulturladen Schlitz
26.09.2026 / SCHLITZ -
Über Jahrzehnte hinweg haben Patientinnen und Patienten ihm anvertraut, was sie ein Leben lang mit sich getragen haben – am Donnerstagabend gab Dr. Hermann Sauer diesen oft verschwiegenen Geschichten eine Bühne. Im Kulturladen Schlitz (Vogelsbergkreis) las der Landarzt und Autor unter dem Titel "Wider das Vergessen – Lesung gegen den Krieg" aus seinen drei neu erschienenen Büchern. Eingeladen hatte das AktionsBündnis Schlitzerland (ABS). Es wurde ein Abend, der tief berührte – und das Publikum dazu brachte, selbst Erinnerungen und Gedanken zu teilen.
"Herr Doktor! Wir mussten doch alle schießen! Hätten wir nicht geschossen, hätte uns der Russe erschossen!" Sätze wie dieser fielen in Dr. Sauers Sprechzimmer oft erst spät – dann, wenn Männer, die er jahrzehntelang als stoisch und schweigsam erlebt hatte, im hohen Alter plötzlich dünnhäutig wurden. Im Oktober 1983 hatte er in Schlitz als junger Landarzt angefangen, nach eigenen Worten, "um die Welt zu retten". Dass er es in seiner Praxis vor allem mit Kriegsteilnehmern, Kriegs- und Nachkriegskindern zu tun haben würde, war ihm damals noch nicht bewusst. Und so wurde der im Pfarrhaus aufgewachsene Mediziner, den die Eltern eigentlich als Pfarrer gesehen hatten, auf Umwegen doch noch zum Seelsorger.
"Man lebt nicht, wenn man nicht für etwas lebt"
Zu Beginn begrüßte ABS-Sprecher Erwin Becker die zahlreichen Gäste und schilderte die Beweggründe und ersten Erfahrungen der zivilgesellschaftlichen Initiative. Dr. Sauer, selbst aktives Mitglied im Bündnis, knüpfte daran an – mit einer nüchternen Zustandsbeschreibung: "Gespräche finden nicht mehr miteinander statt, sondern oft gegeneinander. Oder aber anonym in den sogenannten sozialen Netzwerken." Die Antwort des überparteilichen Bündnisses fasste er in eine einfache Frage: "Was können wir vor Ort tun, damit unsere Demokratie stark bleibt und die Menschen wieder mehr miteinander ins Gespräch kommen?" Dazu gehöre Zivilcourage – und die Bereitschaft, sich zu erinnern. Was sich ins Körpergedächtnis eingräbt
Was folgte, waren Geschichten, die niemanden im Saal kalt ließen. In Texten wie "Tränenkind", "Angst isst Seele auf" oder "Du Hitlerkind, du Bastard" erzählte Dr. Sauer von Menschen, die unter NS-Propaganda, politischer Verfolgung und Bombenangriffen gelitten hatten – oder unter der harten, lieblosen Erziehung durch traumatisierte Väter und Mütter. Vieles davon, so der Mediziner, habe sich in ein Körpergedächtnis eingegraben und über Jahrzehnte in unspezifischen Beschwerden und Ängsten gezeigt, ehe es im Alter dem Hausarzt anvertraut wurde. Noch schwerer wogen die Berichte ehemaliger Soldaten, die an Schuld, Leid und erlebter Gewalt beinahe zu ersticken schienen. Vom Zuhören zum Erzählen
Im anschließenden Gespräch, moderiert von Rita Weber-Seyed Vossoughi, wurde aus dem Publikum eine Erzählrunde: Zuhörerinnen und Zuhörer teilten eigene Erinnerungen und das, was Eltern und Großeltern ihnen einst berichtet hatten. Auf die Frage der Moderatorin, was man von diesem Abend mitnehme, herrschte schnell Einigkeit: Die Arbeit gegen das Vergessen muss weitergehen. Mit der "Geschichte vom afghanischen Mädchen", die sie stellvertretend für Dr. Sauer vortrug, schlug der Abend schließlich den Bogen in die Gegenwart heutiger Fluchtgeschichten.Wer an diesem Abend zuhörte, wurde unweigerlich an einen Befund erinnert, den Alexander und Margarete Mitscherlich schon 1967 in einen Buchtitel fassten: "Die Unfähigkeit zu trauern". Dr. Sauer selbst formulierte seinen Auftrag als Appell: "Dass wir in Frieden aufwachsen durften, ist ein großes Geschenk an unsere Generationen. Lasst uns dafür eintreten, dass noch andere Generationen nach uns in Frieden aufwachsen dürfen." (mis/pm) +++