Wenn Arbeit neue Perspektiven eröffnet
Aktionstag "Schichtwechsel" mit Unternehmen aus dem Bergwinkel
Fotos: Privat
27.09.2026 / HANAU/SCHLÜCHTERN -
Manchmal genügt ein einziger Arbeitstag, um den Blick auf Fähigkeiten, Berufe und Menschen zu verändern. Beim bundesweiten Aktionstag "Schichtwechsel" haben Menschen mit und ohne Behinderungen für einen Tag die Seiten gewechselt. Die BWMK gGmbH brachte dafür Beschäftigte aus ihren Werkstätten mit Mitarbeitenden aus insgesamt 30 Unternehmen, Betrieben und Verwaltungen im Main-Kinzig-Kreis und im Rhein-Main-Gebiet zusammen. Was dabei entsteht, ist mehr als ein freundlicher Besuch: Es ist die Gelegenheit, die Arbeitswelt mit den Augen des jeweils anderen zu sehen.
Am Morgen begann der Schichtwechsel an zwei Orten: im Brockenhaus in Hanau und in den Bergwinkel-Werkstätten in Schlüchtern. Von dort schwärmten die Tauschpartnerinnen und Tauschpartner aus. Menschen mit Behinderungen machten sich auf den Weg in Unternehmen und Verwaltungen, Beschäftigte des allgemeinen Arbeitsmarktes nahmen für einige Stunden ihren Platz in den Werkstätten ein.
Ein Tag im anderen Berufsfeld
Bundesweit hat diese Idee inzwischen beträchtliche Dimensionen erreicht. Rund 400 Werkstätten beteiligten sich dieses Jahr am Schichtwechsel, insgesamt wechselten rund 5.000 Menschen für einen Tag ihre berufliche Perspektive. Davon waren etwa 3.000 Menschen Werkstattbeschäftigte und rund 2.000 Mitarbeitende des allgemeinen Arbeitsmarktes. Der Aktionstag knüpfte damit an die hohe Beteiligung der vergangenen Jahre an.In Schlüchtern ließ sich beobachten, worum es bei diesem Perspektivwechsel geht. Die Bergwinkel-Werkstätten haben sich unter anderem auf die Herstellung hochwertigen Zubehörs für die Imkerei spezialisiert. In der Schreinerei entstehen Produkte aus Holz; hinzu kommen Arbeitsbereiche für Hand- und Industriemontage sowie Verpackung und Konfektionierung. Neu im Sortiment sind Stadtmöbel: stabile, farbenfrohe Hochbeete, die mit modularen Sitzgelegenheiten kombiniert werden können und öffentliche Plätze in kleine grüne Aufenthaltsorte verwandeln.
Inklusion im Arbeitsalltag erlebbar gemacht
Luisa Ruppert, die für das IT-Unternehmen Maxworx in Bad Soden-Salmünster arbeitet, wechselte für einen Tag in die Bergwinkel-Werkstätten. Dort erlebte sie nicht nur neue Tätigkeiten, sondern auch, wie Arbeit organisiert werden kann, wenn unterschiedliche Fähigkeiten von Anfang an mitgedacht werden. "Ich bin beeindruckt, wie die Prozesse organisiert sind, sodass alle ihren Beitrag leisten können", sagte sie.Für Menschen mit Behinderungen öffnet der Schichtwechsel Türen zu Berufsfeldern, die sie bislang vielleicht nur aus der Distanz kannten. Unternehmen wiederum begegnen möglichen Arbeits- und Fachkräften nicht auf dem Papier, sondern im Arbeitsalltag. Aus abstrakten Vorstellungen werden konkrete Erfahrungen.
Vielfalt als Chance für Arbeitnehmer und Arbeitgeber
Robert Martin Herber nutzte diese Chance. Er verbrachte seinen Schichtwechsel beim chemisch-technischen Betrieb Rohm und Werner in Sinntal-Sterbfritz. Für ihn kam der Tag zu einem passenden Zeitpunkt. "Ich habe kürzlich meinen Hauptschulabschluss gemacht und schaue mich jetzt bei Rohm und Werner um. Vielleicht ist das ein Berufsfeld, das mir gefällt."Dass aus solchen Begegnungen mehr entstehen kann als ein interessanter Tag, darauf weist auch Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, hin: "Die Übergangsquote von Werkstattbeschäftigten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist bislang erschreckend niedrig. Ein Perspektivwechsel kann der richtige Schritt sein, um seine Haltung zu verändern. Menschen, die in einer Werkstatt beschäftigt sind, können durch die Aktion für den Wechsel motiviert werden. Auch Menschen ohne Behinderung können nur vom Aktionstag Schichtwechsel profitieren: Er kann sie auf neue Ideen bringen, wie Werkstattbeschäftigte bei diesem Schritt unterstützt werden können und den Blick für ihr Potential als Arbeits- und Fachkräfte im Unternehmen öffnen."
Am Nachmittag, als die Schichtwechslerinnen und Schichtwechsler in Hanau und Schlüchtern wieder zusammenkamen, standen deshalb die Erfahrungen des Tages im Mittelpunkt. Das gemeinsame Fazit: "Eine inklusive Arbeitswelt entsteht nicht dadurch, dass Unterschiede verschwinden. Sie entsteht, wenn Unterschiede selbstverständlich werden dürfen – und Menschen die Gelegenheit bekommen zu zeigen, was sie können." (js/pm)+++