"Soziale Medien können süchtig machen"

Handy, Social Media und Suchtgefahr: Akademieabend fordert klare Regeln

Experten diskutieren über Chancen und Risiken sozialer Medien.
Fotos: Katholische Akademie des Bistums Fulda

19.09.2026 / FULDA - Das Handy gehört zum Alltag nahezu aller Erwachsenen dazu. Aber: "Wie viel Smartphone tut uns gut?" So fragte ein Akademieabend im Fuldaer Kanzlerpalais – vor allem mit Blick auf Kinder und Jugendliche. Die Katholische Akademie im Bistum Fulda und die Friedrich-Naumann-Stiftung hatten dazu eingeladen.



Das gewählte Thema erhielt zusätzliche Aktualität, denn kurz vor der Veranstaltung hatte die EU-Kommission Pläne für den Umgang von Kindern und Jugendlichen mit sozialen Medien vorgestellt. Darauf wies der Moderator des Abends, Hörfunkjournalist Werner Schlierike, hin. So soll es für unter 13-Jährige ein generelles Verbot der Nutzung von Plattformen wie TikTok oder Instagram geben. Auch danach sind für die Nutzung ab 15 beziehungsweise 18 Jahren klare Regeln und Bedingungen vorgesehen.

"Soziale Medien können süchtig machen"

Für die Psychologie-Professorin Julia Brailovskaia ist die Vorgehensweise der EU der richtige Weg. Die Wissenschaftlerin der Ruhr-Universität Bochum war online zugeschaltet. Sie warnt: "Soziale Medien können süchtig machen." Diese Sucht habe die gleichen Merkmale wie eine Alkohol- oder Drogensucht. Etwa, dass der Social-Media-Abhängige sich immer wieder vornehme, die Nutzungszeiten zu reduzieren, dies aber meist erfolglos bleibe. Für die Anbieter der Social-Media-Plattformen bedeutet jede Nutzung, Geld zu verdienen. Deshalb sind die Plattformen auch so angelegt, dass sie möglichst häufig genutzt werden. Das Zauberwort heißt dabei unter anderem "Algorithmus": ein Vorgang, der unsichtbar für den Nutzer stattfindet und zum Ziel hat, ihm passende Inhalte anzubieten, ihn an das Medium zu binden und ihn zu möglichst umfangreicher Nutzung zu bewegen.

Genau darin liegt eine Suchtgefahr. Das wüssten auch die Betreiber. "Mark Zuckerberg hat Psychologie studiert", sagte die Professorin über den FacebookGründer. Für Brailovskaia steht fest: Gerade Kinder und Jugendliche müssten geschützt werden. Deshalb sei es nötig, dass Tech-Konzerne diese Algorithmen von den Plattformen entfernten. "Es muss strikte Richtlinien und auch Verbote geben." Die häufige Nutzung sozialer Medien verringert bei Kindern und Jugendlichen die Zeit für andere Aktivitäten. Die Psychologin nennt etwa das Spielen im Freien mit anderen, das Ausleben der Fantasie in kreativem Tun und den Austausch von Angesicht zu Angesicht. "Diese Dinge sind sehr wichtig für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen." Das bestätigt Steffen Flicker, Schulleiter des Marianums in Fulda. Seit es an der Schule ein Handyverbot gibt, ist die Stille vor Unterrichtsbeginn verschwunden. "Endlich ist es wieder laut, denn gerade die Schüler in der Unterstufe reden wieder miteinander – statt einzeln aufs Handy zu starren." Er betont allerdings: "Es geht nicht darum, das Handy und soziale Medien zu verteufeln." Zumal klar sei, dass sich die digitale Entwicklung nicht aufhalten lasse. Ein solches Verbot falle auch schwer. Aber: "Uns ist bisher nichts Besseres eingefallen."

"Das Internet vergisst nichts"

Zum Stichwort Medienkompetenz fügt er hinzu, an seiner Schule gebe es bereits ein Unterrichtsfach zu diesem Thema. Auch für die Lehrer gebe es regelmäßige Fortbildungen im Bereich Medien. Der Pädagoge beobachtet, dass es Kindern und Jugendlichen zunehmend schwerfalle, sich über einen längeren Zeitraum auf etwas zu konzentrieren. Das habe Folgen für die Schule – etwa beim Lesen. Lesekompetenz aber gehöre auch in digitalen Zeiten zu einer guten Schulbildung. Die Dritte in der Gesprächsrunde ist Wiebke Knell. Sie ist Fraktionsvorsitzende der FDP im Hessischen Landtag. Für sie ist es vor allem wichtig, Kinder und Jugendliche bei der Nutzung sozialer Medien zu begleiten und zu beraten. Dies sei besser, als Verbote auszusprechen. Kritisch sieht sie das Verhalten mancher Eltern, etwa was diese alles in sozialen Medien über ihre Kinder posten und damt deren Persönlichkeitsrechte verletzen. Flicker fügt hinzu: "Das Internet vergisst nichts." Was dort erst einmal lande, bleibe erhalten.

Die Psychologin Brailovskaia nannte neben der Sucht weitere dramatische Folgen der Nutzung sozialer Medien für das seelische Befinden. Es könne zu Depressionen und sogar zu Suizidgedanken kommen. Ein Grund: Durch die Nutzung sozialer Medien werde das Selbstwertgefühl negativ beeinflusst. Deshalb wünscht sie sich soziale Medien, die "sozial" sind. Etwa, indem sie den Austausch von Menschen über neue Kanäle fördern – wie es während der Corona-Pandemie auch positive Seiten der sozialen Medien gezeigt habe. In jedem Fall ist es für Brailovskaia wichtig, Kindern nicht einfach "ein Handy in die Hand zu drücken". Sie müssten im Alter zwischen 13 und 18 Jahren an die Nutzung sozialer Medien herangeführt werden. Die Psychologin verglich dies mit dem Autofahren. Auch dort werde zunächst der Führerschein gemacht.

Akademiedirektor Gunter Geiger dankte abschließend für die lebhafte Diskussion – nicht nur auf dem Podium, sondern auch durch die Teilnehmenden. Dafür sorgten auch Oberstufenschülerinnen und - schüler des Marianums, die zu der abendlichen Veranstaltung gekommen waren und den Moderator Werner Schlierike einige Male vom Podium lockten, um ihre Beiträge einzubringen. Und ganz praktisch bewiesen sie dabei auch ihre Medienkompetenz: Einer der Schüler unterstützte die Organisatoren kurzerhand bei der Einrichtung der Übertragung der online zugeschalteten Referentin. So wurde am Ende des Abends gleich noch ganz praktisch gezeigt, dass junge Menschen digitale Medien nicht nur nutzen, sondern sie auch kompetent einsetzen können. (js/pm)+++

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