Eine einheitliche Meinung
Nach Rhein-Vorstoß: Das sagen CDU-Politiker zum Umgang mit der AfD
Archivfotos: ON/ Carina Jirsch/ Hendrik Urbin
17.09.2026 / REGION -
Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) sorgte am Mittwoch mit einem Gastbeitrag in der WELT für Aufsehen. Er stellt sich gegen die "Brandmauer"-Strategie der Union und plädiert für einen neuen Umgang mit der AfD. OSTHESSEN|NEWS hat hessische Politiker aus der CDU drei Fragen gestellt, um herauszufinden, wie sie dazu stehen.
Staatsminister Manfred Pentz
"Boris Rhein hat absolut recht. Er macht damit eine neue Debattenkultur auf, die es jetzt braucht. Die CDU hat sich zu lange in der Debatte um die Brandmauer festgefahren. Wir sind Volkspartei und wollen das auch bleiben. Unser Hauptjob ist es, eine verlässliche und bodenständige Politik für die Menschen zu machen: Wir müssen zurück zu einer Politik, die Deutschland stark gemacht hat. Eine Politik, die auf ihre Bürgerinnen und Bürger hört und ihre Probleme löst. Die einen konsequenten Kurs fährt – und Wirtschaft und Staat wieder auf Vordermann bringt.
Dazu gehört es auch, sich mit der AfD intensiv auseinanderzusetzen und ihre Wählerinnen und Wähler nicht auszugrenzen. Das haben uns die letzten Wahlen gezeigt: Wir brauchen keine Ausgrenzungsdebatten, sondern eine Kurskorrektur – und eine Politik, die Vertrauen schafft."
"Wenn das Ziel des bisherigen Umgangs mit der AfD deren Schwächung war, dann ist dieser Umgang gescheitert. Statt Brandmauern gegen Wähler zu bauen, brauchen wir jetzt Brücken in die Mitte. Boris Rhein steht mit seinen klaren Aussagen und seiner Politik genau für diese Brücken. Ich bin dankbar, dass er es so klar formuliert: Wir müssen die Debatten auch zu kontroversen Themen wieder in die Mitte holen, anstatt sie an die Ränder zu verdrängen. Alles, was sie umtreibt, ihnen Sorgen bereitet und Angst macht, muss in der politischen Mitte stattfinden können. Wir müssen die Probleme offen diskutieren und dann lösen. Denn Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man sie verschweigt, verdrängt, verleugnet oder sie hinter Brandmauern verbannt.
Prof. Dr. Sven Simon MdEP
"Der Beitrag von Boris Rhein trifft einen entscheidenden Punkt: Eine Demokratie wird nicht stärker, indem sie Debatten verengt, Themen tabuisiert oder Millionen Wähler pauschal ausgrenzt. Die Union muss aus eigener Überzeugung handeln, Probleme klar benennen und eigene Lösungen durchsetzen. Richtige inhaltliche Entscheidungen werden nicht falsch, nur weil auch politische Ränder ihnen zustimmen.
Deshalb halte ich wenig von einer abstrakten Debatte darüber, welche parlamentarische Konstellation als "Zusammenarbeit" bezeichnet wird. Klare politische und inhaltliche Abgrenzung: ja. Politische Abhängigkeit: nein. Selbstblockade aus Angst vor einer bestimmten Mehrheit: aber ebenso wenig.
Denn nicht die einzelne vermeintlich "falsche Mehrheit" ist das zentrale Problem, sondern eine Entwicklung, an deren Ende eine radikale Partei selbst über eine Mehrheit und damit über politische Macht verfügt. Wer das verhindern will, muss die Ursachen ihres Erstarkens angehen, konkrete Probleme lösen und verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Eine Brandmauer allein löst keines dieser Probleme. Boris Rhein setzt deshalb einen wichtigen Impuls: Abgrenzung ohne Ausgrenzung und eine Union, die wieder selbstbewusst bestimmt, wofür sie steht."
MIT-Kreisvorsitzender Florian Wehner
"Die aktuellen Aussagen von Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und die intensiven Debatten darüber spiegeln eine zentrale Herausforderung für die politische Mitte wider: Unsere Gesellschaft braucht zweifellos einen neuen, angstfreien und sachorientierten Umgang mit den Problemen, die die Menschen umtreiben – von Migration über Innere Sicherheit bis hin zum Sozialstaat. Dabei gilt der Grundsatz, den auch Rhein betont: Nur weil wichtige und richtige Themen von einer falschen Partei angesprochen oder unterstützt werden, verlieren sie nicht ihren sachlichen Kern oder ihre Richtigkeit. Probleme verschwinden nicht, indem man sie totschweigt oder hinter Tabus verbirgt. Dass diese Debatte nun in der gesamten CDU aufkommt, ist für uns als Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) allerdings keineswegs überraschend – vielmehr fordern wir diesen Kurs und einen realistischeren Blick auf die parlamentarischen Realitäten bereits seit Längerem.
Die Brandmauer in ihrer jetzigen Form ist jedoch gescheitert. Statt politische Probleme zu lösen, führt eine starre und pauschale Brandmauer-Auslegung oft nur dazu, dass sich die Union in der parlamentarischen Arbeit selbst schwächt und man sich in die Erpressbarkeit durch andere politische Ränder manövriert. Wir fordern hier einen pragmatischeren Weg: Die Union darf sich nicht aus falscher Scheu jeden Handlungsspielraum nehmen lassen. Gespräche mit der AfD sollten im parlamentarischen Alltag möglich sein, anstatt sich durch eine dogmatische Abschottung von vornherein zu blockieren. Statt uns den Dialog zu verbauen, müssen wir die AfD im parlamentarischen Wettbewerb durch harte sachliche Argumente, eine klare eigene Kante und unsere bürgerlich-wirtschaftlichen Reformen direkt stellen. Die politische Mitte muss stark genug sein, die Themen zu besetzen, statt das Feld den Rändern zu überlassen."
Landtagsabgeordneter Sebastian Müller
"Ich teile die Einschätzung unseres Ministerpräsidenten Boris Rhein zum Umgang mit der AfD. Es ist keine Strategie, die Wählerinnen und Wähler der AfD hinter einer Brandmauer zurückzulassen. Vielmehr geht es darum, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen und in politische Maßnahmen zu übersetzen. Die demokratische Auseinandersetzung darf dabei nicht durch Ausgrenzung ersetzt werden. Gerade die politische Mitte muss zeigen, dass unterschiedliche Sorgen und Meinungen offen diskutiert und konkrete Probleme angepackt werden.
Das ist für mich persönlich ein Grund, zuversichtlich zu sein: Wenn es uns als CDU gelingt, verständlicher zu kommunizieren und den hessischen Weg der Renaissance der Realpolitik auf allen Ebenen umzusetzen, können wir mit Mut und einem klaren Kompass verlorenes Vertrauen zurückgewinnen."
Landtagsabgeordneter Thomas Hering
"Die Meinungslage, wie sie im Gastbeitrag von Ministerpräsident Boris Rhein zu Tage tritt, begegnet mir schon seit langem und bestätigt mich in meiner Haltung zu einem unverkrampften Umgang mit der AfD. Zuweilen reflexartige Brandmauerrufe aus teils nichtigem Anlass hatten mitunter für Kopfschütteln gesorgt – über die Anhängerschaft der AfD hinaus, was mir viele Bürger- und Politikgespräche aufzeigten.
Allein die Bezeichnung Brandmauer gefällt mir nicht. Sie ist absolut und von der Wortbedeutung her sogar missverständlich, wenn nicht sogar missbrauchsanfällig. Damit meine ich Formen der strikten Abschottung und Ausgrenzung, womit wir auch die uns oft nicht fremden bürgerlichen, konservativen Wähler isolieren. Im linken Spektrum dagegen werden erfahrungsgemäß Bündnisse und Initiativen jedweder Art geschmiedet.
Daher spreche ich von Unvereinbarkeiten, die sinnvoller Weise nicht Ausgrenzung, wohl aber Abgrenzung bedeuten. Deren Sinn erschließt sich allein schon beim Blick auf diverse Personalfragen innerhalb der AfD und deren wirtschafts- und sicherheitspolitisches Risikoverhalten. Diese Abschottungspolitik der AfD sollte Warnung sein, dennoch nicht den Gesprächsfaden abreißen lassen."
Andreas Börner, CDU-Kreisvorsitzender Hersfeld-Rotenburg
Braucht die CDU einen neuen Umgang mit der AfD? "Ich teile den grundsätzlichen Ansatz von Boris Rhein, dass wir uns mit den Themen und Sorgen der Menschen auseinandersetzen müssen, die der AfD Zulauf verschaffen. Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man sie hinter einer Brandmauer ausblendet.
Wir müssen dabei auch ehrlich anerkennen, warum viele Menschen derzeit unzufrieden sind. Viele Menschen nehmen die Arbeit der aktuellen Bundesregierung als schlecht oder unzureichend wahr und diese Wahrnehmung teile ich. Aus meiner Sicht kommt der Zuspruch zur AfD deshalb vielfach nicht daher, dass die Menschen von ihren politischen Vorstellungen überzeugt sind, sondern aus Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik und dem Gefühl, dass ihre Sorgen und Probleme nicht ausreichend ernst genommen werden.
Die CDU muss deshalb zeigen, dass sie Probleme erkennt, Entscheidungen trifft und diese auch umsetzt. Wir müssen den Menschen nicht nur zuhören und ihnen erklären, warum etwas schwierig ist, wir müssen dafür sorgen, dass sich tatsächlich etwas verbessert."
Wie stehen Sie persönlich zu einer Zusammenarbeit mit der AfD? "Eine Zusammenarbeit mit der AfD lehne ich klar ab. Dafür gibt es aus meiner Sicht aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Grundpositionen der AfD keinerlei Grundlage. Das bedeutet aber nicht, dass man sich mit der AfD oder ihren Wählern nicht auseinandersetzen darf. Im Gegenteil: Gerade weil die AfD in den Parlamenten vertreten ist und von vielen Menschen gewählt wird, müssen wir uns politisch mit ihren Positionen auseinandersetzen und ihnen unsere eigenen Vorstellungen entgegensetzen. Für mich gilt daher klar: Auseinandersetzung ja, Zusammenarbeit nein."
Sollte die Brandmauer-Strategie erhalten bleiben? "Entscheidend ist für mich weniger das Bild der "Brandmauer" als eine klare politische Haltung. Die CDU muss selbstbewusst ihre eigenen Positionen vertreten und gleichzeitig klarstellen, dass es keine Zusammenarbeit mit der AfD gibt. Eine klare Abgrenzung gegenüber einer Zusammenarbeit halte ich weiterhin für richtig. Sie darf aber nicht dazu führen, dass wir uns ausschließlich mit der Frage beschäftigen, was die AfD sagt oder tut. Unser Anspruch muss sein, selbst die politischen Antworten zu geben.
Denn am Ende entscheidet sich Vertrauen nicht an Worten, sondern an Ergebnissen. Die Menschen erwarten keine weiteren Erklärungen, warum ihre Probleme schwierig zu lösen sind. Sie erwarten, dass wir diese Probleme angehen und konkrete Verbesserungen schaffen. Deshalb sehe ich keinen Widerspruch zwischen einer klaren Abgrenzung gegenüber der AfD und einer offenen politischen Auseinandersetzung mit den Themen, die Menschen zur AfD führen. Beides gehört für mich zusammen: klare politische Grenzen auf der einen Seite und entschlossenes Handeln bei den Problemen der Menschen auf der anderen"
Alexander Kluge, Kreisvorsitzender Junge Union Kreisverband Fulda
"Die von Boris Rhein angestoßene Debatte halte ich für notwendig und zwingend geboten. Viele Menschen in unserem Land fühlen sich von der Politik der letzten Jahre nicht mehr abgeholt und haben den Glauben an die Problemlösungskompetenz der CDU verloren. Ein Grund dafür ist, dass in der Vergangenheit zu oft über Nebensächlichkeiten gesprochen wurde, wie die sogenannte Brandmauer, anstatt zu definieren, was die CDU will und wofür sie steht. Der Vorstoß von Ministerpräsident Boris Rhein ist ein Schritt auf die vielen unzufriedenen Bürger im Land zu, nicht auf die AfD. Wenn wir definieren, wofür christdemokratische Politik steht, werden die großen inhaltlichen Differenzen zur AfD deutlich und unüberbrückbar. Dafür braucht es keine Brandmauer.
Hans-Dieter Alt, Vize-Fraktionschef der CDU in der Fuldaer Stadtverordnetenversammlung und MIT-Schatzmeister
Braucht die CDU einen neuen Umgang mit der AfD? "Die Brandmauer in der jetzigen Form treibt weiter Wähler/innen zur AfD und wir gewinnen keine Wähler/innen zurück. Die Ausgrenzung mit allen Mitteln ist ein Fehler."
Sollte die Brandmauer-Strategie erhalten bleiben? "In der jetzigen Form nein." (Moritz Pappert) +++