Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Reaktionen aus Osthessen: So bewerten Politiker das Wahlergebnis
Archivfoto: O|N/Hans-Hubertus Braune
08.09.2026 / REGION -
Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sorgt weiterhin für heftige Diskussionen. Der deutliche Wahlerfolg der AfD hat auch in Osthessen zahlreiche Reaktionen ausgelöst. OSTHESSEN|NEWS hat Politiker aus der Region gefragt, wie sie das Wahlergebnis bewerten und welche Auswirkungen es ihrer Ansicht nach auf die Politik in Hessen haben könnte.
Brand mahnt nach CDU-Niederlage zur gründlichen Analyse
Mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mahnt CDU-Bundestagsabgeordneter Michael Brand zu einer differenzierten Betrachtung der Ergebnisse. Hessen und insbesondere Osthessen seien aufgrund unterschiedlicher wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen nur eingeschränkt mit Sachsen-Anhalt vergleichbar. Die Ursachen der "schweren Niederlage" müssten daher sorgfältig analysiert werden, "um die richtigen Schlussfolgerungen und eben keine Kurzschlüsse zu ziehen".Kritik an der Politik sei legitim, allerdings beobachte Brand auf allen politischen Ebenen einen Trend, "alles und jedes sozusagen erst einmal in die Tonne zu treten". Demokratie lebe jedoch von Kompromissen. Wer diese Fähigkeit verliere, riskiere den gesellschaftlichen Zusammenhalt. "Wenn wir nicht mehr kompromissfähig sind, geht unser Land kaputt", betonte der Abgeordnete.
Vertrauen in Demokratie stärken
Mit Blick auf das Vertrauen in die Politik plädierte er für mehr direkten Austausch zwischen Bürgern und politischen Verantwortlichen. Nach seiner Erfahrung trügen Gespräche häufig dazu bei, Informationen zu vermitteln und verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen. Gleichzeitig warnte er vor Kräften, die gezielt das Vertrauen in demokratische Institutionen untergraben wollten. Trotz berechtigter Kritik dürfe man nicht "versehentlich die Demokratie in die Tonne treten".
An der sogenannten Brandmauer zur AfD hält Brand fest. Die Abgrenzung von einer "rechtsextremen Partei" müsse selbstverständlich sein. Zudem verweist er darauf, dass Wahlerfolge allein keinen Anspruch auf Regierungsverantwortung begründeten. Entscheidend seien weiterhin die Mehrheitsverhältnisse im Parlament.
Für die politische Arbeit der Union sieht Brand weniger die Aufgabe, bestimmte Themen zu besetzen, sondern konkrete Probleme zu lösen. Ziel müsse es sein, Arbeitsplätze, Wohlstand und Zukunftsperspektiven zu sichern. Dabei gehe es um langfristige Reformen und nicht um kurzfristige politische Schlagworte. Die CDU werde das Wahlergebnis nun detailliert auswerten. Klar sei aber bereits jetzt: "Das Ergebnis bleibt eine schwere Niederlage."
Schmitt fordert mutige Reformen
Fuldas Erster Kreisbeigeordneter Frederik Schmitt (CDU) bezeichnet das Wahlergebnis seiner Partei in Sachsen-Anhalt als desaströs und als Denkzettel für die Arbeit der Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz. Die Umsetzung längst überfälliger Veränderungen, um Deutschland wettbewerbsfähiger sowie nach innen und außen sicherer zu machen, dürfe nun nicht langsamer oder zögerlicher werden. Vielmehr müsse sie rasch und mutig vorangetrieben werden.Die Bundesregierung müsse sich dabei auf die wesentlichen Herausforderungen konzentrieren und die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands stärker in den Mittelpunkt stellen. Zudem müssten zentrale Reformvorhaben entschlossener vertreten werden. Als Beispiel nennt Schmitt die Reform der Alterssicherung, die er für unumgänglich hält. Von den vorliegenden Vorschlägen für eine stärker kapitalgedeckte Altersvorsorge würden künftige Generationen erheblich profitieren. "Bei allem hilft Demut und ein beständiges Arbeiten an dem, was Deutschland voranbringt", sagte Schmitt.
Mischak sieht AfD in der Verantwortung
Der Vogelsberger Landrat Dr. Jens Mischak (CDU) äußerte sich am Montagmorgen auf Facebook zum Wahlergebnis. Nach seiner Einschätzung habe die CDU ein "miserables Ergebnis" erzielt und keinen ausreichenden Regierungsauftrag erhalten. Angesichts des starken Abschneidens der AfD müsse anerkannt werden, dass die Verantwortung für die Regierungsbildung nun bei der stärksten politischen Kraft liege. "Mit so einem Ergebnis kann man auch nicht regieren", heißt es in seinem Statement. Überlegungen zu einem Bündnis mehrerer Parteien gegen die AfD seien nach diesem Wahlausgang zunächst nicht angebracht. Fast jeder zweite Wähler habe der AfD seine Stimme gegeben, was laut Mischak "im Sinne der Demokratie auch akzeptiert werden" müsse.Gleichzeitig nimmt der Landrat die AfD in die Pflicht. Sie müsse ihrer neuen Rolle gerecht werden und Verantwortung übernehmen. Mit Blick auf die Regierungsbildung erklärte Mischak abschließend: "Wer die Backen aufbläst, muss auch pfeifen", unabhängig davon, ob eine absolute Mehrheit erreicht werde oder nicht.
Lamely spricht von "Erdrutschsieg"
Der Fuldaer AfD-Bundestagsabgeordnete Pierre Lamely bewertete das Abschneiden seiner Partei bereits am Wahlabend als klaren Erfolg. Die AfD habe mit ihrem Ergebnis einen "Erdrutschsieg" erzielt und das bislang stärkste Wahlergebnis der Partei in Sachsen-Anhalt erreicht. Lamely betonte, dass die Wähler die AfD nicht aus Protest unterstützt hätten, sondern weil sie von der Partei regiert werden wollten. "Wer das Ergebnis weiterhin als bloßen Denkzettel interpretiert, hat den Kontakt zu den Wählern endgültig verloren", schreibt der Politiker.Mit dem Wahlerfolg verbindet Lamely auch bundespolitische Auswirkungen. Das Ergebnis werde "Schockwellen durch die ganze Republik schicken, bis in die Parteizentralen der Altparteien nach Berlin". Mit Blick auf die Rückkehr des Bundestags aus der Sommerpause erklärte er: "Klar ist schon heute: Die Zukunft gehört der AfD."
Gebhard fordert ehrliche Ursachenforschung
Der aus dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg stammende Bundestagsabgeordnete Wilhelm Gebhard (CDU) äußerte sich ebenfalls noch am Wahlabend. Er sieht das starke Abschneiden von AfD und Linken mit Sorge. Es sei "ebenso schlimm, wie viele von uns empfinden", wenn beide Parteien gemeinsam deutlich mehr als die Hälfte der Stimmen erreichten. Statt die Wähler zu kritisieren, fordert Gebhard jedoch eine ehrliche Analyse der Ursachen. "Wir können das entweder beklagen oder uns davon anspornen lassen, es künftig besser zu machen", schrieb er auf Facebook.Notwendige Reformen seien über Jahre aufgeschoben worden, deren Folgen nun deutlich sichtbar würden. Für sich wirbt Gebhard für eine "bürgerlich-konservative Politik der Vernunft". Zugleich mahnt er, nicht auf diejenigen herabzublicken, die anders wählen. "Mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die uns in unseren Augen vermeintlich falsch wählen", dürfe nicht der richtige Weg sein. Die Wahl könne vielmehr eine Chance sein, politische Grundüberzeugungen neu zu stärken.
Krug sieht Bundespolitik als Ursache
Auf Nachfrage von O|N zeigt sich der Vize-Landrat des Vogelsbergkreises, Patrick Krug (SPD), wenig überrascht über das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die deutlichen Zugewinne der AfD sowie die Verluste der CDU führt er vor allem auf die Politik der Bundesregierung zurück. Die schwarz-rote Koalition laufe aus seiner Sicht "immer mehr am Leben und den Alltagsorgen der Menschen in Deutschland vorbei".Besonders kritisch bewertet Krug die politischen Debatten über die Rente und den Umgang mit Krankschreibungen. Statt Lösungen für hohe Energiekosten, steigende Lebenshaltungskosten und wirtschaftliche Unsicherheiten zu präsentieren, beschäftige sich die Politik mit Themen, die viele Bürger zusätzlich verunsicherten. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz wirft der SPD-Politiker vor, zu wenig Nähe zur Lebenswirklichkeit der Menschen zu zeigen. Mit Blick auf die eigene Partei sieht Krug ebenfalls Handlungsbedarf. Trotz leichter Zugewinne seien "gut neun Prozent bei einer Landtagswahl sicher kein Grund zu feiern". Die SPD müsse wieder klarer vermitteln, für wen sie Politik mache, und die Interessen der arbeitenden Bevölkerung stärker in den Mittelpunkt rücken.
Für die Zukunft fordert der Vize-Landrat eine SPD mit klarer Sprache und konkreten Antworten auf die alltäglichen Herausforderungen der Menschen. Nur eine Partei, die für bezahlbares Leben, sichere Arbeitsplätze und verlässliche staatliche Strukturen stehe, könne verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. "Ich bin davon überzeugt, dass eine solche SPD deutlich besser bei Wahlen abschneiden würde als heute", betont Krug.
Rohrbach warnt vor AfD-Aufschwung: "Das Ergebnis ist beängstigend"
"Das Ergebnis ist beängstigend, wenngleich es bereits seit Tagen erwartbar gewesen ist", sagt Thomas Rohrbach, Bürgermeister von Niederaula. Er rechnet auch in Hessen mit einem weiteren Erstarken der AfD und fordert eine zielgerichtetere Politik, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.Nach seiner Einschätzung hätten die etablierten Parteien in den vergangenen Jahren zunehmend an Zustimmung verloren. Ähnliche Entwicklungen seien auch in Osthessen zu beobachten. Rohrbach hofft deshalb, dass sich dieser Trend wieder umkehrt und die AfD wieder an Zustimmung verliert.
Die Ursachen für das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt sieht der Rathauschef vor allem in einer hohen Unzufriedenheit der Bevölkerung. Themen wie Migration, staatliche Ausgaben im Ausland und die Bundespolitik hätten die Entwicklung zusätzlich begünstigt. "Ich hoffe nicht, dass wir in Hessen eine ähnliche Konstellation erleben werden", erklärt Rohrbach. Die etablierten Parteien müssten nun "Gas geben und klare Politik machen", um wieder Vertrauen zu gewinnen.
Überrascht zeigt sich der Kommunalpolitiker vom Ausgang der Wahl nicht. Die Entwicklung sei "leider absehbar" gewesen. Mit Blick auf die kommenden Wahlen in Hessen nennt er Wirtschaft, Gesundheit und Energie als zentrale Themen. Zugleich ruft Rohrbach die Bürger dazu auf, sich stärker auf kommunaler Ebene und im Ehrenamt zu engagieren. Zudem wirbt er für mehr Dialog und eine positive Grundhaltung: Das Glas solle "halb voll und nicht halb leer" gesehen werden.