Bienen halten Temperaturen präzise

Dürresommer fordert die Völker: Wenn selbst die Bienen Wasser holen müssen

Ein Blick mitten ins Bienenvolk: Auf der dicht besetzten Wabe kümmern sich zahlreiche Arbeiterinnen
Fotos: Philipp Stock

07.09.2026 / REGION VB - Ausgetrocknete Wasserstellen, verdorrende Pflanzen und Temperaturen weit über 30 Grad – der Sommer 2026 fordert nicht nur Menschen, Landwirtschaft und Natur heraus. Auch tausende Bienen leisten in ihren Stöcken Schwerstarbeit. Während draußen die Tracht immer knapper wird, halten sie im Inneren des Bienenstocks ihre Brut bei konstanten 35 Grad – notfalls mit Wasser, intensivem Flügelschlag und einem ausgeklügelten Kühlsystem. Das zeigt, wie beeindruckend anpassungsfähig diese kleinen Bestäuber sind.



Auf den ersten Blick scheint im Bienenstock alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Tausende Arbeiterinnen bewegen sich über die Waben, Brut wird gepflegt, Nahrung eingelagert, Tiere verschwinden durch das Flugloch und kehren wenig später zurück. Doch hinter dieser scheinbaren Routine läuft an heißen Sommertagen eine enorme Gemeinschaftsleistung.

Denn ein Bienenvolk muss nicht nur Nahrung sammeln. Es muss sein Zuhause klimatisieren. Während draußen Wiesen und Felder unter anhaltender Trockenheit leiden, natürliche Wasserstellen verschwinden und Pflanzen weniger Nektar produzieren können, darf es im Inneren des Stocks nicht einfach immer heißer werden. Besonders der Brutbereich stellt hohe Anforderungen: Dort halten Honigbienen die Temperatur mit erstaunlicher Präzision bei ungefähr 35 Grad Celsius. Was für Menschen Klimaanlage, Ventilator und Wasserkühlung übernehmen, erledigen bei den Bienen tausende einzelne Tiere gemeinsam.

Wasser wird zur Klimaanlage

Bei hohen Außentemperaturen beginnen Arbeiterinnen verstärkt, Wasser einzutragen. Die kleinen Mengen werden im Stock verteilt. Andere Bienen erzeugen anschließend durch kräftiges Fächeln mit ihren Flügeln einen Luftstrom. Das Wasser verdunstet – und entzieht seiner Umgebung Wärme. Ein biologisches Kühlsystem, das seit Millionen Jahren funktioniert.

Das Bieneninstitut Kirchhain des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen hat gerade in diesem Sommer auf dieses faszinierende Verhalten aufmerksam gemacht. Steigende Temperaturen verändern demnach nicht nur das Flug- und Sammelverhalten der Honigbienen. Besonders dann, wenn gleichzeitig weniger wasserreicher Nektar in den Stock gelangt, gewinnt die gezielte Wasserversorgung zusätzlich an Bedeutung.

Damit bekommt eine unscheinbare Pfütze, eine feuchte Stelle am Bach oder eine geeignete Wasserquelle plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Denn Wasser benötigen Bienen nicht erst dann, wenn wir Menschen Durst verspüren würden. Es ist Bestandteil des gesamten biologischen Temperaturmanagements ihres Volkes.

Ein außergewöhnlich trockener Sommer

Wie angespannt die Situation in Teilen Hessens im Sommer 2026 zeitweise war, zeigen die Niederschlagswerte. Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen verwies unter Berufung auf den Deutschen Wetterdienst darauf, dass der Juli 2026 in Hessen außergewöhnlich trocken ausfiel. Im Raum Gießen wurden beispielsweise lediglich rund 7,1 Millimeter Niederschlag registriert – im Juli des Vorjahres waren es dort noch 87,6 Millimeter gewesen.

Auch im Vogelsberg waren die Folgen der langen Trockenperiode sichtbar. Der Vogelsbergkreis berichtete im August von zahlreichen natürlichen Wasserstellen, die infolge der Trockenheit ausgetrocknet waren. Gleichzeitig wurde das Nahrungsangebot in der Natur teilweise knapper. Was zunächst vor allem nach einem Problem für Wald, Wildtiere und Landwirtschaft klingt, reicht bis in die Welt der Insekten. Denn eine Pflanze, die selbst unter Trockenstress steht, produziert nicht unbegrenzt Nektar.

Wenn die Landschaft plötzlich weniger hergibt

Für ein Bienenvolk zählt nicht allein, wie viele Blüten in einer Landschaft sichtbar sind. Entscheidend ist, ob diese Blüten tatsächlich Nektar und Pollen liefern. Genau darin liegt einer der weniger sichtbaren Effekte langer Trockenperioden. Ein Feld kann noch blühen. Eine Wiese kann aus der Entfernung noch grün erscheinen. Doch die sogenannte Tracht – also das Angebot an Nektar, Pollen und anderen von Bienen nutzbaren Rohstoffen – kann trotzdem bereits deutlich zurückgehen.

Der Deutsche Imkerbund verwies in diesem Sommer darauf, dass starker Wassermangel die Nektarproduktion von Pflanzen beeinträchtigen kann. In besonders trockenen Regionen Europas seien Sommertrachten durch Hitze und Trockenheit bereits stark eingeschränkt worden oder teilweise ausgefallen. Deutschland profitierte zunächst von einem vergleichsweise niederschlagsreichen Frühjahr. Doch gerade darin liegt eine Besonderheit des Bienenjahres 2026: Ein guter Start bedeutet nicht automatisch einen guten gesamten Sommer. Zwischen üppiger Frühjahrsblüte und einem trockenen Hochsommer können nur wenige Wochen liegen.

Zwischen Honig und Überleben

Damit verändert sich auch der Blick auf den Honig. Was später im Glas auf dem Frühstückstisch landet, ist nur ein Teil dessen, was ein Bienenvolk im Laufe eines Jahres produziert und verbraucht. Der größte Teil seiner Arbeit dient nicht dem Menschen, sondern zunächst dem eigenen Überleben. Nektar liefert Energie. Pollen liefert wichtige Nährstoffe für die Aufzucht des Nachwuchses. Wasser dient unter anderem der Versorgung des Volkes und der Regulierung des Stockklimas.

Wenn mehrere dieser Ressourcen gleichzeitig knapper werden, müssen die Tiere ihre Arbeit entsprechend anpassen. Für Imker bedeutet ein solcher Sommer deshalb vor allem: beobachten. Nicht allein die Menge des Honigs entscheidet darüber, wie gut ein Volk durch das Jahr kommt. Entscheidend ist, was draußen noch wächst, blüht und tatsächlich Nahrung liefert – und was im Inneren des Stocks passiert.

Die vielleicht kleinste Klimaanlage des Vogelsbergs

Zwischen den Waben ist von den großen Diskussionen über Wetterrekorde, Landwirtschaft oder Klimaveränderungen nichts zu hören. Dort zählt nur die nächste Stunde. Eine Arbeiterin kehrt mit Wasser zurück. Eine andere schlägt am Flugloch beinahe unsichtbar ihre Flügel. Im Inneren werden Larven gepflegt. Neue Bienen schlüpfen. Andere verlassen erstmals den Stock.

Und während über dem Vogelsberg die Sonne auf Felder und Wiesen brennt, hält ein Volk aus vielen tausend Tieren seine Kinderstube weiter bei ungefähr 35 Grad. Ganz ohne Strom. Ganz ohne Technik. Nur mit Wasser, Flügelschlag – und einer Gemeinschaft, bei der jedes einzelne Tier seinen Teil beiträgt. (mis/pm) +++

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