Mit dem Klappstuhl durch die Weltliteratur

Über 300 Interessierte wandeln auf den Spuren des Simplicius Simplicissimus

Grimmelshausens starke Frauenfigur Courasche hat im Museumshof ihren großen Auftritt mit allerlei "Weibervolk" und Spielleuten.
Fotos: Stadt Gelnhausen

02.09.2026 / GELNHAUSEN - Weltliteratur muss nicht zwingend zwischen zwei Buchdeckeln stattfinden. Sie kann auch auf der Straße lebendig werden – wenn historische Schauplätze zur Bühne werden und Figuren für einen Moment aus den Seiten eines Buches treten. Das erlebten über 300 Teilnehmende der großen Klappstuhlführung in Gelnhausen. An sieben Stationen erweckten die Gästeführerinnen und Gästeführer Figuren wie Simplicissimus, Springinsfeld, Courasche und den Einsiedel zum Leben und ließen ihr Publikum in Grimmelshausens Welt eintauchen. Dabei begegneten sie den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ebenso wie skurrilen Ideen des großen Barockdichters.



Auf dem Obermarkt bot sich ein nicht alltäglicher Anblick: Hunderte Menschen mit Klappstühlen unterm Arm warteten auf den Startschuss, sich zu Gruppen zusammenschließen zu können. Simone Grünewald, Abteilungsleiterin Kultur, Tourismus und Medien, und Bürgermeister Christian Litzinger begrüßten die Gäste und stimmten sie auf die bevorstehende Zeitreise ins 17. Jahrhundert, den Dreißigjährigen Krieg und das abenteuerliche Leben des Simplicissimus ein.

Bürgermeister Christian Litzinger bat das Publikum dann, sich den sieben Gruppen mit den Namen "Feldwache", "Simplicissimus", "Waldschwestern", "Springinsfeld", "Einsiedel", "Courasche" und "Vogelnest" anzuschließen. Und dann hieß es: Klappstuhl schnappen und los. Die Sitzgelegenheiten hätten unterschiedlicher kaum sein können: Campingstühle, Hocker, klassische Holzklappstühle und manches Modell, das vermutlich noch nie zuvor als Theaterstuhl gedient hatte. Nach jeder Szene wurden die Stühle zusammengeklappt, unter den Arm geklemmt und mit zur nächsten Station genommen.

Am Obermarkt wartete in der Nähe des Brunnens zunächst das "Wundersame Vogelnest". Wer sich mithilfe eines Vogelnests unsichtbar machen kann, dem eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten – sollte man meinen. Blöd nur, wenn man zwar das wundersame Vogelnest auf dem Kopf hat, aber trotzdem nicht unsichtbar ist. Eine humorvolle Geschichte über große Pläne und kleine Schwindeleien verdeutlichte dem Publikum, wie wunderbar skurril Grimmelshausens Einfälle sind. Andrea Sandow und Daniel Glöckner begeisterten in dieser Szene mit schauspielerischem Talent.

Auf dem Museumshof ging es bei "Courasche und Spielleute" um eine der bekanntesten Frauenfiguren aus Grimmelshausens Werk. Grimmelshausen-Expertin Simone Grünewald schlüpfte erneut in ihre Paraderolle als selbstbewusste und wehrhafte Frau, die sich als Vagabundin im Dreißigjährigen Krieg durchschlägt. In der Taverne mit den Darstellerinnen Elisabeth Kleinfelder, Mia Bruske, Lotta Neubert und Tanja Bruske konnten vor allem die weiblichen Gäste von kernigen Sprüchen und guten Ratschlägen aus Frauenmund profitieren. Leckeren Wein gab es aber auch für den männlichen Teil des Publikums. Für Trinklieder sorgte "Minnesoda" mit Andreas Fuchs und Torsten Buchhold.

Auf Springinsfeld, den alten, versehrten Kameraden des Simplicissimus, trafen die Klappstuhl-Zeitreisenden am sogenannten Lapidarium an der ehemaligen Feuerwehr. Das bereits beendete Verhältnis zur Courasche hatte leider eine ungünstige Nebenwirkung: Die listige Vagabundin überließ Springinsfeld einen "Spiritus familiaris" zum Preis von einer Krone. Der Geist in der Flasche kann seinen Besitzer reich, beliebt und unbesiegbar machen. Die Sache hatte nur einen Haken: Wer den Geist nicht vor seinem Tod für weniger Geld weiterverkauft, als er selbst bezahlt hat, der fährt mit dem Geist in die Hölle hinab. Das Problem: Eine Krone ist in Grimmelshausens Geschichte bereits die kleinste Währungseinheit. Michael Huber, Andrea Berntal und Andrea Ungermann hauchten dieser Szene Leben ein. Zum Abschluss gab es leckeren Speckkuchen mit Nüssen nach historischem Rezept.

Weniger humorvoll ging es im "Gelichtereck" am Inneren Holztor zu: Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges in Gelnhausen lasten schwer auf zwei Bürgerinnen und einem Buben. Hunger, Not und Misstrauen beherrschen die Menschen. Besonders für Frauen ist das Leben in dieser Zeit voller Gefahren. Schnell konnte aus einer Anschuldigung der Verdacht auf Hexerei werden. Bei einer parallel spielenden Szene erwachten der Einsiedel und der junge Simplicissimus zum Leben. Birgit Kolf, Birgit Jachmann, Michael Heininger und die beiden Jungs Joshua und Jonas Jachmann erweckten die Figuren zum Leben. Anschließend stärkten sich die Zuschauerinnen und Zuschauer mit hochprozentigem Korn für die weiteren Stationen.

Auf zwei Witwen, die sich in den Unruhen des Dreißigjährigen Krieges durchs Leben schlagen müssen, traf das mobil bestuhlte Publikum am Grimmelshausen-Denkmal im Stadtgarten. Ausgrenzung und der Vorwurf der Hexerei lagen schnell über allem, was abseits der Norm stand. Und so traf man in den Wäldern manch seltsame Gestalten. Heike Siegmund und Kim Schneider schwangen in dieser Szene die (Hexen)-Besen.

Vor dem Halbmond im Stadtgarten wurde der Krieg dann intensiv erlebbar. Die "Feldwache Tilly", eine Geschichts- und Darstellergruppe, die schon mehrfach in Gelnhausen zu Gast war, versetzte das Publikum ins Jahr 1620. Unter Reichsgraf von Tilly sammelten sich die bayerischen Ligatruppen an der kleinen Donau in Dillingen. Ziel des Heeres war Prag. Feldwachen sicherten das große Heerlager, damit es nicht vom Feind überrannt werden konnte. Einen solchen Sicherungsposten erlebten die Zeitreisenden in Aktion. Verschiedene historische Waffen kamen zum Einsatz und sorgten für ordentlich Lärm – natürlich ohne echte Munition.

Ein Spektakel ganz anderer Art erwartete die Klappstuhl-Reisenden vor dem Steinborn: Dort begegneten sie dem erwachsenen Simplicissimus und einem sympathischen Wasserwesen. Beim Baden im Mummelsee traf der Simpel eine Sylphe, die ihn mit in ihr Unterwasserreich nahm und ihm so eine rasante Abkürzung bis zum Steinborn verschaffte. Mit einem besonderen Stein der Wassergeister konnte der junge Mann unter Wasser atmen. Sonja Funfack, Christopher Funfack und Monika Ungermann begeisterten nicht nur in ihren Rollen, sondern verschenkten zum Abschluss auch magische Steine der Sylphen an die Gäste.

Ute Kern, Christine Suchy, Sabine Johann, Dorothee Völker-Adam, Brigitte Schelberger, Sigrid Haas und Brigitte Noeske leiteten als Moderatorinnen ihre Gruppen sicher durchs Gelnhausen des 17. Jahrhunderts. Und so endete nach sieben Stationen die literarische Reise durch Grimmelshausens Welt schließlich wieder dort, wo sie begonnen hatte. Die Klappstühle wurden zusammengepackt, die Figuren des 17. Jahrhunderts verabschiedet – und die Besucherinnen und Besucher kehrten zurück ins Jahr 2026. Wo sie dem größten Dichter des Barock nun ein Stück näher sein dürften. (pg/pm) +++

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