Getreidepreise steigen wieder
Gute Ernte trotz Hitze: Hessens Bauern kämpfen weiter mit hohen Kosten
Archivfoto: O|N/Jonas Wenzel
27.08.2026 / REGION -
Hitze, Trockenheit und schwierige Märkte - und trotzdem fällt die Getreideernte in Hessen unterm Strich ordentlich aus. Beim diesjährigen Erntegespräch des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) und des Hessischen Statistischen Landesamts (HSL) am 25. August 2026 am Landwirtschaftszentrum (LWZ) Eichhof in Bad Hersfeld zogen Experten aus Statistik, Versuchswesen, Beratung und Praxis Bilanz. Im Mittelpunkt standen die Ergebnisse der Getreideernte sowie die Entwicklungen im Pflanzenbau.
Winter und Frühjahr verliefen insgesamt günstig, bevor Trockenheit und hohe Temperaturen die Bedingungen im weiteren Jahresverlauf erschwerten. Dennoch erzielten die hessischen Betriebe bei wichtigen Winterkulturen durchschnittliche bis gute Erträge. Die Sommerkulturen schnitten dagegen schwächer ab. Gleichzeitig bleiben die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Betriebe angespannt.
"Diese Ernte zeigt einmal mehr, wie stark unsere Betriebe von Witterung, Märkten und sich verändernden Rahmenbedingungen abhängig sind. Gute Erträge allein entscheiden noch nicht darüber, ob ein Jahr für einen landwirtschaftlichen Betrieb auch wirtschaftlich erfolgreich ist", erklärt Anna Kaiser, kommissarische Direktorin des LLH.
Wintergerste überzeugt, Sommerkulturen schwächer
Nach den vorläufigen Ergebnissen des HSL wurden 2026 in Hessen durchschnittlich 69,0 Dezitonnen Getreide je Hektar geerntet. Damit lag der Ertrag zwar etwas unter dem Vorjahreswert, aber über dem Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2025 von 66,8 Dezitonnen je Hektar.Insgesamt wurden nach vorläufigen Berechnungen in Hessen rund 1,83 Millionen Tonnen Getreide - ohne Körnermais - und rund 208.000 Tonnen Raps geerntet. Auch bei der Nutzung der hessischen Ackerflächen gibt es Veränderungen. Die Winterweizenfläche ging gegenüber dem Vorjahr um rund 6.100 Hektar auf 142.900 Hektar zurück. Dennoch wächst weiterhin auf mehr als 30 Prozent des hessischen Ackerlandes Winterweizen. Die Anbaufläche von Winterraps nahm dagegen um rund 3.400 Hektar auf 54.900 Hektar zu.
Trockenheit und Hitze beschleunigten die Ernte
Die guten Durchschnittswerte dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Erntejahr die Landwirtschaft erneut vor große Herausforderungen stellte. Nach zunächst guten Entwicklungsbedingungen beeinträchtigten Trockenheit und hohe Temperaturen die Kulturen in Hessen. Das Getreide reifte dadurch erheblich schneller ab. Damit verkürzte sich auch die für die Ertragsbildung entscheidende Kornfüllungsphase, in der die Getreidekörner an Gewicht zulegen. Die Ernte begann entsprechend früher als üblich.Die Ergebnisse unterstreichen damit auch die zunehmende Bedeutung robuster und an die jeweiligen Standortbedingungen angepasster Sorten. In den Landessortenversuchen (LSV) des LLH wird in den verschiedenen Regionen Hessens untersucht, welche Sorten mit den dortigen Boden- und Witterungsbedingungen, Krankheiten und weiteren Standortvoraussetzungen besonders gut zurechtkommen. Im Rahmen des Erntegesprächs wurden die aktuellen Ergebnisse der LSV sowie die Entwicklungen bei der Saatgutproduktion, Saatgutanerkennung und Saatgutversorgung für die Herbstaussaat 2026 vorgestellt.
Getreidemarkt: Kleinere Ernten lassen Preise steigen
Neben der Menge und Qualität der Ernte entscheidet auch die Entwicklung der Agrarmärkte darüber, ob das Erntejahr auf den landwirtschaftlichen Betrieben erfolgreich abgeschlossen wird. Dr. Nikos Förster von der LLH-Fachinformation Ökonomie und Markt verwies beim Erntegespräch auf eine derzeit von großen Unsicherheiten geprägte Marktlage.Zuletzt konnten die Getreidepreise je nach Kultur um 10 bis 20 Euro je Tonne zulegen. Entscheidend für die aktuelle Marktentwicklung sind die Ernteerwartungen in wichtigen Anbauregionen, geopolitische Konflikte und die Situation im Schwarzmeerraum. Hinzu kommen niedrige Wasserstände auf Rhein und Donau, die Transporte erschweren und die Logistikkosten zusätzlich erhöhen.
Wenn guter Backweizen am Proteingehalt scheitert
Dass die Anforderungen an landwirtschaftliche Produkte nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine ökologische Dimension haben, zeigte Dr. Ludger Linnemann vom Maschinenring Wetterau am Beispiel des Backweizens. Für dessen Vermarktung spielt bislang der Proteingehalt eine wichtige Rolle. Erreicht eine Weizenpartie bestimmte Werte nicht, kann dies für die landwirtschaftlichen Betriebe Preisabschläge bedeuten.Untersuchungen und Backversuche zeigen jedoch, dass ein höherer Proteingehalt nicht zwangsläufig mit einem höheren Backvolumen und damit einer besseren Backeignung verbunden ist.
Erntedaten schaffen verlässliche Grundlagen
Die Erhebung der Erträge und Qualitäten schafft eine verlässliche Datengrundlage, um die aktuelle Ernte einzuordnen und Entwicklungen über mehrere Jahre zu erkennen. Die Ergebnisse fließen in die amtliche Statistik ein und werden zugleich für Beratung, Forschung und politische Entscheidungen genutzt.Auf dieser Grundlage lässt sich beurteilen, wie sich Witterung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen auf Erträge und die Versorgung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen auswirken. Zusammen mit den Ergebnissen aus dem landwirtschaftlichen Versuchswesen liefern die Daten wichtige Grundlagen, um den Pflanzenbau an veränderte Bedingungen anzupassen und langfristig zur Sicherung der Nahrungsmittelproduktion beizutragen. (pm/Constantin von Butler) +++