Neugier trifft auf Geschichte

Eine offene Tür ins jüdische Leben

Roman Melamed bläst das Schofar – das traditionell an den hohen Feiertagen Rosch Ha Schana (Jüdisches Neujahrsfest) und Jom Kippur (Versöhnungstag) geblasen wird
Fotos: Jutta Hamberger

24.08.2026 / FULDA - Fast 15 Jahre ist es her, dass die Jüdische Gemeinde Fulda zuletzt zu einem Tag der offenen Tür eingeladen hatte. Umso größer war das Interesse an diesem Sonntag. Die Veranstaltung war Teil der Jüdischen Kulturtage 2026, die von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ Fulda gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde veranstaltet werden. Die Besucherinnen und Besucher kamen, um mehr über jüdische Geschichte zu erfahren – vor allem aber über jüdisches Leben heute. Für viele war es ein "first" – ihr erster Besuch in der Jüdischen Gemeinde.



Das kleine Museum im Erdgeschoss des Gemeindezentrums erzählt die wechselvolle Geschichte der Jüdischen Gemeinde Fuldas. Fotos, Kult- und Erinnerungsgegenstände machen aus historischen Daten die Geschichten von Menschen. Das Museum erinnert an Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, die während der NS-Zeit verfolgt, vertrieben und ermordet wurden oder denen die Auswanderung gelang. Großen Namen der Fuldaer jüdischen Geschichte begegnet man hier: der Rabbinerfamilie Cahn, der Lehrerfamilie Sonn oder Unternehmern wie Wertheim und Stern.

Daneben sieht man Gegenstände, die zum religiösen Leben gehören: Tallit, Gebetsriemen, Schofar oder Sederteller. Manchmal sind es gerade die kleinen Dinge, die neugierig machen. Etwa die Mesusot, die aus Holz, Metall oder Keramik gefertigt sein können. Eine Mesusa ist eine Schriftkapsel am Türpfosten. Sie findet sich am Eingang einer Synagoge und häufig auch an jüdischen Privathäusern. In ihr befinden sich zwei Textstellen aus der Tora, darunter das jüdische Glaubensbekenntnis "Schma Jisrael" sowie eine Passage über Gottes Gebote und den Bund.

Die zarten Anfänge

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten nur noch wenige Juden in Fulda, die meisten von ihnen Überlebende des Holocaust. In den 1980er Jahren übereignete der damalige Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Hamberger der Jüdischen Gemeinde das ehemalige Jüdische Schulhaus. Ein jüdisches Gemeindezentrum entstand – und damit wieder ein sichtbarer Ort jüdischen Lebens in Fulda.

1987 kamen Überlebende und Nachfahren der früheren Jüdischen Gemeinde aus den USA, Israel, Brasilien und Skandinavien nach Fulda. Es waren bewegende Tage der Begegnung mit einer Stadt, die für die Überlebenden einst Heimat gewesen war und für ihre Nachfahren Teil einer oft schmerzlichen Familiengeschichte. Fotos und Berichte in einem Heft zur Stadtgeschichte halten diese Begegnungen fest.

1995 wurde die Gemeinde Mitglied im Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen und wählte erstmals wieder einen Vorstand. Durch den Zuzug sogenannter Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion war die Gemeinde gewachsen. Dem ersten Vorstand gehörten auch Bella Gusman – die bis heute Vorstandsmitglied ist – und Linde Weiland an. Weiland sind das Museum und die Anfänge der Bibliothek zu verdanken, in der Werke jüdischer Schriftsteller ebenso zu finden sind wie Sach- und Fachbücher über das Judentum – auf Deutsch, Russisch, Englisch und Hebräisch.

Wie viel der Neubeginn für die Menschen bedeutete, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Fulda kamen, wird deutlich, wenn Bella Gusman davon erzählt. "Die russischen und ukrainischen Juden wussten nichts von Jüdischkeit", sagt sie. "Denn wir hatten das nur im Geheimen leben können. Für uns war es überwältigend, das hier dann leben zu können."

Jüdisch zu sein – und jüdisches Leben öffentlich leben zu dürfen – musste für viele deshalb erst neu entdeckt und gelernt werden: Schabbat-Gottesdienste und Gebete, koschere Küche und jüdische Traditionen.

Dass dieses Leben längst eine nächste Generation erreicht hat, zeigte eine kleine Kunstausstellung. Zu sehen waren Bilder von Vadym Kolthun, der bereits in Fulda und Frankfurt ausgestellt hat, und von Alina Sardii, die in der Gemeinde den Kunstunterricht für Kinder übernimmt. An einer Wand hingen Lebensbäume, gemalt von den kleinen Künstlerinnen und Künstlern. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gemeinde lagen an diesem Tag manchmal nur wenige Schritte voneinander entfernt.

Tallit, Zizit und der Klang des Schofar

Dann ging es hinauf in den ersten Stock und in die Synagoge. Roman Melamed zeigte den Tallit, den jüdischen Gebetsschal, und erklärte die Bedeutung seiner auffälligen Fransen, der Zizit. Sie befinden sich an den vier Ecken des Tallit und erinnern an die 613 Gebote und Verbote der Tora.

Und dann wurde es für einen Moment ganz still: Roman Melamed blies das Schofar. Viele der Besucherinnen und Besucher dürften den eindringlichen Klang des Widderhorns zum ersten Mal gehört haben. In der Fuldaer Synagoge wird das Schofar im Aron Ha-Kodesch, dem Heiligen Schrein, direkt neben den Tora-Rollen verwahrt. Der Tora-Schrein befindet sich an der Ostseite der Synagoge, ein kostbar bestickter Vorhang, der Parochet, verbirgt die Rollen. Auf dem Schrein stehen in Kurzform die Zehn Gebote: rechts jene, die das Verhältnis des Menschen zu Gott betreffen, links jene, die das Verhältnis zu anderen Menschen regeln. Eine bemerkenswerte Zuordnung gibt es beim Gebot "Du sollst deine Eltern ehren": Das Judentum zählt es zu den Gottes-Geboten – denn die Eltern sind es, durch die einem Menschen Religion zunächst vermittelt wird.

Und immer wieder kamen Fragen aus dem Kreis der Besucherinnen und Besucher. Wie unterscheidet sich der jüdische vom christlichen Kalender? Bekommen Juden an ihren Feiertagen eigentlich frei? Welche unterschiedlichen Formen der Kippa gibt es? Und wann ist man überhaupt Jude? Es waren oft praktische und manchmal sehr grundsätzliche Fragen – und sie zeigten vor allem eines: Die Gäste wollten nicht nur etwas über das Judentum erfahren, sondern jüdisches Leben besser verstehen.

Wolfgang Hengstler erklärte anschließend, wie ein Schabbat-Gottesdienst abläuft. Gefeiert wird am Freitagabend das Kabbalat Schabbat und das Morgengebet am Samstagmorgen; es schließt sich jeweils ein gemeinsames Mahl an. Dazu gehören das rituelle Händewaschen und natürlich der Kiddusch, der Segen über Wein und Brot. Für einen Gottesdienst ist im traditionellen Judentum ein Minjan erforderlich, ein Quorum von zehn religionsmündigen jüdischen Männern. Religionsmündig werden Jungen mit der Bar Mitzwa, Mädchen mit der Bat Mitzwa. Hier zeigt sich zugleich einer der Unterschiede zwischen den verschiedenen Strömungen des Judentums: Im Reformjudentum zählen Frauen und Männer gleichermaßen zum Minjan, und auch in der Synagoge sitzen sie nicht getrennt voneinander.

Jüdisches Leben schmecken

Nach all den Geschichten, Erklärungen und Eindrücken endete der Tag dort, wo Gemeinschaft besonders unmittelbar wird: beim gemeinsamen Essen. Inessa Benea und Waleriy Maschinez hatten typische Speisen aus der jüdischen Küche vorbereitet. Es gab Hummus, gefilten Fisch und Strudel mit Mohn.

So konnte man an diesem Tag vieles mitnehmen: Wissen über die Geschichte der Fuldaer Juden, Einblicke in Religion und Tradition, den ungewohnten Klang eines Schofars und den Geschmack der jüdischen Küche. Vor allem aber entstanden Begegnungen: zwischen Juden und Christen, zwischen Menschen, die in Fulda geboren wurden, und solchen, die aus der Ukraine oder Russland hierherkamen, zwischen Erinnerungen an gestern und dem Leben heute. Genau darum ging es an diesem Tag. Nicht nur darum, jüdische Geschichte zu bewahren und zu erzählen, sondern jüdische Gegenwart sichtbar zu machen. Die Türen der Gemeinde standen offen – und dahinter war jüdisches Leben. (Jutta Hamberger) +++

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