"Bunt, sichtbar und selbstbewusst"

CSD in der Innenstadt zeigt: Queeres Leben muss sich nicht verstecken

Der CSD in Bad Hersfeld setzte ein klares zeichen gegen Hass und für Gleichbereichtigung.
Fotos: Marvin Myketin

23.08.2026 / BAD HERSFELD - Bad Hersfeld befindet sich zwischen Kundgebung, Festzug und leisem Zweifeln: Die queere Community zeigte am Samstag in der Bad Hersfelder Innenstadt Flagge für Vielfalt und Akzeptanz.



Bunt ist es am Lullusbrunnen. Sehr bunt. Manchmal beinahe schrill. Regenbogenfahnen flattern im Wind, Menschen tragen auffällige Outfits, lachen, umarmen sich. Musik liegt in der Luft. Der Platz ist an diesem Samstag Treffpunkt, Bühne und politischer Raum zugleich. Beim Christopher Street Day in Bad Hersfeld geht es um Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und um eine einfache, aber längst nicht selbstverständliche Botschaft: Wir sind da. Wir gehören dazu.

Knapp 300 Menschen haben sich zur Kundgebung und zum anschließenden Festzug versammelt. Menschen aus der queeren Community, Freunde, Unterstützerinnen und Unterstützer, Familien und Neugierige. Gemeinsam ziehen sie durch die Stadt und machen deutlich, dass queeres Leben nicht irgendwo am Rand stattfindet. Es ist längst mitten in der Gesellschaft angekommen.

Dafür gibt es an diesem Tag viel Zustimmung von außen. Menschen bleiben am Straßenrand stehen, winken, beobachten interessiert den Zug oder schließen sich spontan der guten Stimmung an. Die bunten Bilder sind dabei weit mehr als ein fröhliches Sommerspektakel. Sie sind ein sichtbares Bekenntnis zu einer Stadtgesellschaft, in der Unterschiedlichkeit ihren Platz haben soll.

"Respekt, Toleranz, Freiheit"

Auch Bürgermeisterin Anke Hofmann stellt sich klar hinter die Botschaft des CSD. "Respekt, Toleranz, Freiheit. Bad Hersfeld ist eine Stadt, in der jeder leben und lieben darf, wie er möchte, ein Ort für alle Menschen", sagt sie. Mit dem CSD setzt die Community ein Zeichen. "Niemand sollte sich in unserer Stadt verstecken müssen."

Es ist ein Satz, der an diesem Tag immer wieder mitschwingt. Denn zwischen Regenbogenfahnen und fröhlicher Festivalstimmung ist auch etwas anderes spürbar: Vorsicht, Wachsamkeit und Angst. Nach den Vorkommnissen bei CSD-Veranstaltungen in anderen Städten ist die Frage nach der Sicherheit längst Teil solcher Veranstaltungen geworden. Auch in Bad Hersfeld. Gerade hier, in der vermeintlich beschaulichen Provinz, wo jeder jeden kennt. Oder zumindest glaubt, jeden zu kennen.

Die Polizei ist präsent und begleitet die Veranstaltung. Ihre Anwesenheit fällt auf, bleibt aber zugleich wohltuend im Hintergrund. Der CSD selbst verläuft friedlich. Am Rand sind allerdings auch skeptische Blicke zu beobachten, Kopfschütteln und verbale Äußerungen, die man nicht wiederholen möchte. Von Akzeptanz oder Verständnis ist dabei mitunter wenig zu spüren.

Warum eigentlich? Die Frage stellt sich zwangsläufig.

Queere Sichtbarkeit polarisiert, daran besteht kein Zweifel. Doch der gesellschaftliche Argwohn, die Ablehnung und die mitunter offen gezeigte Feindseligkeit stehen in keinem Verhältnis zu dem, was Menschen einfordern: das Recht, so zu leben, wie sie sind.

Festspielglanz und Graue Norm

Bad Hersfeld verbindet man mit der Stiftsruine, den Festspielen, Fachwerk und einer tief verwurzelten Bodenständigkeit. Im Sommer glänzt die Stadt kulturell weit über die Region hinaus. Doch hinter dieser idyllischen Kulisse existiert eine andere Realität. Für queere Menschen bedeutet das Leben in der Provinz häufig ein ständiges Navigieren zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung. "Was bedeutet es eigentlich, permanent den Blick der anderen auf sich zu spüren?", lautet eine Frage. Die Antwort kommt ruhig, aber bestimmt: "Es ist eine tägliche Kraftanstrengung. Schon unsere reine Existenz wird oft als Provokation wahrgenommen, einfach nur, weil wir uns weigern, den vorgefertigten gesellschaftlichen Skripten zu folgen."

Dabei geht es längst nicht nur um die Frage, ob zwei Menschen Händchen halten können, ohne angestarrt zu werden. Für viele queere Menschen beginnt die Herausforderung schon beim eigenen Erscheinungsbild, bei Kleidung, Sprache oder der Frage, welchem Geschlecht andere sie zuordnen. "Wir existieren eben nicht nur als Paare, sondern als Individuen, die ihren ganz eigenen Ausdruck suchen", sagt eine Teilnehmerin.

Wenn Sprache zum Politikum wird

Besonders emotional werden Debatten über Sprache geführt. Gendersternchen, Doppelpunkt oder andere Formen geschlechtergerechter Sprache können Diskussionen auslösen, die weit über Grammatik hinausgehen. Viele beobachten diese Entwicklung mit Sorge. Es sei erstaunlich, wie sehr Sprache die Gemüter erhitze. Manchmal wirke es, als würden durch ein paar Zeichen gleich ganze Identitäten infrage gestellt.

Ähnlich kontrovers wird über Räume diskutiert. Etwa über Toiletten in Schulen, Restaurants oder öffentlichen Gebäuden. Für die Betroffenen ist die Forderung nach nicht-binären Möglichkeiten keine ideologische Spielerei. "Es geht nicht um Ideologie", sagt die lokale Community. "Es geht um alltägliche Orte, an denen man sich sicher und zugehörig fühlen möchte, ohne gezwungen zu sein, sich in ein binäres Schema zu pressen, das sich für einen selbst falsch anfühlt."

Zwischen Vorsicht und Selbstbehauptung

Der CSD ist deshalb mehr als ein buntes Straßenfest. Er ist ein sichtbares Zeichen gegen Unsichtbarkeit. Viele queere Menschen erzählen von einer ständigen Wachsamkeit. Man schaut sich um. Man wägt ab. Man überlegt, wie viel von der eigenen Persönlichkeit man öffentlich zeigen kann und welche Reaktionen darauf folgen könnten. Oder wie Jasmin und Li vom Organisationsteam formulierten: "Wir existieren nicht nur in Berlin, Hamburg oder Köln. Wir sind auch hier. In Bad Hersfeld. Im Westerwald. In kleinen Städten. In Dörfern. Im Fußballverein. Im Lehrerzimmer. Im Gemeinderat."

Auch Pfarrer Frank Nico Jaeger findet dafür klare Worte. Sein Beitrag bei der Kundgebung ist bewegend, zugleich frei von großen Gesten. "Liebe braucht Community", sagt er. Gerade in einer Zeit, in der Menschen bedroht würden, weil sie sichtbar seien, weil sie liebten und weil sie so seien, wie sie sind, müsse die Gesellschaft zusammenstehen.

Seine Botschaft richtet sich dabei nicht gegen Menschen mit einem anderen Glauben oder einer anderen Herkunft. Der Gegner, sagt Jaeger, sei nicht der Mensch, sondern jede Ideologie des Hasses, jede Menschenfeindlichkeit und jeder Extremismus. Queere Menschen und ihre Unterstützer dürften sich nicht gegeneinander ausspielen lassen.

"Niemand bleibt allein, wenn er angegriffen wird. Niemand bleibt allein mit seiner Angst", lautet die Essenz seines Appells. "Alle zählen. Punkt." - vielleicht einer der stärksten Momente der Kundgebung.

Kein Rückzug ins Versteck

Trotz allem wollen sich die Menschen nicht wieder unsichtbar machen. "Wir sind laut, unbequem, queer und selbstbewusst", sagt Line Bratenstein. Line selbst wurde zuletzt massiv bedroht. Ihr war deshalb tatsächlich geraten worden, am CSD in Bad Hersfeld nicht teilzunehmen. Sie kam trotzdem. "Angst darf niemals stärker sein als die Freiheit, sichtbar zu sein", lautet ihre Botschaft.

Viele verstehen ihre Präsenz deshalb nicht als Provokation, sondern als Selbstbehauptung. Die Provinz soll kein Ort sein, den queere Menschen verlassen müssen, um frei leben zu können. "Ich blühe auf", sagt einer. "Nicht trotz der Widerstände, sondern gerade deshalb. Weil ich mir den Platz, der mir zusteht, einfach nehme." Darin steckt viel von dem, was der CSD in Bad Hersfeld an diesem Samstag ausstrahlt. Es geht um Lebensfreude, Farbe und Musik. Aber eben auch um eine politische Botschaft.

Ich wünsche mir eine Welt, in der jeder frei sein kann

Eine Aussage einer jungen Schülerin bleibt besonders hängen: "Ich wünsche mir eine Welt, in der jeder in Freiheit so sein kann, wie er ist." Vielleicht lässt sich mit Idies Statement die Sehnsucht vieler Teilnehmer am besten beschreiben. Es geht nicht darum, anders sein zu müssen. Es geht darum, anders sein zu dürfen.

Der Festzug zieht durch die Straßen. Menschen schauen aus Fenstern, bleiben stehen, winken. Einige gehen weiter, andere reagieren skeptisch. Doch auffällig ist an diesem Samstag auch die Zustimmung. Freundliche Gesten, Applaus, neugierige Blicke und Menschen, die den bunten Zug sichtbar willkommen heißen. Der CSD macht sie alle zu Beobachtern eines gesellschaftlichen Wandels, der längst stattfindet.

Am Ende ist die Botschaft erstaunlich schlicht: Wir sind hier. Wir sind Teil dieser Stadt. Wir sind Teil dieser Region.

Der CSD verlangt dabei nichts Unmögliches. Keine Sonderrechte, keine Privilegien. Es geht um Sichtbarkeit, Respekt, Sicherheit und die Möglichkeit, das eigene Leben nicht ständig erklären oder rechtfertigen zu müssen.

Genau das ist die stärkste Aussage dieses Tages: Dass Menschen auf die Straße gehen, obwohl sie wissen, dass ihnen nicht überall Zustimmung entgegenschlägt. Sie gehen trotzdem. Bunt, laut, selbstbewusst und manchmal schrill. Denn Vielfalt muss nicht jedem gefallen. Aber sie verdient Respekt. (Jürgen Böthig) +++

X