Unser Handeln ist das, was bleibt

In der Trauer von der Liebe der Gemeinschaft getragen sein

Wie fängt man Trauernde in der Gemeinschaft auf? Was kann Glaube bewirken? Darüber hat Imam Ijaz Ahmed Janjua mit OSTHESSEN|NEWS gesprochen.
Fotos: Maurice Schumacher

01.09.2026 / FULDA - "Das Leben ist eine Vorbereitung auf das, was nach dem Tod kommt. Wenn wir gut leben, Gutes tun, uns um die Menschen kümmern, dann ist das gut für uns. Denn unser Handeln ist das, was von uns bleibt – in dieser Welt und nach unserem Tod." (Imam Ijaz Ahmed Janjua, Ahmadiyya Muslim Jamaat in Fulda)



Im März 2026 ging mit dem Trauerportal ein neues Angebot von OSTHESSEN|NEWS online, das sich explizit an Hinterbliebene richtet. Gedenkseiten gestalten, digitale Kerzen anzünden, ein paar Gedanken dalassen – kann das Menschen in Trauer helfen, ihre Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten? Wir haben mit Imam Ijaz Ahmed Janjua, Volker Qasir und Sajeel Ahmed von der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Fulda über Trauerarbeit und Trauerbegleitung gesprochen.

Wie nehmen Sie den Tod wahr, welche Bedeutung hat der Tod in Ihrem Glauben?
Ijaz Ahmed Janjua: Der Tod spielt immer eine große Rolle. Im Koran wird immer wieder darauf hingewiesen, dass man sich auf den Tod vorbereiten sollte. Wir verstehen das Leben als eine Prüfung, wir bereiten uns vor dem Tod auf das Leben danach vor. Wie das im Alltag aussieht, kann man mit zwei Handlungsanweisungen zusammenfassen: die Rechte Gottes erfüllen, das ist das Gebet. Und die Rechte der Menschen erfüllen, das heißt, gut miteinander umgehen. Diese beiden Grundsätze sind immer dabei, Tag für Tag. Wir gehen also täglich ins Gebet mit dem Hintergedanken 'Ich bereite mich vor'. Natürlich versuche ich, mich jeden Tag zu bessern. Denn ich weiß, eines Tages werde ich sterben.

Was passiert ganz konkret, wenn ein Gemeindemitglied verstirbt? Wie unterstützt die Gemeinde die Trauernden?
Ijaz Ahmed Janjua: Der Todesfall wird von der Familie an die Gemeinde gemeldet. Dann melden wir uns bei dem Bestatter und organisieren alles. Wir arbeiten mit einem Bestatter zusammen, der sich auf muslimische Beisetzungen spezialisiert hat. Wir organisieren die Abholung des Verstorbenen, nehmen die Last der Organisation von den Angehörigen. Dann fahren die Familienmitglieder zum Bestatter, um dem Verstorbenen die letzten Dienste zu erweisen. Die Angehörigen waschen den Verstorbenen und wickeln ihn in weiße Tücher ein. Aber sie müssen das nicht alleine machen, da kann jemand mitkommen. Der Bestatter bringt den Leichnam dann zur Beisetzung zum Friedhof. In Fulda haben wir einen eigenen islamischen Bereich auf dem Westfriedhof. Wir sind in der glücklichen Lage, eine aktive Gemeinde zu haben, und wir haben sogar einen islamischen Wohlfahrtsverband in unserer Gemeinde. Nur deshalb ist es möglich, sich so umeinander zu kümmern.

Menschen können in Trauer versinken, Trauer kann lähmen – wie fängt die Gemeinde die Trauernden auf?
Ijaz Ahmed Janjua: Gut zu den Menschen sein heißt, dass wir auch in schwierigen Zeiten füreinander da sind. Die Trauerfamilie wird besucht, die Gemeinde, Freunde, Nachbarn, alle kommen zu Besuch und sorgen dafür, dass ein trauernder Mensch nicht alleine ist. Das wird in der Gemeinde abgesprochen, damit nicht alle gleichzeitig bei der Trauerfamilie sind. Das wäre zu viel und würde zusätzlich belasten. Außerdem sorgen die Gemeindemitglieder für die Trauernden, übernehmen alltägliche Aufgaben, damit die Trauernden sich darum nicht sorgen müssen. Wir sprechen uns beispielsweise in der Gemeinde ab, wer wann für wie viele Personen Mahlzeiten vorbeibringt. Das koordinieren die Gemeindevorsitzenden für die ersten drei Tage der Trauerzeit. Die Begleitung geht über Wochen, wir kennen da eigentlich kein Ende. Als Kind habe ich das nicht so richtig verstanden – die trauern, die wollen alleine sein, warum muss man die dann auch noch besuchen? Stört man da nicht? Heute wissen wir, dass Menschen in Trauer ganz schnell in eine Depression rutschen, wenn sie alleine sind. Diese Besuche sind wichtig.

Wie sieht der gesellschaftliche Umgang mit Trauer aus? Sprechen Menschen über ihre Gefühle und trauern offen?
Ijaz Ahmed Janjua: Im Islam wird gesagt, dass man in guten Zeiten dabei sein sollte, aber auch in schwierigen Zeiten. Wenn jemand stirbt, sagen wir als Erstes: "Von Gott sind wir gekommen, und zu Gott kehren wir auch wieder zurück." Das heißt: Es geht weiter. Niemand wird alleine gelassen. Es ist wichtig, dass Menschen trauern dürfen und ihre Trauer auch zeigen. Gefühle darf man äußern, das ist menschlich. Aber man sollte sich nicht darin verlieren. Wir versuchen, die Mitte zu halten. Bei meiner Fortbildung als Seelsorger bei den Maltesern habe ich gesehen, dass es, unabhängig von Kultur und Religion, in Trauerfällen wichtig ist, dass jemand da ist. Man muss nicht sprechen oder etwas tun. Es reicht, wenn ein Mensch da ist, wenn man nicht alleine ist. Trotzdem ist es natürlich psychologisch so: Je mehr man darüber spricht, desto einfacher wird es. Deshalb suche ich schon das Gespräch mit den Trauernden, und natürlich geht es da nicht um Smalltalk. Das darf auch sein, klar, aber der Fokus liegt auf der verstorbenen Person.

Sajeel Ahmed: Die Gespräche sind nach vorne gerichtet. Wichtig ist, dass die Menschen verstehen: Es ist nicht vorbei. Es geht weiter. Wir können weiterhin für diese Person beten. Wir begleiten die Trauernden spirituell, psychologisch und auch ganz pragmatisch bei organisatorischen Fragen, und das auch lange nach der Beisetzung noch. Eben so lange, wie es nötig ist.

Wie werden Trauernachrichten in der Gemeinde weitergegeben?
Ijaz Ahmed Janjua: Das ist ganz einfach – WhatsApp. Wir haben für das Gemeindeleben verschiedene WhatsApp-Gruppen, und da werden wichtige Nachrichten verbreitet. Wir geben die Handynummer und die Adresse bekannt, denn da sollte jeder nochmal hingehen und ihr Beileid bekunden.

Sajeel Ahmed: Es geht dabei um die Organisation. Der Gemeindevorstand koordiniert in den Gruppen, wer wann bei den Angehörigen vorbeigeht, um das Beileid zu bekunden. Es sollen ja nicht alle gleichzeitig da zusammenkommen, das wäre zu viel Chaos. Und wir sprechen das auch mit der Trauerfamilie ab.

Ijaz Ahmed Janjua: Nicht jede Familie kann oder will alle zu Hause empfangen. Wir können auch besprechen, wann die Familie in der Moschee ist. Hier ist mehr Platz, das ist manchmal einfacher. WhatsApp ist einfach die praktischste Lösung. Man kann auch telefonieren, das ist persönlicher – aber dann gibt es immer jemanden, den man doch nicht erreicht.

Volker Qasir: Beim Freitagsgebet wird auch gesagt, wenn jemand verstorben ist. Wir bitten dann, für die Person zu beten.

Das heißt, den Widerspruch zwischen der Anonymität des Internets und den ganz persönlichen Ereignissen kennen Sie nicht?
Ijaz Ahmed Janjua: Nein, das arbeitet einfach zusammen. Wenn jemand in der Gemeinde das nicht möchte, sagen die Leute das, denke ich.

Sajeel Ahmed: Das ist doch nur gut für die Leute. Wenn man weiß, dass jemand gestorben ist, kann man für die Person beten. Je mehr Leute beten, desto besser ist das doch für die Person. Es hat noch niemand bisher gesagt, dass er nicht besucht werden möchte. Das Mitgefühl in der Gemeinde ist groß. Da spürt man ganz viel Liebe. Das tut gut.

Die Gedenkseiten des OSTHESSEN|NEWS Trauerportals sind weltweit aufrufbar. Menschen können hier unter den Trauernachrichten eine Kerze anzünden und ein paar nette Worte hinterlassen – auch das kann Trauerarbeit sein.
Ijaz Ahmed Janjua: Ja, das ist eine schöne Idee.

Volker Qasir: Ich sehe insbesondere bei jungen Menschen, dass sie keine Printmedien mehr lesen, sondern sich online informieren. Digitale Gedenkseiten werden auf jeden Fall eher wahrgenommen.

Vielen Dank für das vertrauensvolle Gespräch! Das digitale Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS ist erreichbar unter trauer.osthessen-news.de. (mbw) +++

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