Konzert Colluvio in Fasanerie

Fließt zusammen und macht gemeinsam Musik - Bilder

Header: Jan Coretti Kuret, Polina Cibotari, Syungyun Cho, Arseny Mikheev und Maria Isaeva eröffnen das Konzert der Colluvio Chamber Music Academy in Schloss Fasanerie
Fotos: Marvin Myketin und Jutta Hamberger

14.08.2026 / EICHENZELL - Die Pianale endete erst vor wenigen Tagen mit dem Finale im großen Saal von Schloss Fasanerie, aber – so versicherte Museumsdirektor Dr. Markus Milner – man könne gar nicht oft genug hierherkommen, um großartige Musik zu hören. Recht hat er. Das wunderbare Ensemble Colluvio war ein Ereignis.


Beständiges Crescendo: Ensemble und Methode

Colluvio ist kein Ensemble wie andere. Neun bis zwölf junge Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt treffen sich für zehn Tage auf Gut Hornegg in der Steiermark und erarbeiten gemeinsam ein Konzertprogramm, mit dem sie anschließend auf Tournee gehen. Vorher kennen sie sich nicht. Nach 10 Tagen sollen sie als Ensemble funktionieren. Meinhard Holler, der den Meisterkurs leitet, erklärte nach der Pause die Idee hinter Colluvio: "Wir verstehen uns als Intensivwerkstatt für Kammermusik und fördern die Begegnung von Menschen aus aller Welt. Wir leben und vermitteln als musikalische Botschafter die Werte Europas."

Das Besondere ist die Methode. Während des Meisterkurses findet alle zwei Tage ein Konzert statt. Nicht irgendeines, sondern immer wieder jenes Programm, mit dem Colluvio anschließend durch Europa tourt. Das erste Konzert spielen die jungen Musiker bereits am zweiten Tag, danach an allen geraden Tagen – und auf der Tournee geht dieser Rhythmus so weiter. Jedes Konzert wird damit Teil des Probenprozesses. Das Ensemble wächst vor dem Publikum. Holler sprach von einem beständigen Crescendo: Mit jedem Konzert steige die Qualität, entwickle sich das Zusammenspiel weiter.

Fulda war die vierte Station nach Gut Hornegg, Ljubljana und Feldafing. Es folgen noch Wolkramshausen, Wien, Bratislava und schließlich das Abschlusskonzert in Belgrad. Wer Colluvio in Fulda hörte, erlebte also keinen abgeschlossenen Zustand, sondern einen Moment in einem musikalischen Entwicklungsprozess.

Antonín Dvořáks Klavierquintett

Eröffnet wurde das Konzert mit dem selten gespielten Klavierquintett Nr. 1 A-Dur op. 5 von Antonín Dvořák aus dem Jahr 1872. Zu hören ist es nicht allzu oft – nach diesem Abend möchte man sagen: Das sollte sich ändern. Weitaus häufiger erklingt Dvořáks zweites Klavierquintett A-Dur op. 81. Dass dieses überhaupt entstand, hat auch damit zu tun, dass der Komponist das erste nicht wiederfand, als sein Verleger ihn um eine Überarbeitung für eine Neuauflage bat.

Jan Coretti Kuret (Klavier), Polina Cibotari und Syungyun Cho (Violine), Arseny Mikheev (Viola) und Maria Isaeva (Cello) machten hörbar, was für ein experimentierfreudiges, stellenweise geradezu wildes Werk dieses erste Quintett ist. Der Kopfsatz ist energiegeladen und kraftvoll, das Andante wehmütig und schwelgerisch und trifft mitten ins Herz. Im Finale drängt die Musik nervös erregt nach vorn, dynamisch, ungestüm, beinahe kämpferisch.

Hier zeigte sich bereits, was Colluvio ausmacht. Es war wunderbar zu beobachten, wie vor allem die Streicher immer wieder den Blickkontakt suchten, aufeinander reagierten und wie aus fünf jungen Solisten ein Ensemble wurde.

Robert Schumanns Klaviertrio

Das Trio Nr. 2 für Klavier, Violine und Violoncello F-Dur op. 80 entstand 1847/49 und riss Clara Schumann zu wahren Begeisterungsstürmen hin: "Es gehört zu den Stücken Roberts, die mich von Anfang bis zum Ende in tiefster Seele erwärmen und entzücken. Ich liebe es leidenschaftlich und möchte es immer und immer wieder spielen."

Das versteht man sehr gut. Es ist ein hinreißendes Werk, ganz besonders gilt das für den zweiten Satz, den Schumann "mit innigem Ausdruck" gespielt haben wollte. Wie schon der erste Satz zitiert er Schumanns Vertonung des Eichendorff-Gedichts "Dein Bildnis wunderselig, hab’ ich im Herzensgrund". Ungewöhnlich ist, dass auch der dritte Satz langsam ist. So entsteht im Zentrum des Trios eine große Ruhe, bevor das Finale die Musik wieder in Bewegung bringt.

Donglai Shi (Klavier), Emma Servadio (Violine) und Anselm Siebelitz (Cello) spielten intensiv und innig, ohne die Musik sentimental zu überladen. Zwischen dem experimentierfreudigen Dvořák und dem fast verstörenden Weinberg war Schumanns Klaviertrio sicher das konventionellste Werk des Abends – ein Ruhepunkt zwischen zwei expressiven Werken.

Mieczysław Weinbergs Klaviertrio

Wenn man über Mieczysław Weinbergs Musik spricht, muss man auch über sein Leben sprechen. Seine Biografie trägt die Verheerungen des 20. Jahrhunderts in sich. Weinberg stammte aus einer jüdischen Musikerfamilie, die nach den Pogromen von Kischinjow (heute Chișinău) zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Polen geflohen war. Als die Nationalsozialisten 1939 Polen überfielen, floh der junge Weinberg in die Sowjetunion. Seine Eltern und seine Schwester wurden Opfer des Holocaust. Gewissheit über ihr Schicksal erhielt Weinberg erst Jahrzehnte später. Die Erfahrung von Verfolgung und Vernichtung zieht sich durch sein gesamtes Werk; besonders eindringlich begegnet sie uns in seiner Oper "Die Passagierin". Als die deutsche Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfiel, musste Weinberg erneut fliehen, diesmal nach Taschkent. Dort wurde Dmitri Schostakowitsch auf seine Musik aufmerksam – der Beginn einer lebenslangen Freundschaft und eines intensiven musikalischen Austauschs.

Das Klaviertrio a-Moll op. 24 entstand 1945, und man meint in jeder Note die Zeit zu hören, in der es geschrieben wurde. Es ist ausdrucksstark, emotional und poetisch, melancholisch und über weite Strecken verzweifelt. Emir İlgen (Klavier), Erik Maier (Violine) und Kamil Mukhametdinov (Cello) waren das einzige rein männliche Ensemble des Abends und setzten mit aufeinander abgestimmten roten Socken in Lackschuhen auch einen kleinen modischen Akzent.

Dann aber diese Musik. Was für ein Werk! Sie bäumt sich auf, sie klagt, sie singt, sie röchelt, sie kämpft. Sie wird aggressiv, gewalttätig und unbarmherzig – und verhaucht am Ende in einer fast unheimlichen Stille. Es ist die Musik eines Komponisten, dessen Leben von Krieg, Flucht und Vertreibung bestimmt war. Nachdem der letzte Ton verklungen war, geschah zunächst gar nichts. Einige Sekunden lang blieb es vollkommen still im großen Saal. Dann erst löste sich die Spannung: Bravo-Rufe, schließlich Standing Ovations.

Musik so schön und vielfältig wie Europa

Dass Colluvio musikalisch die Vielfalt und Schönheit Europas feiert, hatten sowohl Meinhard Holler als auch Dr. Markus Milner betont. Ebenso, dass jeder Euro, der in junge Menschen und ihre musikalische Ausbildung investiert werde, ein Gewinn für die Zukunft sei. Beide bezeichneten Colluvio auch als Friedensprojekt.

Das kann man so sehen. Vielleicht liegt die besondere Kraft von Colluvio aber gerade nicht in der Vorstellung, Musik könne Kriege verhindern. Denn das kann sie leider nicht. Frieden braucht Freiheit, und Freiheit muss verteidigt werden – mit Worten und Taten und, wenn es sein muss, auch mit Waffen.

Was Musik vermag, ist etwas anderes. Colluvio bringt junge Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammen: 2026 kommen sie aus Deutschland, China, USA, Russland, Slowenien, Moldawien, Korea und der Türkei. Zunächst sind sie einander fremd. Sie müssen zuhören, aufeinander reagieren, widersprechen, nachgeben, führen und sich führen lassen. Und das in vielen Sprachen. Sie lassen aus Unterschieden etwas Gemeinsames entstehen.

Das ist der europäische Gedanke dieses außergewöhnlichen Ensembles – und zugleich das Prinzip der Musik, der vielleicht universellsten Sprache überhaupt. An diesem Abend konnte man das auch in der klugen Programmgestaltung erleben: Dvořáks überbordende Experimentierfreude, die zärtliche Wärme Schumanns und die Erschütterung Weinbergs. (Jutta Hamberger) +++

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