Aus Leerstand wird Stofflager

Stillsitzen? "Keine zehn Minuten" - 85-Jährige eröffnet Stoff-Outlet

Oliver Rohde überbrachte Michèle Farina die Grüße der Stadt Schlitz
Fotos: Christoph Blum

15.08.2026 / SCHLITZ - Wo man monatelang auf ein leeres Schaufenster am Steinweg 2 blickte, stapeln sich seit Freitag Velours, Leinen und Toile de Jouy-Stoffe: Rund 80 Gäste stießen bei Sekt und Häppchen auf den Neustart des Ladens von Michèle Jocelyne Farina an – und auf eine Frau, die mit 85 Jahren nicht ans Aufhören denkt, sondern vielmehr an die nächste Stoffkollektion.



Es gibt Menschen, bei denen muss man beim Alter zweimal nachfragen. Michèle Farina ist so ein Fall. Sie steht zwischen Musterbüchern und Stoffballen, schiebt hier ein Kissen zurecht, zieht dort eine Bahn bunten Stoffs aus dem Regal, erklärt einer Besucherin den Unterschied zwischen Flach- und Doppelfalte – und wirkt dabei so energetisch wie eine, die gerade erst jugendlich frisch in den Beruf gestartet ist. Angefangen hat sie allerdings vor knapp 60 Jahren.

Von Genf über Frankfurt ins Schlitzerland

1941 in Genf geboren, im Winter in der Stadt, im Sommer im Haus der Großeltern im nahen Frankreich – so war ihr frühes Leben. Die künstlerische Ader lag dabei bereits in der Familie: Großmutter und Onkel entwarfen Stoffe, unter den Vorfahren finden sich gleich mehrere Maler. Der Vater dagegen, italienischer Bauunternehmer und Architekt, hatte anderes im Sinn. "Kunst ist schön", habe er gesagt, "aber irgendwann übernimmst du die Firma." Michèle Farina hätte sich das niemals vorstellen können: "Eine junge Frau auf einer Baustelle der 60er Jahre, mitten unter italienischen Bauarbeitern? Mon dieu, das wäre nicht gut gegangen", konstatiert sie augenzwinkernd und mit charmantem französischen Akzent.

Stattdessen: vier Semester Studium am renommierten Frankfurter Kunstinstitut "Städel", danach Ausbildung im Grafikdesign und Spezialisierung in Richtung Stoff. Ab 1968 machte sie sich als Stoffdesignerin selbstständig, verkaufte handgemalte Entwürfe an französische Fabriken – und lernte die Schattenseite des Geschäfts kennen. Zweimal wanderte ein abgelehnter Entwurf leicht verändert in fremde Produktion. "Du siehst deine eigene Zeichnung auf der Messe hängen und kannst nichts dagegen machen", sagt sie. 1977 eröffnete sie dann ihr eigenes Einrichtungsstudio in Frankfurt, drei Jahre später kamen Laden, Polsterei und Näherei dazu. Rund 30 Jahre blieb sie dort.

Über 9.000 Stoffe – und ein Velours in 60 Farben

2008 zog sie mit ihrem Mann Wolfgang Spiegler nach Nieder-Stoll, Lager und Büro wanderten mit. Seither führt sie von dort die Vertretung für vier französische und spanische Textilhersteller, fünf Handelsvertreter arbeiten für sie zwischen Nord und Süd, allein in Hamburg beliefert sie rund 40 exklusive Einrichtungshäuser. Was sich in Osthessen angesammelt hat, ist landesweit einmalig und bundesweit selten: über 9.000 Stoffe und Dessins. Die Zahl selbst klingt absurd, ein einziger Velours kann jedoch schon mal in 60 unterschiedlichen Farben im Lager stehen.

Ihre Stoffe sind fürs Wohnen gedacht, nicht für die Garderobe: Gardinen, Polster, Kissen, Meterware, Maßanfertigung über die Fabrik. Dazu Fertiges für den schnellen Griff – Kissen und Accessoires, die erfahrungsgemäß gern als Geschenk über den Ladentisch gehen. Hochwertigkeit und exklusives Design sind dabei die wichtigsten Faktoren: "Ich habe keine Ware aus Asien. Meine Stoffe sind allesamt europäisches Handwerk mit Premium-Qualität", betont sie deutlich in ihrer Ansprache. Und das Ganze zu echten Outlet-Preisen – im Schlitzer Laden sind die Tarife deutlich günstiger als beim Raumausstatter. Onlinehandel kommt übrigens für Farina nicht in Frage, denn ihre Kunden wollen anfassen, vergleichen und persönlich beraten werden.

Eine Giraffe für Schlitz

Dass sich Landleben und Extravaganz nicht ausschließen, hat sie hier selbst gelernt. Eine ältere Dame aus der Region habe Gardinenstoff gesucht, sie bekam dezente Muster vorgelegt – und gab nur ein trockenes "Das ist aber langweilig" von sich. Am Ende zeigte die Kundin auf eine Bahn mit Giraffen. "Eine Giraffe? In Schlitz? Ich habe dreimal nachgefragt, ob sie sicher ist." War sie und hat gekauft.

Gegen den Leerstand – und gegen den Ruhestand

Wieso eigentlich der Umzug und die Neueröffnung? "Mein Lager in Niederstoll wurde zu klein und überall im Haus standen die Stoffballen. Als mein Mann fragte, ob er wohl mangels Platz bald ausziehen müsse, war mir klar: Ich muss mich vergrößern." Typisch: Den Umzug wollte die quirlige Dame mit hunderten von bis zu 30 Kilogramm schweren Stoffballen erst ganz alleine stemmen, bis ihr Freunde quasi Hilfe aufzwangen. Und zum Abschied gibt sie unserem O|N -Reporter noch etwas mit auf den Weg: "Aufhören ist kein Thema, denn ich kann ja noch nicht mal zehn Minuten ruhig sitzen. Ich kenne so viele, die direkt nach ihrer Pensionierung abgebaut haben. Deshalb bin ich überzeugt: So lange du Lust hast, zu arbeiten, bleibst du jung." Woher sie ihren Mut nehme, wollen wir noch wissen. Ihre Antwort: "Ich bin nicht mutig, nur ein bisschen bekloppt." (Christoph Blum) +++

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