Der Stadtpfarrer bei O|N

Stefan Buß: Mein Lieblingstier – der Esel

Stadtpfarrer Stefan Buß.
Archivfoto: O|N/ Carina Jirsch

22.08.2026 / FULDA - Wenn man mich fragt: Was ist eigentlich dein Lieblingstier? Ich antworte: der Esel. Warum? Dieses Tier begegnet mir immer wieder in der Bibel und bei einer Eselswanderung vor vielen Jahren habe ich gelernt: Der Esel ist so ganz anders. Ein Esel ist kein störrisches Tier. "Du bist ein Esel!" ist bei uns ja schon zum Schimpfwort geworden. Der Ruf des Esels als "störrisch" ist größtenteils ein Missverständnis. Esel reagieren in Situationen, die sie als gefährlich einschätzen, häufig damit, stehen zu bleiben und die Lage zu beurteilen, anstatt impulsiv zu fliehen. Dieses Verhalten wird oft fälschlich als Sturheit interpretiert.



Wenn wir in der Bibel nach den großen Tieren suchen, begegnet uns der Esel als eines der bemerkenswertesten Tiere.

Er trägt Lasten. Er arbeitet im Verborgenen. Er wird selten bewundert. Und doch begegnet uns der Esel an entscheidenden Wendepunkten der Heilsgeschichte. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht möchte Gott gerade durch den Esel etwas über sich selbst und über uns offenbaren.

Der Esel war im Alten Orient kein edles Kriegstier wie das Pferd. Er war das Tier der Bauern, der Händler und der einfachen Menschen. Er war genügsam, ausdauernd und zuverlässig. Er trug Lasten, ohne im Mittelpunkt zu stehen. Gerade deshalb wird der Esel zu einem Bild der Demut. Demut bedeutet nicht, sich kleinmachen. Demut bedeutet, den eigenen Platz vor Gott anzunehmen. Der Demütige muss sich nicht selbst erhöhen, weil er weiß, dass seine Würde von Gott kommt. Der Esel erinnert uns daran, dass Gott nicht zuerst auf Glanz und Stärke schaut, sondern auf Treue. Unsere Welt bewundert Erfolg, Macht und Sichtbarkeit. Gott dagegen schaut auf das verborgene Herz.

Schon im Alten Testament spielt der Esel eine besondere Rolle. Die Patriarchen ritten auf Eseln. Richter und Fürsten benutzten Esel als Zeichen friedlicher Herrschaft. Der Prophet Sacharja verkündet: "Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel" (Sach. 9,9). Was zunächst unscheinbar wirkt, ist eine messianische Verheißung. Nicht auf einem Schlachtross. Nicht mit Waffen. Nicht begleitet von Gewalt. Sondern auf einem Esel. Gottes Herrschaft kommt anders als menschliche Macht.

Am Palmsonntag erfüllt Jesus bewusst diese Prophezeiung. Er hätte auf einem prächtigen Pferd nach Jerusalem einziehen können. Er tut es nicht. Er bittet seine Jünger, einen jungen Esel zu holen. Warum? Weil sein Reich kein Reich der Gewalt ist. Das Pferd war Symbol militärischer Macht. Der Esel war Symbol des Friedens. Jesus zeigt schon beim Einzug nach Jerusalem, wie Gott herrscht: Nicht durch Zwang. Nicht durch Einschüchterung.

Nicht durch Stärke. Sondern durch Liebe. Der König der Welt kommt nicht, um Menschen niederzuwerfen. Er kommt, um sich selbst hinzugeben.

Vielleicht ist dies das schönste Bild. Der Esel trägt Jesus. Er kennt die Bedeutung seines Reiters nicht. Er versteht den Heilsplan Gottes nicht. Und doch erfüllt er seine Aufgabe vollkommen. Auch die Menschen verstehen Gottes Wege oft nicht. Sie sehen nur den nächsten Schritt. Doch wie der Esel dürfen Christus tragen. In den Worten, die sie sprechen. In ihren Taten. In Geduld. In der Nächstenliebe. Jeder Christ ist berufen, ein Christus-Träger zu sein. Nicht durch große Heldentaten, sondern durch treue Hingabe im Alltag.

Ein Esel gilt häufig als störrisch. Doch wer mit Eseln arbeitet, weiß: Sie sind vorsichtig. Sie verweigern oft den Weg, wenn sie Gefahr wahrnehmen. Ihre vermeintliche Sturheit ist häufig Klugheit. Vielleicht liegt darin auch eine geistliche Lehre. Nicht jeder Weg, den die Welt fordert, ist der richtige. Manchmal braucht der Glaube den Mut, stehenzubleiben. Nicht jeder Trend muss mitgemacht werden. Nicht jede Mehrheit hat recht. Der Christ darf fragen: Führt dieser Weg wirklich zu Gott?

Der Esel trägt schwere Lasten. Auch wir tragen Lasten. Sorgen. Krankheit.

Verantwortung. Trauer. Schuld. Doch der Glaube sagt nicht, dass Lasten verschwinden. Er sagt, dass Christus mitträgt. Jesus selbst spricht: "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." Der Esel wird dadurch zu einem Bild des Lebens. Menschen tragen vieles. Aber sie tragen es nicht allein.

Der Esel lehrt uns mehr, als wir zunächst vermuten. Er lehrt Demut. Er lehrt Geduld. Er lehrt Dienstbereitschaft. Er erinnert uns daran, dass Gott nicht den Glanz sucht, sondern das treue Herz. (Stefan Buß) +++

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