Demokratie braucht Inklusion

"Ich mach' mein Ding!" - Lebenskonzept von antonius für mehr Selbstständigkeit

Jürgen Dusel wird bei antonius der "Fuldaer Weg" präsentiert.
Fotos: Felix Weigl

12.08.2026 / FULDA - Kann das Lebenskonzept "Ich mach' mein Ding!" der Bürgerstiftung "antonius: gemeinsam Mensch" und Perspektiva deutschlandweit als Vorbild dienen? Häufig folgt für junge Menschen mit Behinderung nach der Förderschule ein Wechsel in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Nicht so beim Lösungsansatz aus Fulda.



"Eine eigene Wohnung haben, eigenes Geld verdienen, diese Selbstständigkeit zu erreichen, ist wichtig und gibt Selbstvertrauen", erklärt Alexander Gies, Leiter der Kommunikation von antonius, gegenüber OSTHESSEN|NEWS. Um das zu erreichen, bedarf es nicht unbedingt mehr Geldes für die Inklusion. Das Geld muss nur besser genutzt werden.

Am Dienstag gab es zu dem Thema einen Runden Tisch im Zitronenfalter von antonius, bei dem nicht nur Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Sozialwirtschaft teilnahmen, sondern auch Jürgen Dusel (SPD), Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung.

Konzept für ganz Deutschland?

"Ich bin sehr dankbar, dass sich Herr Dusel heute so viel Zeit genommen hat, um sich über die vielfältigen Perspektiven von antonius und Perspektiva zu informieren und konkrete Beispiele mitzunehmen, die dabei helfen können, die Rahmenbedingungen für Menschen mit Beeinträchtigung zu verbessern und eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt ermöglichen können", so Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (CDU) gegenüber O|N.

Knapp zwei Stunden tauschten sich die Teilnehmer am Runden Tisch aus, aber auch im Anschluss ergaben sich noch viele Gespräche. Vom Projekt zeigt sich Jürgen Dusel begeistert. "Es eröffnet jungen Menschen mit Behinderung Wege, einen Job zu bekommen und eigenes Geld zu verdienen. Das ist hundertmal besser, als von Transferleistungen zu leben. Das nehme ich gern mit, um diese Best Practice öffentlich zu machen, damit andere das ebenfalls übernehmen können."

Deutschlandweit schaffen es nur etwa zwei Prozent der Förderschüler nach dem Schulende in einen regulären Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Die Folge ist oftmals die lebenslange Abhängigkeit von staatlichen Leistungen. Ganz anders bei "Ich mach' mein Ding!", hier werden über 20 Prozent der Absolventen in externe Betriebe vermittelt und verdienen dann ihr eigenes Geld. Dank individueller Begleitung, modularer Ausbildung und der Unterstützung regionaler Unternehmen werden Kinder und Jugendliche hier gezielt auf eine reguläre Arbeit vorbereitet.

Inklusion ist urdemokratisch

2018 wählte Dusel als Motto seiner Amtszeit "Demokratie braucht Inklusion". "Wenn wir über Inklusion reden oder auch mal streiten, dann reden wir nicht über etwas Nettes, was wir tun, oder um etwas Karitatives, sondern um etwas Urdemokratisches. Menschen mit Behinderungen sind Bürger dieses Landes und sie haben die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen auch. Und es macht mir große Sorgen, dass wir politische Kräfte erleben, die Demokratie und Inklusion nicht attraktiv finden."

Auch Michael Brand (CDU), Bundestagsabgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär, nahm am Runden Tisch teil. "Wir müssen betrachten, wie kann ich Teilhabe organisieren, damit sie eine Win-Win-Situation ist für Betroffene, für Familien und wie hier beim Fuldaer Weg, auch für den Arbeitsmarkt", fasst er zusammen.

Während nun in Berlin über den Umbau des Sozialstaates und Kürzungen diskutiert wird, geht der Blick nach Fulda. Wie echte Teilhabe gelingen kann, ohne das System zu überlasten, zeigt der Fuldaer Ansatz des Unternehmernetzwerkes Perspektiva und antonius. (fw) +++

X