Maßnahme gegen niedrige Flusspegel

"Tropfen auf heißen Stein" – Ist die Lockerung des Lkw-Fahrverbots effektiv?

Mehrere Bundesländer haben das Sonntagsfahrverbot für LKWs gelockert. Kommt die Maßnahme auch in Hessen?
Symbolbilder (2): Pixabay

13.08.2026 / REGION - Die niedrigen Flusspegel in Deutschland erschweren den Gütertransport auf dem Wasser. Mehrere Bundesländer haben angekündigt, das Lkw-Fahrverbot an Sonntagen als Gegenmaßnahme zu lockern. Auch Hessen setzte diese Maßnahme mittlerweile um - doch ist sie wirklich zielführend?



Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und das Saarland – diese Bundesländer hatten bereits vor einigen Tagen als Reaktion auf das Niedrigwasser im Rhein das Lkw-Fahrverbot an Sonntagen gelockert. Das Ziel sei es, Versorgungsengpässe zu vermeiden und Lieferketten aufrechtzuerhalten. "Wenn Transporte auf dem Rhein nur eingeschränkt möglich sind, müssen andere Verkehrsträger flexibel unterstützen können. Dafür schaffen wir jetzt die nötigen Spielräume", sagt Markus Wolf (CDU), Verkehrsstaatssekretär von Rheinland-Pfalz.



Am Dienstag kündigte das hessische Wirtschaftsministerium ebenfalls an, das Lkw-Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen zu lockern - zunächst zeitlich begrenzt bis zum 31. August. In einer Pressemitteilung ließ Hessens Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident Kaweh Mansoori (SPD) verlauten:

"Das extreme Niedrigwasser auf dem Rhein belastet aktuell viele Betriebe. Lieferketten sind erneut gestört. Wir schaffen kurzfristig Entlastung. Die bestehenden Regeln werden mit Augenmaß flexibilisiert. Das schafft Spielraum für Unternehmen. Mit dem Vorgehen handeln wir pragmatisch und halten Lieferketten in einer außergewöhnlichen Lage stabil. Das sichert unsere Industrie. Diese Maßnahmen sollen kurzfristig helfen, ersetzen aber weder Klimaschutz noch Klimaanpassung. Deswegen setzen wir weiterhin auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, ertüchtigen die Schiene und unterstützen Unternehmen, sich zu modernisieren."



Noch am Montag hatte Bundesverkehrsminister Steffen Bilger die Lockerung des Fahrverbots gegenüber Deutschlandfunk verteidigt und die Notwendigkeit betont, Logistikketten so noch einige Wochen aufrechterhalten zu können. Kritiker zweifeln vor allem an der tatsächlichen Wirkung der Maßnahme und weisen auf die Folgen für den Verkehrsfluss auf deutschen Autobahnen hin.

Viel stärker wird die Lockerung mit Blick auf die Arbeits- und Ruhezeiten von Lkw-Fahrern in Frage gestellt, unter anderem durch ver.di und den Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Im Gespräch mit Inforadio meinte Vorstandssprecher Dirk Engelhardt der BGL: "Wenn die Lkw am Samstag oder Sonntag unterwegs sind, stehen die Fahrzeuge an einem anderen Tag der Woche." Die Maßnahme sei nur dann effektiv, wenn man die strengen Lenk- und Ruhezeiten von Kraftfahrern ebenfalls mit anpassen würde.


Effektivität der Maßnahme zweifelhaft



Auch regionale Speditionsunternehmen fragen nach der Effektivität der Maßnahme. "Unser Geschäftsmodell ist davon wenig betroffen, jedoch sehen wir die Maßnahme eher kritisch. Unsere Kapazitäten sind ausgelastet und wir könnten auch aufgrund der Arbeits- und Ruhezeiten für Lkw-Fahrer weitere Kontingente gar nicht bedienen", meint Kirsten Kanne, Pressesprecherin der ZUFALL Logistics Group im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS. "Es wäre ein Tropfen auf den heißen Stein", so Kanne weiter.

Michael Keller, Prokurist und Niederlassungsleiter der Hans Geis GmbH in Eichenzell betont ebenfalls die bereits ausgereizten Kapazitäten. "Wir haben gar keine Möglichkeiten, die Fahrzeiten noch weiter auszubauen. Sollte es Anfragen einzelner Kunden geben, gäbe es da sicher eine Möglichkeit", so Keller auf Nachfrage. "Für eine größere Auswirkung bräuchte es mehr Fahrer und auch die Betriebe, die wir anliefern, müssten ihre Zeiten entsprechend anpassen", so Michael Keller weiter.

Ein ähnliches Fazit zieht Timm Trede, Geschäftsführer des Speditionsunternehmens zipmend GmbH. "Grundsätzlich begrüßen wir die Lockerung des Fahrverbots, aber wir glauben nicht, dass dies viel bringen würde", meint der Geschäftsführer auf Nachfrage von O|N. "Beim Lkw ist der Engpass-Faktor nicht die Frage, ob wir Sonntag fahren können, sondern hängt mit den Fahrzeiten der Lkw-Fahrer zusammen. Unsere Kapazitäten sind an das bestehende Sonntagsfahrverbot angepasst. Die positiven Effekte würden sich im einstelligen Prozentbereich bewegen", so Timm Trede weiter.

Eine Zumutung für Autofahrer?

Der ADAC Hessen-Thüringen steht der Maßnahme in erster Linie positiv gegenüber, fordert jedoch einen klar festgelegten zeitlichen Rahmen. "Wir bewerten eine mögliche Lockerung des Lkw-Fahrverbots an Sonntagen aufgrund der aktuellen Niedrigwassersituation als gerechtfertigte Maßnahme, um den Güterverkehr am Laufen zu halten. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Aufhebung des Fahrverbots zeitlich begrenzt bleibt", so der ADAC auf schriftliche Nachfrage.



Bei der Sorge um zu viel Lastverkehr auf der Straße und erhöhtes Staurisiko gibt der ADAC vorsichtige Entwarnung. "Für Reisende kann es voraussichtlich zu einem steigenden Staurisiko insbesondere an Engstellen und für die Infrastruktur zu einer stärkeren Belastung kommen. Da die Sonderregelung bisher jedoch nur in einigen wenigen Bundesländern Anwendung findet und nur für solche Lkw gilt, die mit ihrer Fracht direkt von den Folgen des Niedrigwassers betroffen sind, ist nicht davon auszugehen, dass es auf den Straßen zu einem Stauchaos kommen wird", so der ADAC weiter.

Die positiven Wirkungen der Maßnahmen schätzt jedoch auch der ADAC als "nur gering" ein, da Lkws nur einen geringen Teil der Containertransporte auffangen könnten und nicht Schüttgüter, die einen großen Teil der Binnenschifffahrt ausmachen. (Nikolas Krudewig) +++

X