Menschen im Mittelpunkt
50 Jahre Kompass Leben: Von der Werkstatt zum vielfältigen Netzwerk
Fotos: Victoria Wagner
13.08.2026 / HERBSTEIN -
Was 1974 aus der Lebenshilfe heraus begann, ist heute ein breit aufgestelltes Netzwerk für Menschen mit Beeinträchtigungen im Vogelsbergkreis. "Kompass Leben" feiert diesen September sein 50-jähriges Bestehen. Als offizieller Stichtag gilt die Eintragung des gemeinnützigen Vereins im Jahr 1976. Seitdem hat sich nicht nur die Organisation weiterentwickelt - auch der gesellschaftliche Blick auf die Menschen mit Beeinträchtigung - egal welcher Art - hat sich stark verändert.
Schon damals bei der Gründung kamen verschiedene Akteure zusammen: die Lebenshilfe Vogelsberg, das Deutsche Rote Kreuz, Vertreter der Städte Alsfeld, Lauterbach und Herbstein sowie das Landratsamt. Damit ist schon früh ein Netzwerk entstanden, das noch bis heute von Bedeutung ist. Den Namen "Kompass Leben" trägt der Verein seit 2018.
"Das gesamte Menschenbild hat sich gewandelt"
Am stärksten verändert hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der gesellschaftliche Umgang mit Behinderung. "Die Präsenz und auch das Bild in der Gesellschaft haben sich stark gewandelt", sagt Katja Diehl, Vorstandsvorsitzende vom "Kompass Leben" in Herbstein. Vorbehalte seien zurückgegangen und Inklusion werde heute deutlich selbstverständlicher gedacht. Auch Frank Haberzettl, aus dem Vorstand des "Kompass Leben", sieht darin eine wichtige Entwicklung: "Das gesamte Menschenbild hat sich gewandelt. Man richtet heute viel eher den Blick auf das, was ein Mensch in die Gesellschaft einbringen kann." Menschen dürften nicht nur über ihre Hilfebedürftigkeit definiert werden. Ein wichtiger Grundsatz hat sich nach 50 Jahren jedoch nicht verändert: die Selbstbestimmung. "Das darf auch bei finanziellem Kostendruck nicht verloren gehen", betont Diehl. Denn Unterstützung sei nicht nur eine Kostenfrage. Sie ermöglicht Menschen, ihre Fähigkeiten einzubringen, Selbstwert zu entwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. "Teilhabe am gesellschaftlichen Leben entwickelt sich zu einem großen Teil über Arbeit", erklärt Haberzettl. Die notwendige Unterstützung sei dabei die Grundlage dafür, dass Menschen sich überhaupt einbringen können. Aufgaben von der Werkstatt bis zur Digitalisierung
Aktuell begleitet "Kompass Leben" rund 500 Menschen mit Beeinträchtigungen und beschäftigt 308 Mitarbeitende. Die Angebote reichen von Teilhabe am Arbeitsleben über Wohnformen bis hin zur Frühförderung bei Kindern. Auch neue Bereiche sind hinzugekommen: Eine Digitalisierungsgruppe übernimmt Archivarbeiten für Unternehmen. Wie vielfältig die Aufgaben in der Werkstatt sind, zeigt auch Holger: Er arbeitet seit 38 Jahren dort und war heute damit beschäftigt, einen Bienenkasten zu verdrahten. Der Leitgedanke zieht sich auch hier durch: Menschen sollen möglichst selbstbestimmt leben und arbeiten können. "Inklusion ist ein gegenseitiges Spiel", sagt Diehl. 50 Jahre werden zwei Tage lang gefeiert
Zum Jubiläum lädt "Kompass Leben" am 4. und 5. September 2026 zu einem großen Fest ein. Der Freitag richtet sich vorrangig an geladene Gäste, den ehemaligen Geschäftsführer, Vereinsvertreter, Angehörige, Beschäftigte und Wegbegleiter. Im Fokus sollen dabei aber ausdrücklich diejenigen stehen, die "Kompass Leben" begleiten. "Es kommen auch viele Angehörige und Menschen mit Behinderung - um sie geht es ja schließlich", betont Diehl. Für das Programm sorgen unter anderem die eigene Werkstattband und die Tanzgruppe der Werkstatt. Am Samstag wird das Jubiläum dann noch einmal größer gefeiert. Unter dem Motto "Spiel, Spaß und Sport" treten mehrere Fußballmannschaften verschiedener Werkstätten gegeneinander an. Es gibt auch ein Spielmobil, Angebote für Kinder und Jugendliche sowie Beratungs- und Informationsstände von VdK, Lebenshilfe und DRK. Am Samstagabend folgt ein weiterer Höhepunkt: Die Rockband "Nova SX" spielt bei freiem Eintritt. Alle Interessierten sind dazu herzlich eingeladen. Vorbereitungen laufen schon seit einem Jahr
Hinter dem Jubiläumswochenende steckt also eine Menge Arbeit. Alle Standorte helfen bei der Organisation mit - die Planungen laufen schon seit rund einem Jahr. Außerdem wurde eine eigene Festschrift zum 50-jährigen Bestehen erstellt. Kurz vor dem Fest ist also entsprechend viel zu tun: "Wir sind im Hochbetrieb, damit alles gut läuft." Nach 50 Jahren bleibt "Kompass Leben" damit vor allem eines: ein Ort, an dem Menschen Unterstützung bekommen, um ihr Leben möglichst selbstbestimmt zu gestalten und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. (vm) +++