Er schreibt und schreibt und schreibt
Der Journalist Volker Feuerstein wird 85 - Ein Geburtstagsgruß
Fesches Foto von Volker Feuerstein in Marokko
Alle Fotos: privat
31.07.2026 / FULDA -
Der älteste und vermutlich bekannteste Journalist dieser Region hat den Zeitpunkt, in Pension zu gehen, vor lauter Arbeitslust einfach vergessen. Beinahe täglich sitzt er weiterhin in seinem Büro; dass er heute 85 wird, nimmt Volker Feuerstein kaum zur Kenntnis. Alle vorangegangenen Jubiläen hat er auf ähnliche Weise an sich vorbeirauschen lassen. Wenn bloß nicht diese Gratulanten wären! Deren Grußworte nimmt er einerseits gerührt und andererseits peinlich berührt entgegen. Der Mann will doch nicht fortwährend an sein Alter erinnert werden. Recht hat er.
Ein wenig zurücktreten muss man dennoch mal kurz, um diesen phänomenalen Mann wenigstens halbwegs begreifen zu können. Wie ist er geworden, was er heute ist? Sein Vater hatte ihm noch geraten, er solle den Lehrerberuf wählen, "die haben so viel Freizeit". Aber dann konnte der Senior die Arbeit nicht mehr bewältigen, Volkers Weg schien vorgezeichnet: Nachfolger des Papas in dessen stadtbekannter Spedition ("Zieh aus, zieh ein mit Feuerstein"). Ohne ein wenig Basis-Wissen ging das nicht, also studierte er Betriebswirtschaft in Frankfurt. Das Fach war ihm fremd; mit Zahlen hat er sich nie so gern auseinandergesetzt. In den Semesterferien tauchte er unversehens in der Redaktion der Fuldaer Zeitung auf, ein Praktikum folgte dem nächsten. Spätestens da war ihm klar, dass der Spedition niemals seine ungeteilte Leidenschaft gehören würde. Also: Volontariat bei der FZ. Danach verdingte er sich für ein Jahr bei der linken Frankfurter Rundschau; das war für ihn nicht nur aus politischen Gründen ein Irrtum. Den sentimentalen Fuldaer plagte die Sehnsucht nach der Heimat.
Hier wirkt er jetzt bereits seit über 50 Jahren und macht sein Ding (wie der fast gleichaltrige Udo Lindenberg immer noch singt). Beinahe könnte man denken: Einerlei, wer gerade die Zeitung regiert. Josef-Hans "Jupp" Sauer war der erste Chef nach dem Zweiten Weltkrieg; er hatte Feuerstein eingestellt. Danach regierten: Stefan Schnell, der feinsinnige Politiker. Hermann-Josef Konze, der Barocke. Uwe-Bernd Herchen, der Intellektuelle. Hermann-Josef Seggewiß, der Südhessen-Import. Michael Tillmann, der Lokal-Matador. Seit vergangenem Jahr gibt die Doppelspitze Tobias Farnung und Bernd Loskant die Richtung vor. Volker F. nimmt all diese Wechsel mit Gelassenheit. Er macht halt, was er besser kann als viele andere: Schreiben.
Vorschlägen für eine "Work-Life-Balance" begegnet er mit einem gewissen Unverständnis. Kein Wunder: Berufs- und Privatleben fließen bei ihm ineinander und bleiben untrennbar verschmolzen. Der Mann ist einfach unermüdlich dabei, seine Neugierde zu befriedigen und seine Lebensträume zu verwirklichen: Was er gern macht, darüber schreibt er. Irgendwann wurde Volker F. eine Art Chefreporter für alles und jedes. Große Lokalreportagen hat er verfasst und noch größere Kriminalgeschichten. Auto-Tester. Fachmann für Feinschmeckerei. Politischer Kommentator. Seit geraumer Zeit auch Autor für ausgewählte Kunst-Themen. Und natürlich: Reise-Journalist. "Das Thema Reisen habe ich für die FZ erfunden", sagt er, in der Branche genießt er einen legendären Ruf.
In hunderten von Reportagen hat er Gegenden der Welt erkundet, über die noch nicht jeder Urlauber sagen kann: "Kenn ich". Bei seinen Recherchen in fernen Ländern war der Mann aus der Schwartemagen-Region weitgehend schmerzfrei. "Ich habe immer die exotischen Genüsse geliebt", sagt er – und da sieht man ihn schon im engsten Kontakt mit einer Kreuzspinne in Thailand ("schmeckt wie zu stark gebratene Gambas"). Über würzige Würstchen in Spanien urteilte er: "Wie unsere Knobelinchen, nur ein bisschen schärfer".
In Gibraltar kuschelt er mit einem Berberaffen, obwohl er auf der Hut sein sollte: Die unverschämten Hüpf- und Klettertiere sind berühmt dafür, dass sie Touris ausrauben oder ihnen mal kurz ihre Hauer ins Gesicht schlagen. Aber niemals, wenn ein heimischer Taxifahrer dabei ist; vor denen haben sie Respekt. In Portugal hat er "die letzte Bratwurst vor Amerika" jetzt schon zum dritten Mal vertilgt, scheint ihm also zu munden. In der thailändischen Kaiserstadt Hua Hin nimmt er tapfer eine Schönheit in den Arm, obwohl die gar keine Frau ist. In Florida erschleicht er sich ein Foto mit dem Rocker Lenny Kravitz, indem er sich als Fan ausgibt (obwohl er den Mann vorher gar nicht kannte). Auf der Tourismus-Messe in Berlin fragt er eine sprachkundige Roboterin, ob sie mit ihm zu Abend speisen wolle. "Die gab keine Antwort", klagt er. In Namibia überlebte er einen Flugzeugabsturz. In Mexiko warf eine Wahrsagerin geheimnisvolles Pulver ins Feuer und erzählte ihm dann, was die Zukunft für ihn bereithält. "Leider habe ich kein Wort verstanden. Vielleicht hat sie gesagt: Du wirst 85!"
Ganz lange her, da waren seine Brigitte und er noch gar nicht verheiratet, da ließen sie sich vor den ägyptischen Pyramiden zu einem Ausritt überreden. Bei der Rückkehr erging es ihnen wie vielen Touristen: Der Kameltreiber ließ das Pärchen nur gegen Extra-Geld absteigen. Da konnte Volker F. auch mal energisch werden: Er marschierte zur Polizei, das Geld hat er tatsächlich zurückbekommen.
Seine Heimat kultivierte in den späten Sechzigern ihren Ruf als Provinz-Nest. Katholisch, ultra-konservativ, Zonenrand, Arme-Leute-Gegend. "Den Volker" focht das nicht an, der schaffte sich Freiräume in der Enge. Zusammen mit seiner künftigen Frau Brigitte, die die meisten nur als Emma kennen, sowie einem ähnlich gesinnten Freundeskreis testete er die Grenzen aus, indem er sie ignorierte. Irgendwann waren Volker & Emma Trendsetter und Klatsch-Themen des aufgeklärten Bürgertums. Beim Essen. Beim Trinken. In ihrer lockeren Lebensart. Bei der Kleidung. Wenn ihnen danach war, erfreuten sie die Stadt-Gesellschaft als Edel-Hippies. Wenn’s richtig elegant sein sollte, streifte Volker F. auch schon mal einen weißen Anzug über. "Wer einen weißen Anzug trägt, hat keine Angst vor Flecken", sagt der Volksmund. Der Schriftsteller Tom Wolfe hat darüber noch was Trefflicheres beigetragen: "Ein Mann trägt den weißen Anzug, um zu signalisieren, dass er vom Alltag im Grunde nicht tangiert ist."
Happy Birthday, Volker Feuerstein!
In dem Jungen Volker Feuerstein waren schon verschiedene Welten zusammengeflossen, bevor er aus seinem Leben eine Art Kunstform gestaltet hat. Die Vorfahren seiner Mutter waren Österreicher, die seines Vaters Franzosen. Da kann man natürlich allerlei hineingeheimnissen. "Leben und leben lassen" lautet seine Devise, und: "Sich selbst nicht so ernst nehmen." Das sieht man auch an den Fotos zu diesem Artikel. Die hat er allesamt selbst ausgewählt.
Sein Leben läuft also rundum gut? Nicht ganz. "Dass sich ein Psychopath an der Spitze einer Weltmacht austoben kann, das macht mir Angst", sagt der sonst meistens Sorgenfreie. Und schaut gleich darauf wieder positiv in die nähere Zukunft. Was trinkt er denn an seinem Festtag? Er ist sich noch nicht ganz schlüssig. Was passt zu der Hitze? Vielleicht ein Rosé? Oder doch lieber der weiße Athmos aus der Gascogne? Was auch immer: Fulda sagt Prost. (Rainer M. Gefeller)+++