Eskalationsfaktor "Alkohol"
Bringt das Verbot etwas? Keine konkreten Zahlen von DB und Bundespolizei
Symbolbild: O|N / YoWe
23.07.2026 / REGION -
Das Verbot von Alkohol an deutschen Bahnhöfen sorgt aktuell vielerorts für Gesprächsstoff und Diskussionen. Immer öfter kommt es an Bahnhöfen oder auch in Zügen zu Gewaltdelikten und Straftaten. Erst vor kurzem wurde ein Bahnmitarbeiter bei einer Ticketkontrolle von einem alkoholisierten Fahrgast aus dem Zug gestoßen und lebensgefährlich verletzt. Und auch wenn Alkohol ohne jeden Zweifel aggressives Verhalten fördert, stellt sich für viele Menschen die Frage, ob ein Verbot nun tatsächlich das Allheilmittel gegen Müll und Gewalt an Bahnhöfen ist.
OSTHESSEN|NEWS hat sowohl bei der Bundespolizei als auch bei der Deutschen Bahn (DB) nachgefragt, wie und wann die Maßnahmen auch in der Region umgesetzt werden, aber auch, ob es konkrete Zahlen von Gewaltverbrechen gibt, die in direktem Zusammenhang mit dem Konsum von Alkohol stehen.
Wie werden die Maßnahmen durchgesetzt?
Für die Bahn stehen derzeit der partnerschaftliche und deeskalierende Ansatz im Vordergrund: "Wir setzen nicht auf sofortige Drohungen oder harte Sanktionen, sondern gehen fest davon aus, dass unsere Sensibilisierungsmaßnahmen greifen und sich die Menschen und Gäste an das geltende Hausrecht halten. Dennoch gilt: Die DB führt ein allgemeines Alkoholkonsumverbot an ihren Bahnhöfen ein. Dazu zählt auch das klassische Feierabendbier", heißt es dahingehend weiter. Auf die Frage, wie die Maßnahmen denn konkret durchgesetzt werden sollen, verwies uns die DB an die Polizei - das ist in diesem Fall die Bundespolizei.
Was spricht nun für das Alkoholverbot?
Die Deutsche Bahn erklärte, dass sie selbst keine kriminalstatistischen Daten zu alkoholbedingten Straftaten oder Gewalteskalationen auf regionaler Ebene führen. "Für valide Zahlen und Statistiken zu diesem Thema bitten wir Sie daher, sich direkt an die zuständige Pressestelle der Bundespolizei zu wenden", so die Bahnsprecherin. Die Antwort der Bundespolizei aus Kassel hierzu war ernüchternd: "Bitte haben Sie Verständnis, dass uns keine statistischen Auswertungen im Zusammenhang mit Alkohol und Gewaltdelikten vorliegen.""Ein besseres Sicherheitsgefühl am Bahnhof, mehr Sauberkeit, weniger Pöbeleien gegen Reisende oder Bahnpersonal sind die wichtigsten Argumente für ein Alkoholkonsumverbot", erklärte die Sprecherin der Bahn und verwies auf erfolgreiche Modellprojekte. "Die DB hat in den vergangenen Monaten mit Alkoholkonsumverboten unter anderem in den Bahnhöfen Köln Hbf, Berlin Zoologischer Garten und Hannover Hbf sehr positive Erfahrungen gemacht. In den Modellprojekten konnte gezeigt werden, dass deutlich weniger Müll anfällt und das Verbot dazu auch beiträgt, Gewaltkriminalität zu verringern, wie zum Beispiel am Hamburger Hauptbahnhof."
Ist Alkohol der Eskalationsfaktor Nummer Eins?
Zudem verwies die DB auf einen aktuellen Bericht des Deutschen Zentrums für Schienenforschung (DZSF). Daraus geht hervor, dass Alkohol und Drogen im Allgemeinen die Hemmschwelle für mögliche Gewalttaten gegenüber Bahnpersonal erheblich senken und vor allem auch in Zusammenhang mit Großereignissen wie Fußballspielen, Volksfesten oder Konzerten stehen. "Beispielhaft erhöht Alkohol das Gewaltrisiko einer Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit – das bedeutet aber nicht, dass alle Situationen, in denen ein Fahrgast unter Alkoholeinfluss steht, mit einem hohen Gewaltrisiko assoziiert sind", heißt es in dem Bericht. In einigen Studien, die nicht explizit in Deutschland oder Osthessen durchgeführt wurden, waren mehr als die Hälfte der Gewalttäter alkoholisiert."Ein generelles Alkoholverbot wurde zur Reduktion von Gewalt an Beschäftigten empfohlen, dessen Effektivität jedoch nicht mit empirischen Befunden belegt ist. Ebenso wurden niedrigschwellige Beschwerdemöglichkeiten angeregt, um Konflikte der Fahrgäste mit den Verkehrsunternehmen prinzipiell von den Beschäftigten fernzuhalten."